Überwindung der Luftverschmutzung zum Schutz der Gesundheit: Weltumwelttag 2019

Das Thema des Weltumwelttages am 5. Juni lautet „Überwindung der Luftverschmutzung“. Die Luft, die wir atmen, ist eine Grundvoraussetzung für unsere Existenz, doch manchmal vergessen wir die Bedeutung, die die Luftqualität für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden hat.

Auch wenn es viele Gründe für die Weltgemeinschaft gibt, energisch gegen Luftverschmutzung vorzugehen, so liegt doch der vielleicht überzeugendste in der direkten positiven Wirkung solcher Maßnahmen auf unsere Gesundheit und die unserer Kinder. Anlässlich des Weltumwelttages hat Dr. Dorota Jarosińska, Leiterin des Programms für Luftqualität beim Europäischen Zentrum der WHO für Umwelt und Gesundheit (ECEH) in Bonn, einige der dringendsten Fragen über Luftverschmutzung, ihre Gesundheitsfolgen und die von uns ergriffenen Gegenmaßnahmen beantwortet.

Zunächst einmal, was ist Luftverschmutzung?

Dr. Dorota Jarosińska: Luftverschmutzung ist die Verunreinigung der von uns eingeatmeten Innen- und Außenluft durch chemische, physikalische oder biologische Wirkstoffe, die ihre natürlichen Eigenschaften verändern. Zu den Schadstoffen, bei denen es die meisten Belege für gesundheitliche Bedenken gibt, zählen Feinstaub (PM), Ozon (O3), Stickstoffdioxid (NO2) und Schwefeldioxid (SO2). Die durch Feinstaub mit einer Partikelgröße unter 10 bzw. 2,5 Mikrometern (PM10 bzw. PM2.5) bedingten Gesundheitsrisiken sind für die öffentliche Gesundheit von besonderer Bedeutung. Feinstaubpartikel können bis tief in die Lungenwege vordringen und in den Blutkreislauf gelangen, was in erster Linie Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-System und Atemwege hat. 2013 wurden Außenluftverschmutzung und Feinstaubbelastung vom Internationalen Krebsforschungszentrum der WHO (IARC) als krebserregend eingestuft.

Wie wirkt sich Luftverschmutzung konkret auf die Gesundheit aus?

Die Luftverschmutzung betrifft uns alle. Sie ist – nach Tabakkonsum – die zweithäufigste Ursache von Todesfällen aufgrund nichtübertragbarer Krankheiten. Im Jahr 2016 waren in der Europäischen Region der WHO insgesamt mehr als 550 000 Todesfälle auf die Auswirkungen von Luftverschmutzung in Haushalten und Umgebung (Außenluft) zurückzuführen. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen kann eine kurz- oder langfristige Exposition gegenüber Luftverschmutzung Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Bei Kindern kann dies eine Beeinträchtigung von Lungenwachstum und Lungenfunktion sowie Atemwegserkrankungen und verstärkte Asthmasymptome beinhalten. Bei Erwachsenen sind ischämische Herzkrankheit und Schlaganfall die häufigsten Ursachen für vorzeitige Todesfälle aufgrund von Außenluftverschmutzung. Ferner häufen sich die Hinweise auf andere Auswirkungen der Luftverschmutzung wie Diabetes, neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern und neurodegenerative Erkrankungen bei Erwachsenen.

Die WHO hat Leitlinien für Luftqualität zum Schutz der Gesundheit festgelegt: können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?

Seit Mitte der 1980er Jahre hat die WHO durch ihr Regionalbüro für Europa die Federführung bei der Ausarbeitung einer Reihe von Leitlinien für Luftqualität inne. Sie beinhalten Richtwerte für mehrere Luftschadstoffe, deren Einhaltung zu einer wesentlichen Verringerung der Gesundheitsrisiken führen würde. Obwohl die Leitlinien nicht rechtsverbindlich sind, werden sie doch allgemein als Bezugswerte verwendet, die Politikern in aller Welt dabei behilflich sein sollen, Normen und Ziele für die Reinhaltung der Luft festzulegen. Sie enthalten auch Empfehlungen für die Entwicklung gesundheitspolitischer Konzepte und Instrumente.

Die letzte Ausgabe der Leitlinien ist von 2005. Haben sie noch Gültigkeit und wann werden sie aktualisiert?

Die Leitlinien der WHO für Luftqualität (AQG) wurden zuletzt 2005 aktualisiert und beinhalten Empfehlungen für die vier verbreitetsten Luftschadstoffe: Feinstaub, Ozon, Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid. Sie basierten auf einer Bestandsaufnahme der damals vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und liefern als solche immer noch solide gesundheitliche Argumente für eine Verbesserung der Luftqualität. Seitdem hat sich die Evidenzgrundlage für die gesundheitsschädliche Wirkung einer kurz- oder langfristigen Exposition gegenüber diesen Schadstoffen deutlich vergrößert und erweitert. Deshalb begann die WHO 2016 mit der Aktualisierung der Leitlinien, die noch im Gange ist.

Wer ist der Luftverschmutzung ausgesetzt?

Fast jeder ist der Luftverschmutzung ausgesetzt. Auch wenn zur Verbesserung der Luftqualität viel getan wird, so gibt es doch weiterhin in vielen Teilen der Welt, einschließlich der Europäischen Region, Hinweise auf gesundheitsschädliche Auswirkungen der Luftverschmutzung. So war beispielsweise nach Angaben der Europäischen Umweltagentur trotz einer Senkung der Emissionen von PM10 die Mehrheit der städtischen Bevölkerung in den zwischen 2000 und 2015 untersuchten Ländern der Europäischen Region Konzentrationen ausgesetzt, die oberhalb des jährlichen Richtwerts aus den Leitlinien der WHO lagen.

Wie lässt sich die Luftqualität verbessern?

Zur Verbesserung der Luftqualität müssen wir die vielfältigen Quellen der Luftverschmutzung in Angriff nehmen. Die wichtigsten Quellen der Luftverschmutzung sind Landwirtschaft, Energiewirtschaft, Verkehrswesen, Industrie, Handel und Abfallwirtschaft sowie die Verbrennung fester Brennstoffe im Haushalt; eine weitere wesentliche Quelle zur Belastung der Innenluft ist Tabakrauch. Deshalb brauchen wir einen sehr breit angelegten Ansatz zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. In unseren Mitgliedstaaten finden eine Vielzahl von Veränderungen statt, die zu einer Verbesserung der Luftqualität beitragen, doch wir müssen noch weit mehr tun.

Zu den wirksamen Maßnahmen, die viele Länder und Kommunen bereits ergriffen haben, gehören:

  • die Einführung sauberer Technologien in der Industrie zur Verringerung des Schadstoffausstoßes und die Verbesserung der Abfallwirtschaft;
  • die Sicherstellung des Zugangs zu bezahlbarer sauberer Energie für Kochen, Heizen und Beleuchtung im Haushalt;
  • der vorrangige Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln in städtischen Gebieten sowie von Netzwerken für Fußgänger und Radfahrer und von zwischenstädtischem Bahnverkehr;
  • die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden und die umweltfreundlichere, kompaktere und damit energieeffizientere Gestaltung von Städten;
  • die Ausweitung der Nutzung von erneuerbaren Energien wie Solarenergie, Wind- und Wasserkraft;
  • die Einführung von Strategien zur Vermeidung, Trennung, Verwertung, Wiederverwendung oder Aufbereitung von Abfällen.

2018 wurde auf der dritten Tagung der Vereinten Nationen auf hoher Ebene über nichtübertragbare Krankheiten die Verschmutzung der Haushalts- und Außenluft als ein Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten anerkannt – zusammen mit ungesunder Ernährung, Rauchen, Alkoholmissbrauch und Bewegungsmangel.

Was tut die WHO zur Unterstützung ihrer Mitgliedstaaten?

Das WHO-Regionalbüro für Europa unterstützt die Mitgliedstaaten im Rahmen des Prozesses Umwelt und Gesundheit in Europa durch fachliche Hilfe, Kapazitätsaufbau und Überzeugungsarbeit. Wie bereits erwähnt, arbeitet die WHO gegenwärtig an der Aktualisierung der globalen Leitlinien für Luftqualität, um die bisher geltenden Werte für eine Reihe von Luftschadstoffen zu korrigieren. Wir haben auch Instrumente wie AirQ+ entwickelt, das die gesundheitlichen Auswirkungen einer Exposition gegenüber Luftverschmutzung quantifizieren soll, sowie Instrumente, die gesundheitliche Argumente für Städtebau- und Klimaschutzkonzepte unterstützen.

Das ECEH führt auch den Vorsitz in der gemeinsamen Sonderarbeitsgruppe zu den Gesundheitsaspekten der Luftverschmutzung unter dem Dach des Übereinkommens über weiträumige grenzüberschreitende Luftverunreinigung (LRTAP) der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE). Innerhalb der Sonderarbeitsgruppe setzen sich Umwelt- und Gesundheitsexperten aktiv mit den Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit auseinander und sind bei der Festlegung künftiger Prioritäten behilflich.