Aufsuchende psychosoziale Versorgung von Binnenvertriebenen in Syrien

UOSSM

Eine mobile Klinik für psychische Gesundheit besucht eines des Lager für binnenvertriebene Syrer, um psychische und psychosoziale Unterstützung zu leisten und auf die Verfügbarkeit dieser Dienste aufmerksam zu machen.

„Der Patient sagte mir, wenn er eine Waffe hätte, würde er sich umbringen“, erinnert sich Yasir*, der im kriegsgebeutelten Nordwesten Syriens als Fachkraft für psychische Gesundheit tätig ist. Er sprach mit einem geschiedenen Vater von drei Kindern, der angesichts des Auseinanderbrechens seiner Familie völlig verzweifelt war. „Ich fragte: ,Warum eine Waffe?‘ Er antwortete: ,Damit geht es am schnellsten. Mit einem Messer würde ich nur leiden.‘“

Wie viele im Bereich der psychischen Gesundheit tätige Fachkräfte in Syrien hat Yasir jeden Tag mit schwierigen Fällen zu tun. Anders als bei seinen Kollegen kommen seine Patienten jedoch nicht zu ihm. Vielmehr fährt er zu ihnen in einer von der WHO unterstützten mobilen Klinik für psychische Gesundheit, die Dörfer, Lager für Binnenvertriebene und andere schwer zu erreichende Orte aufsucht. „Binnenvertriebene flüchten vor den Bomben. Viele von ihnen leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)“, erzählt er.

Yasir ist ein Familienarzt, der von der WHO speziell geschult wurde, um unmittelbare psychische Gesundheitsversorgung im Nordwesten Syriens zu leisten. Die von ihm absolvierte Weiterbildung orientiert sich am Interventionsleitfaden zum Aktionsprogramm der WHO zur Schließung von Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung (mhGAP), der u. a. die Diagnose und Behandlung von Psychosen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen umfasst. Nach der Weiterbildung schloss er sich dem Team der mobilen Klinik an, die von einer Partnerorganisation der WHO, der Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM), betrieben wird.

„Nach sieben Jahren Krieg leidet ein Großteil der syrischen Bevölkerung an psychischen Problemen“, sagt Dr. Annette Heinzelmann, die Notfallkoordinatorin in der Außenstelle der WHO in Gaziantep (Türkei). Das Büro erbringt im Rahmen des „gesamtsyrischen Ansatzes“ der WHO eine Vielzahl von grenzübergreifenden Gesundheitsleistungen für die Menschen im Nordwesten Syriens. „Die psychische Gesundheit gehört zu unseren vorrangigen Aufgaben. Aus diesem Grund unterstützt die WHO ihre Partner im Gesundheitsbereich bei der Erbringung von hochwertigen psychischen Gesundheitsleistungen, um der syrischen Bevölkerung dabei zu helfen, ihre innerlichen Kriegswunden zu heilen.“

Mobile Kliniken für psychische Gesundheit gehen dorthin, wo sie gebraucht werden

Mit Unterstützung der WHO leitet UOSSM ein stationäres Zentrum für psychische Gesundheit im Nordwesten Syriens, in dem Patienten mit akuten psychischen Problemen behandelt werden. Doch: „Man kann nicht einfach da sitzen und warten, dass die Menschen zu einem kommen. Man muss auf die Menschen zugehen“, sagt Samir*, ein syrischer Psychologe, der jenseits der Grenze in der Türkei für UOSSM tätig ist. „Manchmal sind psychische Probleme mit einer Stigmatisierung verbunden. Die Menschen sind nicht mit Angeboten der psychischen Gesundheitsversorgung vertraut, sie wissen nicht, dass man ihnen helfen kann.“ Um das Bewusstsein für psychische Gesundheit zu schärfen, entwickelt die WHO Materialien, die von UOSSM verteilt werden.

Die treibende Kraft hinter den von der WHO unterstützten mobilen Kliniken für psychische Gesundheit ist die Notwendigkeit, proaktiv auf Patienten mit psychischen Problemen zuzugehen. „Mobile Kliniken bringen der Bevölkerung psychische Gesundheitsangebote näher. Das macht einen großen Unterschied, denn es bedeutet, dass auch die gefährdetsten Gruppen – wie Kinder, ältere Menschen, Schwangere und stillende Mütter oder Menschen mit Behinderungen – psychologische Unterstützung erhalten können“, sagt Dr. Manuel de Lara, ein bei der WHO-Außenstelle in Gaziantep tätiger Experte für psychische Gesundheit. Ohne die mobilen Kliniken hätten viele dieser Menschen keinen Zugang zu dieser Art von Hilfe.

Im Zeitraum zwischen Oktober 2017 (als zwei mobile Kliniken für psychische Gesundheit ihre Tätigkeit aufnahmen) und März 2018 nahmen Binnenvertriebene in Nordsyrien insgesamt mehr als 830 Konsultationen im Bereich der psychischen Gesundheit und fast 5000 Maßnahmen zur Sensibilisierung für psychische Gesundheit in Form psychosozialer Unterstützung in Anspruch. Mit Stand April 2018 betreuen die mobilen Kliniken eine Zahl von geschätzt 162 000 Binnenvertriebenen. Ab Juni 2018 werden zwei weitere mobile Kliniken für psychische Gesundheit ihren Betrieb aufnehmen und so neue Gebiete abdecken können.

An dem Tag, an dem Yasir den suizidgefährdeten Mann traf, besuchte eine der mobilen Kliniken ein Lager für Binnenvertriebene. „Ich fragte ihn nach jedem kleinsten Detail seiner Schlafgewohnheiten, seines Tagesablaufs und seiner allgemeinen Befindlichkeit“, erzählt Yasir. „Er hatte jegliche Hoffnung verloren. Er fühlte sich, als seien ihm sämtliche Türen verschlossen.“ Patienten, die unter einer solch schweren Depression leiden, brauchen gründliche Nachsorge und Überwachung. Yasir verwies den Mann an das von UOSSM geleitete Zentrum für psychische Gesundheit und hofft, dass ihm dort geholfen werden kann.

Durch Hilfe die Menschen wieder zum Lächeln bringen

Psychosoziale Betreuer besuchen auch Schulen und Wohnungen und gehen dabei oftmals von Tür zu Tür. „Dies ist die vorderste Front, bevor die Menschen in einem Krankenhaus von einem Psychiater behandelt werden“, erklärt Samir. „Es gibt viele leichte und mittelschwere Fälle. Die Menschen leiden unter Depressionen, PTBS, Angststörungen oder selektivem Mutismus. Bei Letzterem verstummen Kinder in Anwesenheit fremder Menschen.“

Wenn sie von Tür zu Tür gehen, sprechen die Fachkräfte mit den Bewohnern, um psychische Probleme feststellen und Beratung und Unterstützung bieten zu können. Je nach den Bedürfnissen der Patienten kann das Team auch Arzneimittel verschreiben.

Bei einem Besuch traf Yasirs Team eine junge Syrerin, die unter Alpträumen, Halluzinationen und anderen Symptomen einer schweren Angststörung litt. „Bei der mhGAP-Schulung haben wir gelernt, sie dazu zu ermutigen, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen und Routinetätigkeiten wieder aufzunehmen“, sagt Yasir. „Ihre psychische Situation hat sich seit unserem Besuch ein wenig verbessert. Damals lächelte sie überhaupt nicht, jetzt kann sie wieder lächeln. Sie hat begonnen, ihrer Mutter bei der Hausarbeit zu helfen.“

Die bei UOSSM tätigen Fachkräfte bieten auch spezielle Leistungen für Kinder an, u. a. für jene, die Zeugen traumatischer Ereignisse wurden. „Es gibt Kinder, die aufgrund von psychischen Problemen nicht genug essen. Kinder leiden unter Alpträumen“, sagt Samir. Bei der Entwicklung von Behandlungsplänen für diese Kinder folgen die gemeindenahen Fachkräfte von UOSSM den Leitlinien der WHO.

Zusammenarbeit mit Partnern in der psychischen Gesundheitsversorgung

Die WHO-Außenstelle in Gaziantep baut Kapazitäten im Bereich der psychischen Gesundheit und der psychosozialen Betreuung auf, entwickelt Informationsmaterial für die Bevölkerung, schärft deren Bewusstsein für psychische Probleme und unterstützt Partnerorganisationen bei Beratungsangeboten. Ab Mai 2018 werden 60 psychosoziale Fachkräfte nichtstaatlicher Partnerorganisationen im Rahmen einer sechsmonatigen WHO-Schulung lernen, wie man psychische Betreuungsarbeit leistet. Bei der Schulung wird es auch um klinische Supervision und Unterstützung gehen.

Die mobilen Kliniken für psychische Gesundheit werden von der japanischen Regierung finanziert. Die Tätigkeiten der WHO zum Kapazitätsaufbau im Bereich der psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung werden vom britischen Ministerium für internationale Entwicklung (DFID) gefördert.

*Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.