Internationaler Tag der Frau: Frauen im Gesundheitswesen führen durch Innovation Veränderungen herbei

Sheba Medical Center

Das Thema des Internationalen Tages der Frau 2019 – Gleich denken, intelligent bauen, offen für Veränderungen sein – unterstreicht die bedeutende Rolle von Frauen und Mädchen beim Aufbau stärker inklusiver Systeme, effizienter Leistungsangebote und einer nachhaltigen Infrastruktur im Hinblick auf eine zügigere Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung.

In der Europäischen Region der WHO stellen Frauen die Mehrheit des Gesundheitspersonals, sowohl bei den Ärzten als auch in den anderen Gesundheitsberufen. Tatsächlich wären die Gesundheitssysteme in der Europäischen Region ohne den Beitrag von Millionen weiblicher Beschäftigter gar nicht funktionsfähig.

Doch es bestehen weiter Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, und weibliche Gesundheitsfachkräfte müssen bei Bewerbungen um Führungspositionen, bei der Verwirklichung von Einkommensgleichheit und bei der Beseitigung von geschlechtsbezogenen Vorstellungen über normalerweise den Frauen zugewiesene Aufgaben im Gesundheitswesen immer noch erhebliche Hindernisse überwinden.

Darüber hinaus fällt auch in der Europäischen Region die Last der informellen bzw. unbezahlten Pflegetätigkeiten unverhältnismäßig oft den Frauen zu, die dreimal häufiger unbezahlte Arbeit leisten als Männer.

Trotz dieser verbleibenden Herausforderungen spielen weibliche Führungskräfte im Gesundheitswesen eine besonders wichtige Rolle dabei, durch Innovation Veränderungen herbeizuführen und leistungsfähige Gesundheitssysteme zu schaffen und Lösungsansätze zu finden, die das Leben der ihnen anvertrauten Menschen verbessern.

Tikva, eine Krankenschwester aus Israel, ist eine der ersten Pflegespezialistinnen im Bereich der Palliativversorgung in ihrem Land. Ihre Geschichte verdeutlicht, wie eine mutige und entschlossene Pionierin weitreichende Wirkung erzielen kann.

Shoshy Goldberg, Oberste Beauftragte für das Pflegewesen in Israel, kommentiert: „Pflegespezialistinnen wie Tikva sind Führungskräfte mit einer Vision, die Gesundheitsleistungen erbringen, bei denen klinischer Sachverstand mit Einfühlungsvermögen und Hinwendung zusammenwirken. So entsteht eine von Sicherheit, hochwertiger Versorgung und der Zusammenarbeit mit Ärzten geprägte Umgebung, in der die Patienten zu aktiven Teilnehmern an ihrer eigenen Gesundheitsversorgung werden.“

Tikvas Geschichte

Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren als Krankenschwester. Noch während meines Medizinstudiums begann ich in der Onkologie zu arbeiten. Durch diese Erfahrung entdeckte ich meinen Enthusiasmus für den Pflegeberuf. Ich erkannte, dass ich eine Leidenschaft für die Pflege von Patienten hatte: für körperliche, praktische Arbeit. Mir wurde klar, dass ich mich wesentlich besser zur Krankenpflegerin eignete als zur Ärztin.

Neue Wege in der Palliativversorgung

Seit meinem Abschluss im Jahr 1991 war ich mit klinischen und ausbilderischen Aufgaben, aber auch mit Führungsaufgaben im Pflegewesen betraut. Aber ehrlich gesagt, ich mochte eine solche Führungsrolle nicht und war auch nicht besonders gut darin. Ich musste auf schmerzhafte Weise erfahren, dass ich nicht zur Führungskraft geboren bin.

Außerdem entdeckte ich, dass mir als Pflegekraft in der Onkologie sehr an der Arbeit mit Krebspatienten gelegen war, die keine Behandlung mehr erhalten. Oft stand ich vor der Frage, wie ich mich auf diese Patienten einstellen und mit ihnen kommunizieren sollte; deshalb belegte ich irgendwann einen Grundkurs in Palliativpflege. Ich wollte mehr darüber erfahren, wie diese Patienten unterstützt und ihre Leiden gelindert werden können.

Nach dem Grundkurs in Israel fand ich durch Zufall einen 200-Stunden-Kurs der WHO in Palliativpflege, der in Kerala (Indien) stattfand. Er wurde für mich zur Einführung in meinen heute primären Tätigkeitsbereich.

Danach erwarb ich im Vereinigten Königreich ein Master-Diplom in Palliativpflege – in Israel gab es einen solchen Abschluss nicht – und ich promovierte im Fach Pflegewesen zum Thema Patientenverfügungen. Diese geben Gesundheitsfachkräften und Familienangehörigen Auskunft darüber, welche Art der Versorgung eine Person wünscht oder nicht wünscht, falls sie todkrank oder nicht mehr in der Lage sein sollte, für sich selbst zu sprechen.

Als ich 2010 am Sheba Medical Centre anfing, war ich eine der ersten Pflegespezialistinnen in der Palliativversorgung und arbeitete sowohl in Erwachsenen- als auch in Kinderhospizen. Bei Eröffnung der Palliativpflegeeinheit im Jahr 2013 waren wir ein sehr kleines Team – außer mir noch vier Ärzte in Teilzeit, alle ohne spezielle Schulung für Palliativpflege, und eine weitere Pflegekraft. Außerdem erhielten wir Unterstützung vom psychologischen Dienst der Onkologie.

Es begann als ein Pilotprojekt für Patienten mit Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs, doch entwickelte es sich schnell und wurde ausgeweitet: zunächst auf die gesamte Onkologie und dann auf weitere Stationen wie Interne Medizin und Chirurgie, wo viele Krebspatienten nach akuten Ereignissen oder bei Verschlimmerung ihres Zustands eingewiesen werden.

Unsere Kollegen auf diesen Stationen verfügten weder über das für den Umgang mit Symptomen und die Schmerztherapie nötige Wissen noch über das Verständnis, wie man am besten mit Patienten spricht, deren Zustand sich verändert, meist zum Schlechteren und wie man sie und ihre Angehörigen auf eine Verschlechterung oder gar das bevorstehende Lebensende vorbereitet.

Wir wurden schnell von den Teams der Stationen angenommen, wohl auch weil wir Antworten auf sehr tief greifende Fragen für sie hatten und eine wichtige Lücke ausfüllten.

Heute haben wir ein deutlich größeres Team mit sieben Pflegekräften, von denen sechs über eine Spezialisierung in Palliativpflege verfügen. Außerdem haben wir fünf Ärzte, von denen zwei eine Spezialisierung in Palliativpflege haben, sowie drei weitere Ärzte, die die Bereiche Schmerztherapie, Psychiatrie und Familienmedizin abdecken. Wir haben Psychologen, Sozialarbeiter, eine Ernährungsfachkraft und einen Seelsorger.

Palliativpflege findet in fachübergreifender Zusammenarbeit statt. Wir sind in den letzten sechs Jahren erheblich gewachsen und haben dazu beigetragen, unseren Kollegen Wert und Bedeutung der Palliativversorgung zu verdeutlichen.

Unsere Arbeit in der Onkologie ist stark auf die Einzelperson zugeschnitten; alle Patienten erhalten eine bedarfsgerechte Pflege. Im Alltagsbetrieb verbringe ich einen Großteil des Tages mit Patiententerminen, die von einer halben bis zu mehr als zwei Stunden dauern können.

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit besteht auch in der Schulung der Teams von Gesundheitsfachkräften, mit denen wir zusammenarbeiten und zu denen Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Ärzte gehören. Diese Tätigkeit hat in gewisser Weise die tiefgreifendsten Auswirkungen, und die grundlegende Palliativversorgung muss künftig zum festen Bestandteil des beruflichen Alltags aller Ärzte und Pflegekräfte werden.

Ich muss sagen, dass ich hier einen echten Kulturwandel erlebe. Angehende Ärzte sollten sich zusammen mit ihrem Fachgebiet auch ein verbessertes Verständnis des Konzepts der Palliativversorgung aneignen. Die Ärzte werden allmählich aufgeschlossener für Gespräche mit den Patienten über deren Wünsche, Präferenzen und Ängste. Ich glaube nicht, dass wir schon an dem Punkt angelangt sind, wo wir zufrieden sein können, aber ich kann im Rückblick auf die vergangenen sechs Jahre doch sagen, dass sich da etwas Bedeutsames getan hat.
Das Medizinische Zentrum Sheba wurde vor kurzem als Zentrum für die Spezialisierung auf Palliativmedizin akkreditiert, und ich bin darüber sehr erfreut, denn es bedeutet, dass wir neue Dinge lernen und neue Bereiche der Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen außerhalb der Onkologie in Angriff nehmen können.

Entscheidungsträgerin, aber auch Zuhörerin

Eine Pflegedienstleiterin muss nicht unbedingt hinter ihrem Schreibtisch sitzen und ein großes Team führen. Sie kann auch in vorderster Linie der Pflegearbeit tätig sein. Ich denke, jede Pflegedienstleiterin, vor allem in der Palliativpflege, muss über viel Einfühlungsvermögen mit Patienten wie auch Kollegen verfügen und auf sehr sanfte Weise Hilfe leisten. Wir müssen gute Zuhörer sein; das ist weit wichtiger als reden. Wir müssen sehr auf die Dynamik unserer Kommunikation mit den Patienten achten.

Schließlich glaube ich auch, dass wir ein gewisses Maß an Demut mitbringen müssen – genug, um die eigene Arbeit kritisch zu beurteilen und auch Kritik von anderen anzunehmen: als wichtige Rückmeldung. Darauf kommt es in der Palliativpflege mit ihrem fachübergreifenden Umfeld entscheidend an.

Ich schätze mich glücklich, dass ich diesen Beruf ausüben kann: er ist für mich Pflicht und Vergnügen zugleich.