Psychologische Erste Hilfe: Unterstützung an vorderster Linie in Notsituationen

WHO

Bisher Hussein enters the mental health and psychosocial support centre where he works with Syrian refugees

Das Thema des Welttages für psychische Gesundheit ist die Psychologische Erste Hilfe – die wichtige unmittelbare psychologische und psychosoziale Unterstützung für Menschen in Krisensituationen. Zu diesen zählen Kriege, Katastrophensituationen und andere Arten von Trauma wie Unfälle oder körperliche Übergriffe. Anders als der Begriff nahe legt, umfasst die „Psychologische Erste Hilfe“ sowohl die psychologische als auch die soziale Unterstützung.

Psychologische und psychosoziale Betreuung finden in vielerlei Form statt und können von vielen Menschen bereitgestellt werden, die Hilfe leisten können: Gesundheitspersonal, Lehrer, Feuerwehrpersonal oder Gemeinwesenarbeiter. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sich für die psychische Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen in der Türkei einsetzt, die vor dem Konflikt in der Arabischen Republik Syrien geflohen sind.

Psychologische und psychosoziale Betreuung von syrischen Flüchtlingen in der Türkei

Bei Tagesanbruch betritt Bisher Hussein die Klinik für psychologische und psychosoziale Versorgung, wo er den ganzen Tag lang Termine mit Patienten und Auszubildenden hat. Er vergewissert sich, dass alles für den langen Arbeitstag bereit ist, und rückt die Stühle zurecht, sodass er neben seinen Patienten sitzen kann und diese sich imstande fühlen, über ihre innersten Gefühle zu sprechen. Heute hat er wie an den meisten Tagen eine Reihe von Gesprächen mit syrischen Flüchtlingen vor sich, die ihre Häuser verlassen mussten. Viele von ihnen haben alles verloren, sogar ihre Angehörigen. „Meine Aufgabe ist es, sie ins Leben zurückzuführen“, sagt Hussein.

Vor dem Konflikt war Hussein vier Jahre lang Leiter eines Zentrums in Damaskus, wo er sich speziell mit Entwicklungsproblemen bei Kindern befasste. Als sich nach Ausbruch des Konflikts der Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung erhöhte, begann er, auch mit Erwachsenen zu arbeiten. 2012 beschloss Hussein, sein Land zu verlassen, und zog in die Türkei, wo er seinen Landsleuten mit seinem psychologischen Fachwissen helfen wollte.

“„Als ich losfuhr, hatte ich nur 500 Dollar, um ein neues Leben anzufangen“, erzählt er. Er begründete ein Projekt für psychische Gesundheitsfürsorge in der Provinz Şanlıurfa, die besonders stark von den Flüchtlingsströmen betroffen ist. „Ich war sehr froh, endlich wieder arbeiten zu können. Leider endete das Projekt schon nach zwei Wochen, weil das Geld ausging. “Der Mangel an Mitteln für Projekte der psychischen Gesundheitsfürsorge erwies sich als ein ständiges Problem, doch schließlich konnte er zusammen mit einem Kollegen ein kleines Versorgungszentrum eröffnen, das sich auf die psychologische Versorgung und psychosoziale Betreuung von Kindern spezialisiert. Innerhalb der nächsten beiden Jahre arbeiteten sie mit mehreren Schulen zusammen und konnten so 5000 Kinder und ihre Familien erreichen.

Anfang 2014 wurde Hussein Mitarbeiter in einem größeren Team in einem Zentrum für psychologische und psychosoziale Betreuung in der türkischen Stadt Gaziantep, wo er bis heute tätig ist und sich hauptsächlich um syrische Flüchtlinge kümmert. Er gehört auch zu der Gruppe, die von dem WHO-Büro in Gaziantep aus das Aktionsprogramm der Weltgesundheitsorganisation zur Schließung von Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung (mhGAP) umsetzen. Dieses soll sicherstellen, dass psychologische und psychosoziale Betreuung für alle Flüchtlinge erreichbar ist, auch dort, wo die Mittel knapp und die Kapazitäten in der Versorgung begrenzt sind. In dieser Situation wenden Hussein und andere Fachkräfte in der psychologischen und psychosozialen Betreuung das von der WHO erstellte Protokoll für Psychosoziale Erste Hilfe (PEH) an. Dadurch können sie die Patienten an grundlegende soziale Angebote in ihrem Umfeld verweisen, jene Patienten behandeln, die Nachsorge oder Medikamente benötigen, und sie ggf. an einen Facharzt überweisen.

Hussein erklärt, dass es in vielerlei Hinsicht sehr schwer ist, die Menschen zu erreichen, die eine psychologische und psychosoziale Betreuung brauchen: „Das ist immer noch mit einem Stigma behaftet. Es hindert die Menschen daran, Hilfe zu suchen, da sie befürchten, von ihren eigenen Familien, in ihrer Nachbarschaft und im Freundes- oder Kollegenkreis stigmatisiert zu werden. Eine andere Herausforderung besteht darin, dass manche Betroffenen sich gar nicht im Klaren darüber sind, was mit ihnen geschieht. Oder wenn sie sich dessen bewusst sind, wissen sie oft nicht, wie sie die benötigte Hilfe erhalten.“

Es war also kein leichter Weg, aber Hussein ist stolz auf seine Arbeit zur Unterstützung seiner flüchtigen syrischen Landsleute in der Türkei. „Sehen Sie, das ist humanitäre Arbeit“, sagt er. „Aber humanitäre Arbeit ist mehr als nur eine Reaktion auf einen Notfall. Sie dauert so lange, wie irgendjemand irgendwo unsere Hilfe braucht. Und solange die Menschen meine Hilfe brauchen, werde ich weitermachen.“