Internationaler Frauentag: Potenzial der Frauen am Arbeitsplatz in Europa voll entfalten

Andy Aitchison

Jedes Jahr am 8. März werden weltweit mit dem Internationalen Frauentag Fortschritte in Bezug auf Gleichstellung und Frauenrechte gefeiert und Anstöße zu weiteren Maßnahmen gegeben. Dieses Jahr begehen die Vereinten Nationen den Tag durch die Thematisierung der sich auch für Frauen wandelnden Arbeitswelt unter dem Motto „Planet 50-50 bis 2030“, was die Forderung nach echter Gleichstellung spätestens im Jahr 2030 ausdrückt. Das Motto soll weltweit Menschen für die wirksame Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung gewinnen, insbesondere Ziel 5: „Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“.

„Fortschritte hinsichtlich der Ziele für nachhaltige Entwicklung hängen davon ab, ob Frauen am Arbeitsplatz ihr volles Potenzial entfalten können,“ sagt hierzu Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. „Als einer der wichtigsten Arbeitgeber für Frauen ist das Gesundheitswesen der richtige Ort, einen Anfang zu machen.“

Frauen sind wesentlicher Teil des Gesundheitspersonals

Im Durchschnitt der Europäischen Region der WHO sind 45,6% der Frauen erwerbstätig und nur in 32 der 53 Länder der Region liegt der Anteil berufstätiger Frauen über 50%. Das Gesundheitswesen ist jedoch einer der Bereiche, in denen die Mehrzahl der Beschäftigten weiblich ist. Gesundheitssysteme sind stark auf die Arbeit von Frauen angewiesen, egal ob sie als Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen oder damit verbundenen Gesundheitsberufen tätig sind.

Aus einem Hintergrundpapier der Hochrangigen Kommission der Vereinten Nationen für Beschäftigung im Gesundheitswesen und Wirtschaftswachstum geht hervor, dass in den meisten Ländern der Beschäftigungsanteil von Frauen im Gesundheits- und Sozialwesen viel höher ist als in der übrigen Volkswirtschaft. 2013 waren in der Europäischen Region 52% aller Ärzte Frauen gegenüber nur 47,7% im Jahr 2000. Frauen haben auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens die angestrebte 50-50-Marke durchbrochen. Tatsächlich könnten die Gesundheitssysteme in der Europäischen Region ohne den Beitrag von Millionen weiblicher Beschäftigter gar nicht funktionieren. Doch obwohl diese Zahlen an sich einen Erfolg verkünden, so zeigt der genauere Blick, dass weiblichen Berufstätigen im Gesundheitsbereich immer noch zu viele Stolpersteine in den Weg gelegt werden.

Hürden für echte Chancengleichheit

Frauen sind in Führungsetagen der Medizin und in gut dotierten Fachpositionen des Gesundheitsbereichs unterrepräsentiert. Studien zeigen ferner, dass in der Personalpolitik des Gesundheitsbereichs Stereotypen vorherrschen und dass weibliche Fachkräfte sich oft für Laufbahnen entscheiden, die ihnen ein Leben mit Arbeit und Familie ermöglichen.

Zudem tragen Frauen einen unverhältnismäßig großen Teil der Last der informellen (und/oder unbezahlten) Pflege. Frauen leisten dreimal häufiger unbezahlte Arbeit als Männer und dieses Ungleichgewicht wird in einigen Ländern durch Erwartungshaltungen der Gesellschaft sowie durch fehlende Quantität und Qualität des ausgebildeten Gesundheitspersonals noch verschärft. So stellt die Hochrangige Kommission der Vereinten Nationen fest, dass viele Gesundheitsangebote von Frauen als informellen Pflegepersonen abhängen, insbesondere was Kinder und alte Menschen betrifft. Aus einigen Ländern gehen unverhältnismäßig viele Frauen ins Ausland, um dort in Privathaushalten informelle Pflege zu leisten.

Der positive Zusammenhang zwischen Einkommen, Gleichstellung der Geschlechter und nachhaltiger Entwicklung ist gut dokumentiert. Dennoch bestehen Lohnunterschiede fort und behindern den Kampf für Chancengleichheit der Geschlechter. Frauen verdienen in der Europäischen Union trotz gleicher Qualifikationen etwa 16% weniger in der Stunde als ihre männlichen Kollegen. Bis heute hat kein Land in der Europäischen Region den Grundsatz gleichen Lohn für gleiche Arbeit verwirklicht.

Durch neue Ansätze weibliches Gesundheitspersonal anziehen, unterstützen und halten

Die steigende Zahl von Frauen im Gesundheitsbereich macht neue Ansätze und Ideen zur Gliederung und Abgrenzung der Arbeit erforderlich. Den Veränderungen muss durch frühzeitige Gestaltung neuer Arbeitsmuster begegnet werden, die eine flexiblere Arbeitsplatzgestaltung ermöglichen und stärker die Frage berücksichtigen, wie weibliches Personal angeworben, gefördert und gehalten werden kann. Eine solide Evidenzgrundlage ist entscheidend für eine angemessene Ausgestaltung und Ausrichtung neuer Konzepte für weibliches Gesundheitspersonal. Kreative Arbeitswelten zu schaffen, in denen Frauen in akademische und administrative Spitzenpositionen vordringen können, und Geschlechterlücken in manchen Fachbereichen zu schließen, erfordert eine sorgfältige Analyse der Evidenzbasis und eine Umsetzung von Konzepten, welche die Bedürfnisse und Anliegen der arbeitenden Frauen ins Zentrum rücken.

Transformative Konzepte sind auch erforderlich, damit eine gleichwertige Übernahme von Haushaltspflichten gefördert und die Belastung der Frauen durch unentgeltliche Pflege verringert wird. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile lassen sich dadurch erzielen, dass Männer aktiver Aufgaben in den Privathaushalten, in der Kinderbetreuung und in der Versorgung älterer Familienmitglieder übernehmen und so innerhalb der Familien eine größere Ausgewogenheit in Bezug auf häusliche und berufliche Pflichten schaffen.

Europäische Strategie für Gesundheit der Frauen und Abbau geschlechtsbezogener Benachteiligungen

Auf der 66. Tagung des Regionalkomitees für Europa nahmen die 53 Mitgliedstaaten in der Region eine neue Strategie für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Frauen an. Diese Strategie soll zum Abbau der geschlechtsbezogenen und sozioökonomischen Chancenungleichheit in der Region beitragen. Mit ihrer Hilfe sollen die Planer darauf hinarbeiten, die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und Mädchen auch jenseits von Schwangerschaft und Kindergesundheit hinaus zu verbessern und dabei sicherzustellen, dass politische Handlungskonzepte und die Gesundheitssysteme Gleichstellungsaspekte gebührend berücksichtigen und auf einem Lebensverlaufansatz beruhen.

Die Strategie enthält vier zentrale Empfehlungen, die sich direkt auf weibliches Gesundheitspersonal beziehen und sowohl geschlechtsbezogene als auch gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und ökonomische Determinanten in Angriff nehmen und Maßnahmen des Gesundheitssystems für Gesundheit und Wohlbefinden der Frauen verbessern sollen. Dazu zählen:

  1. Förderung von Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern am Arbeitsplatz auf allen Ebenen,
  2. Abbau negativer Folgen prekärer Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsbedingungen für Gesundheit und Wohlbefinden,
  3. Gleichwertigkeit der Arbeit von Frauen und Männern und Wertschätzung bzw. Entschädigung für bezahlte oder unbezahlte Pflege- und Betreuungsleistungen von Frauen,
  4. Unterstützung von Pflege- und Betreuungsmodellen, die den Druck auf Frauen nicht erhöhen und sie nicht dem Risiko sozialer Ausgrenzung aussetzen, etwa durch Konzepte für eine erhöhte Beteiligung von Männern an der Betreuung der Familie.

Die Strategie zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Frauen in der Europäischen Region der WHO orientiert sich an den Wertvorstellungen des Rahmenkonzepts „Gesundheit 2020“, mit dem das soziale Geschlecht als eine Determinante von Gesundheit anerkannt wurde. Sie unterstützt auch die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung in Bezug auf Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und Abbau von Ungleichheiten.

Maßnahmen für ein nachhaltiges Arbeitskräfteangebot im Gesundheitswesen

Ein Handlungsrahmen für ein nachhaltiges Arbeitskräfteangebot im Gesundheitswesen in der Europäischen Region der WHO wird im September 2017 auch Thema der 67. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa in Budapest sein. Dieser Rahmen unterstützt die Empfehlungen der Hochrangigen Kommission der Vereinten Nationen für geschlechtsbezogene Probleme im Gesundheitswesen, hierunter die Beseitigung von gesellschaftlichen Hürden, die Frauen an einer optimalen Mitarbeit im Gesundheitswesen hindern.