Welttag der humanitären Hilfe: Gesundheitsfachkräfte bauen sich ein neues Leben auf und leisten fern der Heimat Hilfe für ihre Mitbürger

Video - WHD 2018: the trauma surgeon working in the conflict affected area in eastern Ukraine

In der Arabischen Republik Syrien und der Ostukraine haben Jahre des Konflikts und der damit verbundenen humanitären Krise zu dramatischen Folgen für die Gesundheitssysteme geführt; Gleiches gilt für Länder wie die Türkei, wo inzwischen Millionen syrischer Flüchtlinge leben. Gesundheitsfachkräfte stehen bei eskalierenden Kampfhandlungen oftmals in vorderster Linie, wenn sie sich bemühen, unter entsetzlichen Bedingungen medizinische Hilfe zu leisten.

Tausende von Ärzten, Pflegefachkräften, Hebammen und anderen Fachkräften sind vor den Konflikten geflohen und mussten oft eine mühsam aufgebaute berufliche Laufbahn aufgeben. Viele syrische Gesundheitsfachkräfte leben heute als Flüchtlinge in der Türkei, und auch in der Ukraine wurden zahlreiche Fachkräfte von ihren Wohnorten vertrieben. Doch sogar weit von ihrer Heimat entfernt nutzen viele ihre beruflichen Qualifikationen weiter dazu, ihren Mitbürgern zu helfen, und wollen sich gleichzeitig eine neue Existenz aufbauen. Am Welttag der humanitären Hilfe 2018 würdigt die WHO die Arbeit dieser Menschen.

„Gesundheit gehört zu den zentralen Bedürfnissen der Bevölkerung in humanitären Notlagen, und Gesundheitsfachkräfte spielen eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung der am schwersten betroffenen Menschen“, sagt Dr. Nedret Emiroglu, Leiterin der Abteilung Gesundheitliche Notlagen und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa. „Die außerordentlich lange Dauer der Krisen in Syrien und der Ostukraine hat im Laufe der Jahre zu beispiellosen Bevölkerungsströmen geführt, die eine Verlagerung der Gesundheitsversorgung in Gastländer wie die Türkei erforderlich machen. Es ist anerkennenswert, wie Gesundheitsfachkräfte diese Notwendigkeit erkannt haben und ihren Mitbürgern helfen.“

„Es ist mir ein Bedürfnis, hier zu bleiben und so zu einer besseren Zukunft für das Land, in dem ich geboren bin, beizutragen.“

Im April 2014 floh der Unfall- und Orthopädiechirurg Dr. Ruslan Vereskun mit seiner Frau und seinen beiden Kindern vor dem sich verschärfenden Konflikt in seiner Heimatstadt Luhansk in der Ukraine. Wie Tausende andere Menschen hoffte auch er, innerhalb weniger Wochen wieder in sein normales Leben zurückkehren zu können. Heute, über vier Jahre später, ist er immer noch einer von rund 1,5 Millionen Binnenvertriebenen in der Ukraine.

Doch Dr. Vereskun hat die Herausforderung als Chance begriffen. Zwar konnte er nicht nach Hause zurückkehren, doch entschied er sich dafür, in der konfliktgeschüttelten Region Luhansk zu bleiben, und baute in der Industriestadt Lysychansk die erste Station für tertiäre Gesundheitsversorgung auf. Er war von dem Wunsch erfüllt, „seinen Leuten“ zu helfen.

„Ich bin sehr stolz auf mein Team und auf das, was wir zusammen erreicht haben – trotz aller Schwierigkeiten“, erklärt Dr. Vereskun zwischen zwei Operationen, wie sie täglich stattfinden. „Es ist mir ein Bedürfnis, hier zu bleiben und so zu einer besseren Zukunft für das Land, in dem ich geboren bin, beizutragen. Die glücklichen Gesichter mancher Patienten bedeuten mir ungleich mehr als materieller Nutzen.“

„Ich freue mich, dass ich meinen Landsleuten in diesen schwierigen Zeiten weiter beistehen und auch meine berufliche Laufbahn fortsetzen kann.“

Dr. Firas Osman ist ein syrischer Arzt aus Aleppo, der seit 2015 in der Stadt Gaziantep im Südosten der Türkei lebt. „Damals bei unserer Ankunft in der Türkei hatten wir das Gefühl, dass wir diesen Beruf aufgeben müssten“, erklärt er. „Wir befürchteten, dass unsere Ausbildung uns nach dem Krieg nichts mehr nützen würde, weil niemand unsere Qualifikationen anerkennen würde.“

Dr. Osman ist eine von über 1800 syrischen Gesundheitsfachkräften, die von der WHO für die Arbeit im türkischen Gesundheitssystem ausgebildet wurden. Mit dieser Initiative wollen das türkische Gesundheitsministerium und die WHO die sprachlichen und kulturellen Barrieren abbauen, vor denen Flüchtlinge beim Zugang zur Gesundheitsversorgung stehen, und gleichzeitig syrischen Gesundheitsfachkräften neue Chancen eröffnen.

„Ich freue mich, dass ich meinen Landsleuten in diesen schwierigen Zeiten weiter beistehen und auch meine berufliche Laufbahn fortsetzen kann“, lautet Dr. Osmans Fazit.

Anhaltende Notlagen belasten Gesundheitswesen in der Türkei und der Ukraine

Im Osten der Ukraine verläuft die Kontaktlinie, die die von der Regierung kontrollierten von den nicht von ihr kontrollierten Gebieten trennt, immer noch quer durch die Bezirke Donezk und Luhansk. Die Menschen auf beiden Seiten sind aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen, der fehlenden Gesundheitsversorgung und der sozialen Unsicherheit extrem anfällig.

Nach den Daten aus dem Kontrollsystem der WHO für die Verfügbarkeit von Gesundheitseinrichtungen und -angeboten (HeRAMS) sind 228 Gesundheitseinrichtungen in von der Regierung kontrollierten Gebieten aufgrund von Baufälligkeit oder durch den Konflikt verursachten Schäden sanierungsbedürftig. Zusätzlich haben 73% der nur teilweise oder gar nicht funktionsfähigen Gesundheitseinrichtungen den Mangel an Gesundheitspersonal als einen entscheidenden Faktor für die Einschränkungen in der Gesundheitsversorgung identifiziert.

Die 3,6 Mio. syrischen Flüchtlinge in der Türkei stellen das türkische Gesundheitssystem vor erhebliche Herausforderungen bei der Gestaltung von Konzepten und Leistungsangeboten sowie bei der Mobilisierung von Ressourcen. Darüber hinaus muss sich das Gesundheitssystem auch darauf einstellen, sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden und das türkische Gesundheitspersonal darauf vorzubereiten, sich mit speziellen gesundheitlichen Aspekten des Migrationsprozesses auseinanderzusetzen.

Die besonderen gesundheitlichen Bedürfnisse der Flüchtlinge sind durch die psychischen und psychologischen Folgen von Konflikt und Vertreibung, durch Schwierigkeiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung zwecks Behandlung von chronischen Erkrankungen und Behinderungen sowie durch Herausforderungen bei der Prävention von aus schwierigen Lebensbedingungen resultierenden Infektionskrankheiten bedingt.

Gut ausgebildetes Gesundheitspersonal als vorrangiges Ziel der Arbeit der WHO im humanitären Bereich

Sowohl in der Türkei als auch in der Ukraine arbeiten Experten der WHO zusammen mit den jeweils zuständigen Gesundheitsbehörden darauf hin, Gesundheitsfachkräfte auf die gesundheitliche Versorgung ihrer Mitbürger vorzubereiten. Die Schulungen für das Gesundheitspersonal umfassen die Bereiche Rehabilitation, Impfwesen und Labormanagement, aber auch die psychische Gesundheitsversorgung und die psychosoziale Betreuung.

Die WHO strebt auch an, die Fähigkeiten von gemeindenahen Kräften zu verbessern, um die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen unter von Knappheit geprägten Bedingungen zu stärken. Dazu gehören der Einsatz nicht-professioneller Hilfskräfte in der Ukraine, die für Aufgaben der psychischen Betreuung geschult werden, und die Tätigkeit syrischer Flüchtlinge in der Türkei, die für die häusliche Versorgung älterer und behinderter Flüchtlinge geschult werden, die nur mit Schwierigkeiten Gesundheitszentren erreichen können.

„Investitionen in die qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen und Vertriebenen durch geschultes, motiviertes und sozial integriertes Gesundheitspersonal stellen eine langfristige Investition dar“, erklärt Dr. Emiroglu. „Sie entsprechen voll und ganz der Zukunftsvision der WHO für die Bewältigung von Notlagen, die den Aufbau leistungsfähigerer Gesundheitssysteme für die Zukunft voraussetzt. Das Gesundheitspersonal bildet eine Säule eines starken Gesundheitssystems, und wir werden alles in unseren Kräften Stehende tun, um diese Menschen in die Lage zu versetzen, sich eine neue berufliche Existenz aufzubauen, damit sie den Bedürftigen helfen können.“