Ist das Trinkwasser in der Europäischen Region sicher?

WHO/Oliver Schmoll

Das WHO-Regionalbüro für Europa und das tadschikische Ministerium für Gesundheit und soziale Sicherheit arbeiten gemeinsam an einem von Finnland finanzierten Projekt zur Verbesserung des Zugangs zu sicherem Trinkwasser in Tadschikistan.

Millionen von Menschen in der Europäischen Region der WHO trinken verunreinigtes Trinkwasser, oft ohne davon zu wissen. Nach Schätzungen der WHO sterben jeden Tag 14 Menschen an Durchfallerkrankungen infolge einer unzureichenden Wasser- und Sanitärversorgung und Hygiene (WASH).

In vielen Wohnungen ist sauberes und sicheres Trinkwasser nicht verfügbar; dies gilt insbesondere in ländlichen Gebieten. In der Europäischen Region haben 57 Mio. Menschen keinen Wasseranschluss in der Wohnung, und 21 Mio. Menschen haben noch immer keinen Zugang zu einer grundlegenden Trinkwasserversorgung. Sie benutzen Wasser aus ungeschützten Brunnen und Quellen, trinken direkt unbehandeltes Oberflächenwasser oder haben beim Wasserholen einen Weg von über 30 Minuten. Etwa drei Viertel der Personen ohne Zugang zu einer einfachen Trinkwasserquelle leben in ländlichen Gebieten.

Die WHO hat globale gesundheitsbezogene Leitlinien für die Trinkwasserqualität festgelegt. Eine zentrale Säule dieser Leitlinien bildet das Konzept des Wassersicherheitsplans (WSP). Nach Einschätzung der WHO sind WSP das wirksamste Mittel, um die Sicherheit der Trinkwasserversorgung durchgehend zu gewährleisten.
Durch sein in Bonn angesiedeltes Europäisches Zentrum für Umwelt und Gesundheit (ECEH) arbeitet das WHO-Regionalbüro für Europa bei der Umsetzung der Leitlinien mit den Ländern zusammen. Das ECEH unterstützt die Länder konkret bei der Untersuchung und Bewertung ihrer Trinkwasserversorgung sowie bei der Prioritätensetzung im Hinblick auf die Verbesserung der Wasserqualität und des Zugangs zu einer sicheren Wasser- und Sanitärversorgung. Die Ergebnisse fließen in nationale Handlungskonzepte und Maßnahmen ein und ermöglichen die Annahme des WSP-Ansatzes.

Projekte für sichere Wasserversorgung in Serbien und Tadschikistan

In jüngster Zeit durchgeführte Projekte der WHO in Serbien und Tadschikistan haben verdeutlicht, vor welchen Herausforderungen die Menschen in ländlichen Gebieten beim Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser stehen. In Tadschikistan etwa haben 32% der ländlichen Bevölkerung keinen Zugang zu einer grundlegenden Trinkwasserversorgung.

Mit Blick auf die Wassersicherheit erfüllte ein Drittel der in Serbien untersuchten ländlichen Wasserversorgungssysteme nicht die Anforderungen an die mikrobiologische Trinkwasserqualität, und über 60% waren von einer möglichen Verunreinigung durch Latrinen, Abwässer, Viehzucht, Landwirtschaft, Straßenverkehr, Industrie, Abfallentsorgung und andere Verschmutzungsquellen bedroht.

„Die landesweite Bewertung kleinerer Wasserversorgungssysteme in ländlichen Gebieten bildet eine solide Grundlage für die Bestimmung der wichtigsten Bedrohungen für die Gesundheit der Bevölkerung durch unsauberes Trinkwasser“, erklärte Dr. Ferenc Vicko, der Staatssekretär beim serbischen Gesundheitsministerium. „Die Ergebnisse der Bewertung haben auch stichhaltige gesundheitliche Argumente dafür geliefert, die Erstellung von Wassersicherheitsplänen gemäß den Empfehlungen der WHO gesetzlich vorzuschreiben, Aktionspläne zu entwickeln und die Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren.“

Die Ergebnisse der von der WHO unterstützten Untersuchung in Serbien flossen in die konkreten Empfehlungen an die nationalen Behörden ein, die wiederum eine Überarbeitung der einschlägigen Vorschriften zur Folge hatten. Das Land hat bereits zwei wesentliche Interventionen zur Verbesserung kleinerer Wasserversorgungssysteme durchgeführt. Erstens hat es in dem Gesetzesentwurf für die Trinkwasserversorgung eine neue Bestimmung hinzugefügt, die die Einführung und Umsetzung von WSP vorschreibt, die die Steuerung einer sicheren Trinkwasserversorgung gewährleisten. Zweitens forciert es zunehmend den Vollzug der Vorschriften über die Einrichtung und Trägerschaft von Wasserversorgungssystemen (unabhängig von deren Größe), um ihre Führung durch dazu ermächtigte juristische Personen sicherzustellen.

In Tadschikistan bietet die WHO Gelegenheiten zu einem umfassenden Kapazitätsaufbau durch Unterstützung der Einrichtung eines nationalen Teams von „WSP-Moderatoren“ und durch Verbesserung der Kompetenz vor Ort bei der Entwicklung von WSP mittels eng begleiteter Pilotprojekte in ländlichen Gebieten.

Zu den Ergebnissen des Projekts für eine sichere Trinkwasserversorgung in Tadschikistan zählen die Einbeziehung des von der WHO empfohlenen WSP-Ansatzes in einen entsprechenden Gesetzesentwurf und die Stärkung der Personal- und Laborkapazitäten des Landes für die Surveillance von Trinkwasserversorgung und -qualität. Das vom finnischen Außenministerium finanzierte Projekt steht unter der gemeinsamen Federführung des WHO-Regionalbüros für Europa und des tadschikischen Ministeriums für Gesundheit und soziale Sicherheit.
„Es war beeindruckend zu sehen, wie die Wassernutzer aus dem Dorf Sino [in Tadschikistan] in ihrer Freizeit dreckige Trinkwasserrohrleitungen aus dem knochenharten Boden gruben, um die Wasserentnahme von einem offenen Fluss zu einer geschützten Quelle zu verlegen. Es war eine großartige Motivation für uns, unsere Arbeit zur Verbesserung der Sicherheit des Trinkwassers in der Region fortzusetzen“, erzählte Oliver Schmoll, Leiter des Programms Wasser und Klima beim ECEH.

Diese Projekte verhelfen den Bewohnern ländlicher Gebiete auch zu mehr Eigenständigkeit. In Serbien können sich die Menschen nun erstmals über die Qualität des von ihnen verwendeten Trinkwassers informieren. Außerdem wissen sie, dass sie das Recht haben, nach nationalem Recht einen Antrag auf Übernahme des Betriebs der Wasserleitungssysteme durch die Kommunen zu stellen. In Tadschikistan, wo die WHO in Projekten Dorfgemeinschaften die Planungsgrundsätze im Bereich der Wassersicherheit vermittelt hat, können die Menschen nun in Eigenverantwortung die Risiken bei der Wasserversorgung bestimmen und geeignete Maßnahmen zu ihrer Bewältigung finden und dabei den Rat der WSP-Moderatoren und Wasserversorgungsingenieure vor Ort in Anspruch nehmen.

Der WSP-Ansatz

Der WSP-Ansatz setzt auf eine umfassende Risikoabschätzung und -steuerung mit dem Ziel, die Sicherheit des aus einem bestimmten Versorgungssystem stammenden Trinkwassers zu gewährleisten. In WSP werden die vor Ort relevanten chemischen und mikrobiologischen Gefahren sowie mögliche Wege eines Gelangens in die Wasserversorgung bestimmt Dies umfasst sämtliche Schritte in der Wasserversorgung: von der Wasserentnahme über die Speicherung und Behandlung bis zur Bereitstellung. Auf dieser Grundlage führen WSP dazu, dass die Wasserversorgung besser geführt, betrieben und überwacht werden kann, auch mit Blick auf die öffentliche Gesundheit.

Empfehlungen an die Europäische Kommission

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat im Hinblick auf die geplante Überarbeitung der Trinkwasserrichtlinie der Europäischen Union vor kurzem umfassende Empfehlungen an die Europäische Kommission übermittelt. Darin wird detailliert erläutert, wie der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung vor den schädlichen Folgen des Konsums verunreinigten Trinkwassers über die ausschließliche Messung der Einhaltung der Standardparameter für die Wasserqualität hinausgehen und die Einführung eines stärker maßgeschneiderten risikobezogenen Ansatzes für jedes einzelne Wasserversorgungssystem beinhalten sollte. Die Grundlage der Empfehlungen der WHO bildet der WSP-Ansatz, der das wirksamste Mittel zur durchgehenden Gewährleistung der Sicherheit der Trinkwasserversorgung darstellt.

Weltwassertag

Der jährlich am 22. März begangene Weltwassertag bietet eine Gelegenheit, für weitere Maßnahmen zu werben, die der Verwirklichung der auf Wasser- und Sanitärversorgung und Hygiene bezogenen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) dienen. Die WHO arbeitet auf der globalen Ebene sowie in ihren Regionen und Ländern darauf hin, die Zahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgrund wasserbedingter Krankheiten und Wasserverunreinigung zu senken und einen flächendeckenden und chancengleichen Zugang zu einer sicheren, nachhaltigen und bezahlbaren Trinkwasserversorgung für alle zu schaffen.

Globale Ziele und Ziele der Europäischen Region

Mehrere der SDG haben einen direkten Bezug zur Wassersicherheit oder zum Zugang zur Wasserversorgung. So zielt SDG 3.3 auf die Bekämpfung durch Wasser übertragener Krankheiten, SDG 3.9 auf die Verringerung der Zahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgrund der Verunreinigung des Wassers und SDG 6.1 auf die Verwirklichung eines allgemeinen und gerechten Zugangs zu einwandfreiem und bezahlbarem Trinkwasser für alle ab.
2017 stimmten die Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der Erklärung von Ostrava zu, in der sie sich verpflichteten, Maßnahmen zur Gewährleistung eines allgemeinen, chancengleichen und nachhaltigen Zugangs zu einer sicheren Trinkwasser- und Sanitärversorgung und zu sicheren hygienischen Bedingungen für alle in allen Umfeldern zu ergreifen und gleichzeitig eine integrierte Bewirtschaftung von Wasserressourcen sowie die Wiederverwendung von ordnungsgemäß geklärten Abwässern zu fördern.

1999 nahmen die Mitgliedstaaten in der Europäischen Region das Protokoll über Wasser und Gesundheit an, das vom WHO-Regionalbüro für Europa und der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) gemeinsam betreut wird. Das Protokoll trägt zur Umsetzung der wasserbezogenen SDG und der Verpflichtungen von Ostrava in der Europäischen Region bei. Es stellt ein effektives Handlungsinstrument dar, in dem die Länder dazu aufgerufen werden, nationale Zielvorgaben und Umsetzungspläne im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung aufzustellen. Bisher haben 26 Länder in der Europäischen Region das Protokoll ratifiziert. Zurzeit hat Serbien den Vorsitz im Büro des Protokolls inne.

Verunreinigung von Wasser und wasserbedingte Erkrankungen

Zur vollständigen Schließung der anhaltenden Lücken im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung in der Europäischen Region, wo Ausbrüche wasserbedingter Erkrankungen immer noch häufig vorkommen, sind weitere Anstrengungen notwendig. Verunreinigung durch natürlich vorkommende Substanzen wie Arsen und Fluorid oder durch Substanzen menschlicher Herkunft wie Blei, Nitrat und industriell hergestellte Chemikalien ist in vielen Ländern ein problematisches Phänomen.

Die am häufigsten gemeldeten Infektionskrankheiten in Verbindung mit dem Komplex WASH in der Europäischen Region sind Campylobacteriose (eine durch Bakterien hervorgerufene Magen-Darm-Erkrankung), Hepatitis A (eine virale Lebererkrankung) und Giardiose (eine parasitäre Erkrankung des Dünndarms, die auch unter der Bezeichnung „Bieberfieber“ bekannt ist).

Nach den vorliegenden veröffentlichten Daten sind etwa 18% der gemeldeten und untersuchten Ausbrüche durch Wasser bedingt. Doch das wahre Ausmaß wasserbedingter Erkrankungen in der Europäischen Region ist unbekannt und wohl weit größer, als die Daten vermuten lassen.