Ein weitreichendes Abkommen von der VSK21 ist wichtig für die Gesundheit – und für die Europäische Region

ORFK/H. Szabó Sándor

Hochwasser in jüngster Zeit in Ungarn. Foto: H. Szabó Sándor, ORFK

Seit 30. November 2015 sind über 20 000 Unterhändler aus aller Welt in Le Bourget bei  Paris zur 21. Jahrestagung der Konferenz der Vertragsparteien (VSK21) des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) versammelt. Die Zielsetzung der Konferenz besteht darin, einen rechtsverbindlichen Vertrag hervorzubringen, der alle Länder weltweit zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet. Seit fast zwei Wochen erörtern die Unterhändler Themen, die von Klimaschutz (Reduzierung der Treibhausgasemissionen) über Anpassungsmaßnahmen bis zu Fragen der Finanzierung reichen. Inzwischen liegt der Entwurf eines Abkommens vor, und die Länder wollen in den nächsten Tagen zu einer endgültigen Einigung kommen.

Die VSK21 ist ein „entscheidender Augenblick", wie die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, auf einer hochrangigen Nebenveranstaltung am 9. Dezember in Paris erklärte. Ähnliche Einschätzungen waren in den vergangenen zwei Wochen von verschiedenen führenden Politikern, Experten und Aktivisten aus aller Welt zu hören, u. a. vom Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon. In seiner Ansprache an die VSK21 erklärte er: „Die Uhr tickt auf eine Klimakatastrophe zu .... In Paris muss die Welt die Weichen für langfristigen Frieden, Stabilität und Wohlstand stellen. Die Entscheidungen, die Sie hier treffen, werden das Leben vieler Generationen beeinflussen."

Gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels

Angesichts der Verhandlungen in Paris gilt es hervorzuheben, warum Gesundheitsaspekte bei Klimaschutzmaßnahmen von zentraler Bedeutung sind. In ihrer Rede in Paris bezeichnete Dr. Jakab ein Klimaabkommen als „entscheidende Voraussetzung für die Gesundheit der Bevölkerung", und die vorliegenden Daten verdeutlichen den Grund. Denn nach Einschätzung der WHO wird der Klimawandel zwischen 2030 und 2050 weltweit jährlich über 250 000 zusätzliche Todesfälle verursachen. Die Europäische Region bleibt von diesen Folgen nicht verschont – der Klimawandel macht nicht vor Grenzen Halt.

Die Welt und die Europäische Region müssen entschlossene Maßnahmen ergreifen, um den Klimawandel zu mildern und sich an die Klimaänderungen anzupassen. Ein unkontrollierter Klimawandel kann schwerwiegende Auswirkungen auf die Europäische Region haben:

  • geschätzte jährlich 15 280 zusätzliche hitzebedingte Todesfälle im Jahr 2030 und 32 152 zusätzliche Todesfälle im Jahr 2050 in der Altersgruppe der über 65-Jährigen in der Europäischen Region;
  • Flusshochwässer, von denen bis zu den 2080er Jahren geschätzt zusätzliche 250 000 bis 400 000 Menschen in der Europäischen Union pro Jahr betroffen sein werden, mehr als das Doppelte der Zahl für den Zeitraum 1961–1990;
  • Veränderungen in der Verbreitung von Vektoren wie Zecken und Stechmücken und die daraus resultierende Ausbreitung von Krankheiten wie West-Nil-Virus, Chikungunya-Fieber und Dengue-Fieber in der Europäischen Region;
  • Verlängerung der Pollensaison mit Auswirkungen für Allergiker (die Pollensaison in Europa hat sich in den vergangenen 30 Jahren bereits um durchschnittlich 10 bis 11 Tage verlängert);
  • eine Abnahme der Ernteerträge um bis zu 30% in Zentralasien bis Mitte des Jahrhunderts und eine Abnahme um bis zu 25% in Südeuropa, die jeweils zu ernsthaften Versorgungs- und Ernährungsproblemen führen dürften; und
  • eine prognostizierte Abnahme der erneuerbaren Wasserressourcen in der Welt um 20% für jedes Grad Celsius Temperaturanstieg infolge der Erderwärmung.

Ein weitreichender Klimavertrag könnte weltweit viele Menschenleben retten.

Investitionen in die Entwicklung CO2-armer Technologien und umweltfreundlicher erneuerbarer Energien sowie eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel sind auch Investitionen in die Gesundheit. Beispiele:

  • Maßnahmen zur Reduzierung der Luftverschmutzung sowie anderer Luftschadstoffe als CO2 (z. B. Ruß) könnten eine Verringerung der 7 Mio. Todesfälle weltweit und der etwa 600 000 Todesfälle in der Europäischen Region der WHO bewirken. 
  • Eine Reform der globalen Energiesubventionen könnte die CO2-Emissionen um über 20% senken, die Zahl der vorzeitigen Todesfälle aufgrund von Luftbelastung um mehr als die Hälfte reduzieren und die staatlichen Einnahmen um fast 3 Billionen US-$ erhöhen.
  • Die Umsetzung und Durchsetzung strengerer Normen für Fahrzeugemissionen und Energieeffizienz könnte eine Senkung des Ausstoßes kurzlebiger Klima- und Luftschadstoffe bewirken und so ca. 2,4 Mio. Menschenleben pro Jahr retten und bis 2050 die Erderwärmung um ca. ein halbes Grad Celsius verringern.
  • Bei einer Senkung des Anteils des Gesundheitswesens der Länder Europas an den CO2-Emissionen von derzeit 4,2% könnten 15 000 bis 30 000 Krankheitsfälle verhindert werden.

Maßnahmen des Gesundheitswesens zur Bewältigung des Klimawandels

Zur Bewältigung der Herausforderungen aufgrund des Klimawandels und zur Schaffung klimaresilienter Gemeinschaften wird das Gesundheitswesen wohl u. a. folgende
Maßnahmen ergreifen müssen:

  • Verstärkung der epidemiologischen Überwachung, insbesondere für klimasensible Vektorkrankheiten;
  • Überwachung sich verändernder Umweltbelastungen;
  • Gewährleistung der Versorgung mit unentbehrlichen Arzneimitteln und Gesundheitsleistungen während Katastrophensituationen;
  • Verbesserung der Bereitschaftsplanung und der Sofortmaßnahmen bei Hitzeperioden und anderen extremen Wetterereignissen;
  • Erleichterung der Abstimmung zwischen Gesundheitspolitik und anderen Ressorts bei der Bewältigung von Veränderungen hinsichtlich der Inzidenz und der geografischen Verbreitung von Krankheiten.

Die Welt wartet nun auf die Ergebnisse der VSK21 – und die Antwort auf die Frage, ob die Länder sich auf konkrete Wege zur Bewältigung einer der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit einigen können. In diesem entscheidenden Augenblick müssen wir uns erneut vergegenwärtigen, dass der Klimawandel nicht nur die natürlichen Ressourcen der Welt bedroht. Vielmehr ist sein Potenzial zur Beeinträchtigung von Gesundheit und Wohlbefinden eine schwerwiegende Bedrohung für die wichtigste Ressource auf unserem Planeten: seine Menschen.