Zentrale Fragen für Migration und Gesundheit

Häufige Gesundheitsprobleme von Flüchtlingen und Migranten

Die Gesundheitsprobleme von Flüchtlingen und Migranten ähneln denen der übrigen Bevölkerung, auch wenn bestimmte Gruppen teilweise eine höhere Prävalenz aufweisen. Zu den häufigsten Gesundheitsproblemen neu angekommener Flüchtlinge und Migranten gehören Unfallverletzungen, Unterkühlung, Verbrennungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Ereignisse, Komplikationen in Verbindung mit Schwangerschaft und Entbindung, Diabetes und Bluthochdruck. Die Frauen unter den Flüchtlingen und Migranten sind häufig auch mit geschlechtsspezifischen Herausforderungen konfrontiert; dies betrifft insbesondere die Gesundheit von Müttern, Neugeborenen und Kindern und den Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, aber auch den Komplex Gewalterfahrungen. Die Exposition von Flüchtlingen und Migranten gegenüber den mit großen Bevölkerungsbewegungen verbundenen Risiken – psychosoziale Probleme, Probleme der Reproduktionsgesundheit, höhere Neugeborenensterblichkeit, Ernährungsstörungen, Drogenmissbrauch, Alkoholismus und Gewalterfahrungen – erhöht ihre Anfälligkeit gegenüber nichtübertragbaren Krankheiten. Das zentrale Thema in Bezug auf nichtübertragbare Krankheiten ist die Unterbrechung der Versorgung aufgrund eines fehlenden Zugangs oder der Dezimierung der Gesundheitssysteme und der Leistungsanbieter. Vertreibung führt zur Unterbrechung der kontinuierlichen Behandlung, die bei chronischen Erkrankungen unverzichtbar ist.

Gefährdete Personen wie etwa Kinder sind aufgrund der unzureichenden Lebensbedingungen und Hygiene sowie der Entbehrungen während der Migration besonders anfällig für Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen und benötigen daher einen Zugang zu einer ordnungsgemäßen Gesundheitsversorgung. Ungünstige hygienische Bedingungen können auch Hautinfektionen zur Folge haben. Darüber hinaus hat sich die Zahl der Krankheits- und Todesfälle unter den Flüchtlingen und Migranten, die das Mittelmeer überqueren, rapide erhöht. So wurden nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) in den ersten zehn Monaten des Jahres 2015 3100 Personen als ertrunken oder auf See vermisst gemeldet.


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Kein systematischer Zusammenhang zwischen Migration und Infektionskrankheiten

Entgegen der weit verbreiteten Auffassung gibt es keinen systematischen Zusammenhang zwischen Migration und der Einschleppung von Infektionskrankheiten. Übertragbare Krankheiten sind in erster Linie durch Armut bedingt. Migranten kommen oft aus Gemeinschaften, die von Kriegen, Konflikten oder Wirtschaftskrisen betroffen sind, und müssen eine lange, erschöpfende Reise bewältigen, durch die sich ihr Risiko speziell in Bezug auf übertragbare Krankheiten wie Masern sowie lebensmittel- und wasserbedingte Krankheiten erhöht. Die Europäische Region verfügt über langjährige Erfahrung bei der Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten wie Tuberkulose, HIV/Aids, Hepatitis, Masern und Röteln und hat die aus ihnen resultierende Krankheitslast durch wirtschaftliche Entwicklung, die Verbesserung von Wohnbedingungen, Zugang zu unbedenklichem Trinkwasser und ausreichenden sanitären Einrichtungen sowie durch effiziente Gesundheitssysteme und den Zugang zu Impfstoffen und Antibiotika signifikant reduziert. Doch diese Krankheiten sind noch nicht eliminiert, sondern in der Europäischen Region nach wie vor vorhanden – unabhängig von der Migration. Dies trifft auch auf im Mittelmeerraum verbreitete Vektorkrankheiten wie Leishmaniose zu, für die vor kurzem Ausbrüche in der Arabischen Republik Syrien gemeldet wurden. Leishmaniose wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen und lässt sich wirksam behandeln. Auch Typhus und Paratyphus treten in der Europäischen Region noch auf; die überwiegende Mehrzahl der Fälle in den EU-Staaten sind auf Reisen in andere Regionen zurückzuführen. Die Gefahr der Einschleppung exotischer und seltener Erreger in die Europäische Region (z. B. Ebola-, Marburg- oder Lassa-Virus oder Nahost-Atemwegssyndrom-Coronavirus) ist äußerst gering. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine solche Einschleppung nicht durch Flüchtlinge oder Migranten, sondern allenfalls durch reguläre Reisende, Touristen oder Gesundheitspersonal erfolgt.

Tuberkulose 

Das Risiko einer Ansteckung mit bzw. einer Erkrankung an Tuberkulose ist für Migranten von folgenden Faktoren abhängig: der Tuberkuloseinzidenz im Herkunftsland; den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Aufnahmeland, einschließlich des Zugangs zu Gesundheits- und Sozialleistungen; der Frage, ob sie in Kontakt mit einem Erkrankten gekommen sind (Infektiösität und Dauer des Einatmens derselben Luft); und den Umständen ihrer Reise nach Europa (höheres Infektionsrisiko in schlecht belüfteten Räumen). Menschen mit schweren Formen infektiöser Tuberkulose sind oftmals nicht reisetauglich. Die Inzidenzraten der Tuberkulose in den Herkunftsländern liegen zwischen 17 Neuerkrankungen je 100 000 EW in der Arabischen Republik Syrien und 338 Fällen in Nigeria. Die durchschnittliche Tuberkuloserate in der Europäischen Region beträgt 39 Fälle je 100 000 EW. Tuberkulose ist nicht leicht übertragbar, und nur bei einem kleinen Teil der Infizierten (lebenslanges Risiko: 10%; bei HIV-positiven Personen: 10% pro Jahr) kommt es zu einer aktiven Erkrankung, meist innerhalb von einigen Monaten oder Jahren nach der Infektion. Tuberkulose wird nicht oft von Migranten auf die ortsansässige Bevölkerung übertragen, da es nur begrenzte Kontakte zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

HIV-Infektion und Virushepatitis 

Konflikte und Krisensituationen können zu einer Störung der Versorgung im Bereich HIV führen, doch die HIV-Prävalenz ist unter den Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika generell niedrig. Deshalb besteht nur ein geringes Risiko, dass HIV von Migranten aus diesen Ländern nach Europa gebracht wird. Der Anteil der Migranten unter den mit HIV lebenden Menschen ist innerhalb der Europäischen Region sehr unterschiedlich und liegt im östlichen und mittleren Teil der Region bei unter 10%, in den meisten Ländern Nordeuropas bei rund 40% und in Westeuropa zwischen 20% und 40%. Trotz eines Rückgangs in den vergangenen zehn Jahren sind immer noch 35% aller HIV-Neuinfektionen in den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums Migranten. Doch es gibt zunehmend Indizien dafür, dass manche Migranten sich erst nach ihrer Ankunft mit HIV infizieren.

Da zahlreiche Entwicklungsländer hohe Fallzahlen für Virushepatitis aufweisen, hat der wachsende Flüchtlingsstrom aus diesen Hochprävalenzländern spürbare Auswirkungen auf die Krankheitslast in der Europäischen Region.

Influenza und andere verbreitete Erreger von Atemwegsinfektionen

Flüchtlinge und Migranten stellen für die Bevölkerung der Aufnahmeländer keine erhöhte Gefahr in Bezug auf die weitere Ausbreitung von Atemwegsinfektionen (z. B. Influenzaviren, respiratorische Synzytial-Viren, Adenoviren, Parainfluenzaviren) dar, weil diese Infektionskrankheiten in diesen Ländern ohnehin weit verbreitet sind. Doch durch die körperlichen und psychischen Belastungen und die Entbehrungen, die durch mangelhafte Unterbringung, Ernährung und Trinkwasserversorgung bedingt sind, erhöht sich für die Flüchtlinge die Gefahr von Atemwegsinfektionen. Influenza kann bei bekanntermaßen besonders anfälligen Gruppen (Schwangere, Kinder unter fünf Jahren, Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, Senioren) schwere Verläufe nehmen. Die WHO unterstützt die Impfung von Risikogruppen gegen die saisonale Grippe unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Gemäß den Empfehlungen der WHO wird in den meisten Ländern der Europäischen Region die Impfung von Gesundheitsfachkräften gegen die saisonale Grippe empfehlen.

Zusätzliche Informationen über den Umgang mit schweren Grippefällen

Nahost-Atemwegssyndrom-Coronavirus (MERS-CoV)

Seit September 2012 wurden aus acht Ländern der Europäischen Region insgesamt 15 im Labor bestätigte Fälle von Infektion mit dem MERS-CoV gemeldet, davon sieben mit tödlichem Ausgang. Die meisten dieser Fälle waren eingeschleppt und hatten keine weitere Ausbreitung des Virus zur Folge. Dennoch bleibt ein – wenn auch geringes – Risiko bestehen, dass weitere mit dem MERS-CoV infizierte Personen in ein Land der Europäischen Region einreisen. Die meisten Reisenden in die Europäische Region durchqueren nicht die Länder, aus denen gegenwärtig Fälle von Infektion mit dem MERS-CoV gemeldet werden. Wo dies doch der Fall ist, nehmen sie meist nicht die dortigen Krankenhäuser in Anspruch. Der einzige unbekannte Einflussfaktor ist die Wahrscheinlichkeit von Kontakten mit Kamelen und Kamelprodukten. Auch wenn die Gefahr eines größeren Ausbruchs in den Ländern der Europäischen Union als gering eingestuft wird, so zeigt doch der Ausbruch in der Republik Korea im Frühsommer, dass diese Möglichkeit nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.

Vektorkrankheiten 

Die Gefahr einer Wiederinschleppung und örtlich begrenzter Ausbrüche von Vektorkrankheiten wie Malaria und Leishmaniose kann sich durch einen massiven Zustrom von Flüchtlingen erhöhen, wie sich vor kurzem an dem Wiederauftreten von Malaria in Griechenland erkennen ließ, das in direktem Zusammenhang mit dem Zustrom von Migranten aus Pakistan gesehen wird. Diese Erfahrungen verdeutlichen die anhaltende Gefahr eines Wiederauftretens und die Notwendigkeit einer ständigen Wachsamkeit, um ein Wiederaufflammen der Krankheit sofort eindämmen zu können. Gegenwärtig sind zwei Länder der Europäischen Region der WHO, Tadschikistan und die Türkei, in Bezug auf ein Wiederauftreten der Malaria stark gefährdet, das ihnen bei einer Einschleppung aus Afghanistan bzw. der Arabischen Republik Syrien droht.

Antimikrobielle Resistenz 

Antimikrobielle Resistenz ist kein Krankheitsbild für sich, sondern stellt eine Komplikation bei der Behandlung einer Krankheit dar. In bestimmten Situationen, etwa in beengten Verhältnissen mit schlechten hygienischen Bedingungen in Flüchtlingslagern, können Infektionskrankheiten leicht übertragen werden und sich ausbreiten. Ob eine Infektion durch resistente Erreger verursacht wird, hängt von ihrer Herkunft ab; hier kommen die Umwelt, Tiere, Lebensmittel oder der Mensch in Frage.


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Interventionen zur Verhinderung der Ausbreitung übertragbarer Krankheiten

Allgemeine Infektionsschutz- und -bekämpfungsmaßnahmen

Händehygiene ist eine der wirksamsten Methoden zur Verhütung der Übertragung von Erregern. In der Nähe von Toiletten sollten stets Einrichtungen zum Händewaschen sowie ausreichend Seife bereitgestellt werden. Händehygiene wird durch Händewaschen mit Wasser und Seife für die Dauer von 40 bis 60 Sekunden oder, sofern Händedesinfektionsmittel verfügbar sind, durch das Einreiben der Hände mit einer alkoholhaltigen Lösung für die Dauer von 20 bis 30 Sekunden sichergestellt. Händehygiene kann auch zur Verhütung anderer Krankheiten beitragen. Die Hände sollten häufig gewaschen werden, besonders vor und nach dem Kontakt mit Kranken, vor und nach der Essenszubereitung, vor Mahlzeiten und nach dem Benutzen der Toilette.

Atemhygiene und Hustenetiquette

Patienten sollten beim Niesen oder Husten ihren Mund und ihre Nase (nach Möglichkeit) mit einem Einwegtuch bedecken und sich anschließend die Hände waschen. Papiertaschentücher sind am besten geeignet und oft preisgünstiger. Sie sollten nach der Benutzung weggeworfen werden.

Belüftung der Räumlichkeiten

Innenräume und andere Räumlichkeiten sollten gut durchlüftet werden. Die verunreinigte Luft in der Umgebung des Patienten sollte durch Frischluft ersetzt werden, indem bei entsprechendem Wetter die Türen und Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes geöffnet werden. Je größer die Öffnung und der Temperaturunterschied zwischen innen und außen sind, desto besser zirkuliert die Luft.

Tuberkulose 

Die Länder der Europäischen Region sollten eine allgemeine Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge und (reguläre wie irreguläre) Migranten sicherstellen, u. a. eine Frühdiagnose von Tuberkulose und eine wirksame Betreuung während der gesamten Dauer der Therapie. Dies ist nicht nur aus Menschenrechtsgründen unbedingt erforderlich, sondern auch für eine erfolgreiche Bekämpfung und Eliminierung der Tuberkulose in der Europäischen Region notwendig. Europa ist die einzige unter den WHO-Regionen, die über ein Konsensdokument über ein Mindestpaket an Tuberkulosebekämpfungsmaßnahmen und Versorgungsleistungen an Grenzübergängen verfügt. Dazu gehören die Gewährleistung eines Zugangs zur Gesundheitsversorgung unabhängig vom Registrierungsstatus eines Migranten und eine Unterlassung von Deportationen bis zum Abschluss einer intensiven Tuberkulosetherapie.

HIV-Infektion und Virushepatitis 

Das Infektionsrisiko von Flüchtlingen und Migranten in Bezug auf HIV und Hepatitis wird durch soziale, ökonomische und politische Faktoren in ihren Herkunfts- und Zielländern beeinflusst. Zu diesen gehören Armut, Trennung vom Ehepartner, soziale und kulturelle Normen, Sprachbarrieren, unzureichende Lebensbedingungen und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, einschließlich sexueller Gewalt. Isolation und Stressbelastung können Migranten zu riskanten Verhaltensweisen veranlassen, die für sie die Infektionsgefahr erhöhen. Das Risiko wird durch einen unzureichenden Zugang zu Angeboten im Bereich HIV sowie durch die Angst vor Stigmatisierung verschärft. Frauen unter den Flüchtlingen und Migranten sind hier oft besonders gefährdet. Einige Länder der Europäischen Region stellen keine Leistungen im Bereich HIV für Personen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus bereit; davon können auch Flüchtlinge und Migranten betroffen sein. Die WHO befürwortet Konzepte zur Bereitstellung von HIV-Tests sowie entsprechenden Präventions- und Therapieangeboten unabhängig vom Aufenthaltsstatus der Migranten. In manchen Ländern werden obligatorische HIV-Tests für Migranten durchgeführt. Die WHO und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten raten dringend von solchen Pflichtuntersuchungen von Migranten auf HIV ab, empfehlen aber ein standardmäßiges Angebot von HIV-Schnelltests und eine Verknüpfung von HIV-Therapie und -Betreuung. Manche Länder befürchten, dass eine Einreiseerlaubnis für HIV-positive Asylbewerber zu einer Flut von Behandlungsanträgen führen und dass ein Zustrom von mit HIV infizierten Asylbewerbern bzw. Flüchtlingen eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen würde. Solche Bedenken entbehren jeglicher sachlichen Grundlage und sind auch in moralischer, juristischer und gesundheitlicher Hinsicht nicht haltbar.

Die Gesundheitssysteme müssen die Präventions- und Versorgungsprogramme für virale Hepatitis ausweiten. In mehreren Ländern der Europäischen Region werden nur Angehörige von Hochrisikogruppen gegen Hepatitis B geimpft – entgegen den Empfehlungen der WHO zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht für Neugeborene, die den wirksamsten Weg zur Verhinderung einer Mutter-Kind-Übertragung darstellt. Ebenso haben sich freiwillige Reihenuntersuchungen für Migranten auf Virushepatitis als kosteneffektiv erwiesen.

Atemwegserkrankungen und MERS-CoV 

Durchgangs- wie Aufnahmeländer sollten über die nötigen Kapazitäten für die Erkennung und Behandlung schwerer Atemwegserkrankungen verfügen. Diese Länder oder die WHO sollten erwägen, ab Oktober oder November 2015 gefährdeten Flüchtlingen eine Impfung gegen saisonale Grippe anzubieten, bevor sich die Grippe in der Europäischen Region ausbreitet.

Laborkapazitäten zur Entdeckung des MERS-CoV, Behandlungseinrichtungen mit Isolierstationen, Modalitäten für die Rückverfolgung von Kontakten, eine konsequente Anwendung ausreichender Infektionsschutzmaßnahmen und die Bereitstellung von Gesundheitsberatung sind allesamt gleichermaßen wichtig, um die Übertragung des Virus zu verhindern oder abzuschwächen.

Vektorkrankheiten 

Die Erfahrungen in der Türkei haben gezeigt, dass ein gut gerüstetes Gesundheitssystem die Wiedereinschleppung von Vektorkrankheiten verhindern kann. Seit 2012 hat das türkische Gesundheitssystem eine starke Fähigkeit und große Flexibilität in Bezug auf die Anpassung an sich verändernde Anforderungen unter Beweis gestellt, und bisher konnten eine Wiedereinschleppung von Malaria und Ausbrüche von Leishmaniose verhindert werden.

Antimikrobielle Resistenz 

Für eine erfolgreiche Behandlung sind Erkenntnisse über die in dem Herkunftsland bzw. der Herkunftsregion von Migranten sowie in ihrem Aufnahmeland vorherrschenden Muster antimikrobieller Resistenzen wichtig. Voraussetzung hierfür ist ein Zugang zum Gesundheitssystem des Gastlandes. So sollten Patienten möglichst getestet werden, damit die Ärzte fundierte Entscheidungen im Hinblick auf die individuelle Behandlung treffen können. Wenn den Migranten dieser Zugang verweigert wird, so kann dies zur Folge haben, dass sie nicht die richtigen antimikrobiellen Mittel erhalten. Dies schadet dem Patienten und kann in Mikroorganismen, mit denen er in Kontakt kommt, die Entstehung von Resistenzen begünstigen.


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Interventionen zur Prävention lebensmittel- und wasserbedingter Krankheiten

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen und in Regionen vorstoßen, deren Lebensbedingungen sich von den ihnen vertrauten unterscheiden, wird für sie die Versorgung mit sicheren Lebensmitteln und unbedenklichem Trinkwasser umso schwieriger und ungewisser, je prekärer ihre Lebensumstände insgesamt sind. Darüber hinaus können öffentliche Versorgungsbetriebe in Bereichen wie Elektrizität und Verkehr zusammenbrechen. Unter solchen Bedingungen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffenen ungeeignete oder verseuchte Nahrungsmittel verwenden, ihr Essen falsch zubereiten oder verdorbene Lebensmittel essen. Flüchtlinge und Migranten erkranken häufig auf ihrer Reise, und zwar insbesondere dann, wenn sie sich in überfüllten Einrichtungen aufhalten. Unzureichende sanitäre Bedingungen können Erwerb, Lagerung und Zubereitung des Essens beeinträchtigen, und überfüllte Unterkünfte können den Ausbruch von lebensmittel- und wasserbedingten Krankheiten begünstigen. Beispiele hierfür sind Salmonellose, Shigellose, Campylobacteriose sowie Novovirus- und Hepatitis-A-Infektionen. Besonders anfällig für solche Erkrankungen sind Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere und ältere Menschen sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem, etwa aufgrund von HIV/Aids. Wenn Menschen eine ihnen unbekannte neue Umgebung nach Lebensmitteln absuchen, können sie leicht auf giftige Pflanzen und Pilze stoßen, die essbaren Arten aus ihrer Heimat ähneln, wie vor kurzem in Deutschland geschehen, als Flüchtlinge giftige Pilze aßen.

Bei Reisen von Flüchtlingen und Migranten werden grundlegende Wasser-, Sanitär- und Hygienestandards oft nicht eingehalten. Grenzübergangsstellen oder Ankunftspunkte sind häufig nicht mit ausreichenden sanitären Einrichtungen und Waschräumen ausgestattet; Trinkwasser ist oft nicht in genügender Menge verfügbar, und das Wasser ist unbekannter Herkunft oder unbehandelt; das Händewaschen mit Seife und die persönliche Hygiene (einschließlich Wäschewaschen) sind oft beeinträchtigt. Abfalltonnen und die regelmäßige Abfallentsorgung in Aufnahmezentren sind oft unzureichend und stellen eine zusätzliche Bedrohung für die Gesundheit der Migranten dar, da so ideale Bedingungen für Fliegen, Mücken und Nagetiere entstehen.

Es ist wichtig, die Entstehung und Ausbreitung lebensmittel- und wasserbedingter Krankheiten unter Flüchtlingen und Migranten zu verhindern; dies gilt insbesondere während ihres Aufenthalts in Lagern, wo die Seuchen leicht epidemieartige Ausmaße annehmen können, vor allem in improvisierten Notunterkünften. Deshalb gilt es, Informationen über den sicheren Umgang mit Lebensmitteln, wie etwa die von der WHO ausgearbeiteten fünf Tipps für sicherere Lebensmittel,  an Flüchtlinge und Migranten sowie an die für die Lebensmittelversorgung zuständigen Akteure zu verbreiten. Der Zugang zu sanitären Einrichtungen (einschließlich für das Händewaschen) und einer ausreichenden Menge an unbedenklichem Trinkwasser ist für die Prävention lebensmittel- und wasserbedingter Krankheiten von entscheidender Bedeutung, und an Grenzübergängen und in Aufnahmezentren sollte eine gründliche Bewertung der Wasser- und Sanitärversorgung vorgenommen werden. Falls erforderlich, sollte eine Wassernotversorgung eingerichtet werden, die z. B. durch Flaschen oder Tanks, Zisternenwagen oder mobile Klär-, Desinfektions- oder Speichervorrichtungen erfolgt. Die zuständigen Kommunalbehörden müssen aufmerksam über die mikrobiologische Qualität des Trinkwassers wachen; eine chemische Reinigung wird unter Notfallbedingungen meist als zweitrangig eingestuft. In der Nähe von Toiletten sollten stets Einrichtungen zum Händewaschen sowie ausreichend Seife bereitstehen.

Der physiologische Grundbedarf des Menschen an Wasser für eine ausreichende Hydrierung beträgt 2 bis 3 Liter Trinkwasser pro Person pro Tag. Der gesamte Grundbedarf an Wasser für die persönliche Hygiene, die Lebensmittelhygiene sowie zum Trinken und Kochen liegt bei 15 Liter pro Person pro Tag.

Zwar wird bei Notlagen eine Toilette für maximal 20 Personen empfohlen, doch ist dies in den meisten Situationen nicht realistisch. Falls es erforderlich ist, vor Ort zusätzliche (mobile) Sanitäranlagen aufzustellen, die nicht an die zentrale Kanalisation angeschlossen sind, sollte besonders auf die sichere Sammlung und Entsorgung menschlicher Ausscheidungen geachtet werden, damit es nicht zum Kontakt zwischen Menschen und menschlichen Fäkalien kommt.

Es ist wichtig, dass Menschen mit lebensmittel- und wasserbedingten Krankheiten Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung haben.

Cholera

Das Risiko, dass Flüchtlinge und Migranten die Cholera nach Europa einschleppen, besteht durchaus, doch geht ein ähnliches Risiko von Reisenden aus, die aus Ländern zurückkehren, in denen die Cholera endemisch ist. Der nun in Europa einsetzende kalte Winter begünstigt nicht die Entwicklung von Vibrio cholerae. Dieser Erreger kann zwar bei niedrigen Temperaturen überleben, entwickelt sich jedoch bei höheren Temperaturen leichter. Gelangen Cholerabakterien in ein Umfeld mit verunreinigtem Wasser und unsicheren sanitären Verhältnissen, breitet sich die Krankheit rasch aus; ihre Ausbreitung wird jedoch gestoppt, wenn der Zugang zu trinkbarem Wasser und sicheren sanitären Verhältnissen gewährleistet ist, wie es alljährlich in der Europäischen Region bei Fällen von durch Reisende eingeschleppte Cholera zu beobachten ist. Durch die Bedingungen in überfüllten Lagern, in denen die Mindestanforderungen an eine unbedenkliche Wasserversorgung und Abwasserentsorgung nicht eingehalten werden, erhöht sich das Risiko einer Infektion mit Cholera und einer Ausbreitung der Krankheit. Das Risiko der Ausbreitung ist auf mangelhafte Hygiene und sanitäre Verhältnisse zurückzuführen. Gefährdet sind daher nicht die Anwohner, sondern die in den Lagern lebenden Flüchtlinge und Migranten. Cholera ist eine wasserbürtige Krankheit, die durch die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser und hygienischen Sanitäreinrichtungen leicht verhütet und eingedämmt werden kann. Die Krankheit ist in der Europäischen Region gut bekannt, und die Länder der Region sind für ihre Bekämpfung gut gerüstet. Zudem ist die Cholera leicht behandelbar: bis zu 80% der Patienten können durch eine rasche Verabreichung von Salzen zur oralen Rehydrierung erfolgreich behandelt werden.

Fünf Schlüssel zu sicheren Lebensmitteln


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Migration und nichtübertragbare Krankheiten

Nichtübertragbare Krankheiten sind eine weit verbreitete Ursache vermeidbarer Mortalität und Morbidität. Die häufigsten nichtübertragbaren Krankheiten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und chronische Lungenerkrankungen. Die Prävalenz von nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck liegt bei Erwachsenen in bestimmten Ländern mit niedrigem bis mittlerem Volkseinkommen bei 25% bis 35%.

Flüchtlinge und Migranten mit nichtübertragbaren Krankheiten sind oft aufgrund der Umstände ihrer Migration anfälliger 

Nichtübertragbare Krankheiten weisen eine Reihe gemeinsamer Merkmale auf, die Flüchtlinge oder Migranten oft anfälliger machen. Nichtübertragbare Krankheiten: 

  • machen eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung über längere Zeiträume hinweg (oft lebenslang) erforderlich; 
  • erfordern oft eine regelmäßige Behandlung mit bestimmten Medikamenten, Technologien oder Geräten; 
  • können mit akuten Komplikationen verbunden sein, die eine medizinische Versorgung erfordern, Gesundheitsausgaben nach sich ziehen und die Funktionstüchtigkeit der Betroffenen und ihren täglichen Aktionsradius einschränken und sogar ihre Lebenserwartung verringern können; 
  • machen eine Koordinierung der Versorgung und Nachsorge zwischen verschiedenen Leistungsanbietern und Umfeldern erforderlich; 
  • können die Notwendigkeit einer Palliativversorgung nach sich ziehen.

Herausforderungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Maßnahmen der WHO auf diesem Gebiet 

In den vergangenen 20 Jahren sind in den Ländern der Europäischen Region der WHO infolge der Zuwanderung verschiedene Probleme im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit zu beobachten. So ist etwa die Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen für Länder wie Belgien, Norwegen, Schweden und das Vereinigte Königreich zu einem aktuellen Thema geworden, und die Mitgliedstaaten haben die WHO um Empfehlungen für den Umgang mit dieser Problematik gebeten. Weiterhin leidet ein Teil der Flüchtlinge und Migranten an nicht diagnostizierten nichtübertragbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Diese Gesundheitsprobleme können zu Komplikationen während der Schwangerschaft führen und bei Müttern schwere Erkrankungen und sogar den Tod zur Folge haben. Irreguläre Migranten, die nicht über Angebote im Bereich der Reproduktionsgesundheit (z. B. vorgeburtliche Versorgung) informiert sind und somit keinen Zugang zu ihnen haben, erhalten häufig eine verspätete Diagnose, und dies kann für die betroffenen Frauen, Mütter und Säuglinge zu teils lebensbedrohlichen Situationen führen.

Eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation hinsichtlich der Gesundheit von Müttern unter den Flüchtlingen und Migranten wird derzeit vom Health Evidence Network der WHO durchgeführt und soll 2016 vorgelegt werden. Diese Zielgruppe wird der Gegenstand des Aktionsplans zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit in der Europäischen Region der WHO sein, der 2016 der 65. Tagung des Regionalkomitees für Europa vorgelegt wird.


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Auswirkungen einer plötzlichen Migrationswelle auf die Gesundheit von Menschen mit nichtübertragbaren Krankheiten

Die Umstände, unter denen Flüchtlinge und Migranten unterwegs sind, können dazu führen, dass die Lebensbedingungen von Menschen, die an nichtübertragbaren Krankheiten leiden, sich akut verschärfen oder dass eine lebensbedrohliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustands eintritt. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Kinder. Komplikationen können durch folgende Umstände verursacht werden: 

  • körperliche Verletzungen: Faktoren wie Sekundärinfektion und unzureichende glykämische Kontrolle beeinträchtigen die Behandlung einer akuten traumatischen Verletzung; 
  • Zwangsvertreibung: Verlust des Zugangs zu Medikamenten oder medizinischen Geräten, das Fehlen von Verschreibungen und ein fehlender Zugang zur Gesundheitsversorgung tragen zur Verlängerung der Behandlungsunterbrechung bei; 
  • Verschlechterung der Lebensbedingungen: Verlust des Dachs über dem Kopf, Engpässe in der Wasser- und Nahrungsmittelversorgung und fehlendes Einkommen bewirken eine Verschärfung der körperlichen und seelischen Belastung;
  • Unterbrechung der Versorgung: aufgrund der Zerstörung der gesundheitlichen Infrastruktur, der Unterbrechung der Versorgung mit medizinischen Gütern und des Fehlens von Leistungserbringern, die getötet oder verletzt worden sind oder aus anderen Gründen nicht zur Arbeit gehen können; 
  • Unterbrechung der Strom- oder Trinkwasserversorgung: sie kann lebensbedrohliche Folgen haben, insbesondere für Personen mit Nierenversagen im Endstadium, die eine Dialyse benötigen.

Mindestnormen für die Reaktion auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten mit nichtübertragbaren Krankheiten 

  • Identifizierung von Personen mit nichtübertragbaren Krankheiten, um ihnen auch weiterhin Zugang zu der Art von Behandlung zu sichern, die sie vor Antritt ihrer Reise erhielten. 
  • Gewährleistung der Behandlung von Personen mit akuten, lebensbedrohlichen Komplikationen von nichtübertragbaren Krankheiten mit dramatischer Verschlechterung des Gesundheitszustands. 
  • Wenn für nichtübertragbare Krankheiten keine Behandlung bereit steht, Festlegung klarer Standardverfahren für eine Überweisung. 
  • Gewährleistung, dass im System der primären Gesundheitsversorgung die wesentlichen Diagnosegeräte, Labortests und Medikamente für eine routinemäßige Versorgung von Personen mit nichtübertragbaren Krankheiten vorhanden sind. Medikamente, die auf der vor Ort jeweils geltenden Liste der Behörden oder der WHO mit unentbehrlichen Arzneimitteln stehen, sind als angemessen anzusehen.

Wichtigste Indikatoren 

  • Alle Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung verfügen über klare Standardverfahren für die Überweisung von Patienten mit nichtübertragbaren Krankheiten an Einrichtungen der sekundären und tertiären Gesundheitsversorgung. 
  • Alle Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung verfügen über die notwendigen Medikamente, um für Patienten mit nichtübertragbaren Krankheiten die vor Eintreten der Notsituation laufende Behandlung (einschließlich Palliativversorgung) fortzusetzen.


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Reihenuntersuchungen für Flüchtlinge und Migranten: Empfehlungen der WHO

Die WHO empfiehlt keine obligatorischen Untersuchungen von Flüchtlingen und Migranten auf bestimmte Krankheiten, da es keine eindeutigen Hinweise auf deren Nutzen oder Kosteneffektivität gibt. Außerdem kann dies zu Ängsten bei einzelnen Flüchtlingen wie auch in der Gesamtbevölkerung führen. Dagegen empfiehlt sie nachdrücklich das Angebot von Untersuchungen, um allen Flüchtlingen und Migranten, die Gesundheitsschutz benötigen, Zugang zur Gesundheitsversorgung zu geben. Hierbei sollten Untersuchungen auf übertragbare wie nichtübertragbare Krankheiten durchgeführt werden, wobei die Menschenrechte und die Würde der Flüchtlinge und Migranten zu achten sind.

Die Ergebnisse der Untersuchungen dürfen nie als Grund oder Rechtfertigung dafür dienen, einen Flüchtling oder Migranten des Landes zu verweisen. Eine Untersuchungspflicht kann Migranten davon abhalten, sich ärztlich untersuchen zu lassen, sodass die Identifizierung von Hochrisikopatienten gefährdet wird.

Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung gibt es keinen Zusammenhang zwischen Migration und der Einschleppung von Infektionskrankheiten. Flüchtlinge und Migranten sind vor allem von Infektionskrankheiten betroffen, die in Europa unabhängig von der Migration allgemein verbreitet sind. In Europa ist das Risiko einer exotischen Infektionskrankheit etwa durch Einschleppung des Ebola-Virus extrem gering, und aus Erfahrung wissen wir, dass die wenigen Fälle eher durch Touristen und Gesundheitspersonal als durch Flüchtlinge und Migranten verursacht werden.

An Grenzübergangsstellen wird eine Triage empfohlen, um möglichst bald nach der Ankunft der Flüchtlinge und Migranten etwaige Gesundheitsprobleme erkennen zu können. Darauf müssen eine ordnungsgemäße Diagnose und Behandlung folgen, und bestimmte Bevölkerungsgruppen (Kinder, Schwangere und Senioren) müssen mit den nötigen Gesundheitsleistungen versorgt werden. Alle Menschen müssen während ihrer Migration ungeachtet von Geschlecht, Alter, Religion, Nationalität, Rasse oder Aufenthaltsstatus einen vollständigen Zugang zu einem gastfreundlichen Umfeld und bei Bedarf zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung erhalten. So kann auch am ehesten gewährleistet werden, dass die ansässige Bevölkerung nicht unnötig eingeschleppten Krankheitserregern ausgesetzt wird. Die WHO unterstützt Konzepte, die Migranten und Flüchtlinge unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus gesundheitlich versorgen – im Sinne einer allgemeinen Gesundheitsversorgung.


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Stillen während großer Migrationsströme

Die lebensrettende Rolle des Stillens in Notsituationen, insbesondere bei größeren Fluchtbewegungen, wird durch vorliegende Erkenntnisse und Leitlinien nachdrücklich gestützt. In der Globalen Strategie der WHO für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern  werden verschiedene Möglichkeiten zur Verbesserung der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern während Notlagen erläutert. In allen Situationen besteht der beste Weg zur Vorbeugung gegen Mangelernährung, bestimmte Krankheiten und Tod bei Säuglingen und Kleinkindern darin, sicherzustellen, dass innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt mit dem Stillen begonnen wird und dass dann sechs Monate lang ein ausschließliches Stillen (ohne Ernährung oder Flüssigkeit außer der Muttermilch, nicht einmal Wasser) und bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahrs oder darüber hinaus ein Stillen bei angemessener Zufütterung erfolgt. Sogar in Notsituationen sollte angestrebt werden, ein Umfeld zu schaffen bzw. aufrechtzuerhalten, in dem ein häufiges Stillen von Kindern bis zum Alter von mindestens zwei Jahren möglich ist. Leider herrscht eine weit verbreitete Vorstellung, dass Stress oder unzureichende Ernährung, wie sie während großer Migrationsbewegungen häufig sind, die Fähigkeit einer Mutter, erfolgreich zu stillen, beeinträchtigen kann. Unter solchen Ausnahmebedingungen können unerwünschte oder unkontrollierte Spenden von Muttermilchersatzprodukten das Stillen gefährden und sind deshalb abzulehnen. Stattdessen sollte Stillen aktiv gefördert und unterstützt werden. Als gesundheitliche Hilfestellung sollten Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen über entsprechend geschultes Personal verfügen, die Müttern bei der Aufnahme des Stillens und bei der Überwindung etwaiger Schwierigkeiten behilflich sein können. 

Global strategy for infant and young child feeding


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Zugang von Flüchtlingen und Migranten zur Gesundheitsversorgung

Der Aufenthaltsstatus gehört zu den wichtigsten Determinanten für den Zugang der Migranten zur Gesundheitsversorgung in ihrem Aufnahmeland. Jeder Flüchtling und Migrant muss ohne Ansehen von Geschlecht, Alter, Religion, Nationalität oder Rasse einen vollständigen und ununterbrochenen Zugang zu einem gastfreundlichen Umfeld und bei Bedarf zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung erhalten. Die WHO befürwortet Konzepte zur Bereitstellung angemessener Gesundheitsleistungen unabhängig vom Aufenthaltsstatus von Migranten. Ein schneller Zugang zur Gesundheitsversorgung kann eine Heilung bewirken und die Ausbreitung von Krankheiten verhindern. Es ist daher im Interesse der Migranten wie auch des Aufnahmelandes, dafür zu sorgen, dass die ortsansässige Bevölkerung nicht unnötigerweise eingeschleppten Krankheitserregern ausgesetzt wird. Ebenso kann durch Diagnose und Behandlung von nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck verhindert werden, dass sich diese Erkrankungen verschlimmern oder gar lebensbedrohlich werden.


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Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit durch große Migrationsströme: Bereitschaftsplanung in den Ländern der Europäischen Region

Die Gesundheitssysteme in den Aufnahmeländern der Migranten sind gut für die Diagnose und Behandlung verbreiteter Infektionskrankheiten wie auch nichtübertragbarer Krankheiten gerüstet. Sie sollten auch darauf vorbereitet sein, solche Leistungen für Flüchtlinge und Migranten zu erbringen. Gemäß den Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) sollten alle Länder über wirksame Überwachungs- und Meldesysteme und über die Fähigkeit verfügen, einen Ausbruch zu untersuchen und ein angemessenes Fallmanagement sowie Sofortmaßnahmen zu gewährleisten. Für den Fall der Einschleppung eines seltenen exotischen Krankheitserregers ist die Europäische Region gut gerüstet und handlungsbereit, wie sich in den letzten zehn Jahren bei der Reaktion auf eingeschleppte Fälle von Lassa-Fieber, Ebola-Viruskrankheit, Marburg-Viruskrankheit und MERS-CoV gezeigt hat, da die Länder über gute Laborkapazitäten, Behandlungseinrichtungen mit Isolierstationen, ein gut geschultes Gesundheitspersonal und Systeme für die Rückverfolgung von Kontakten verfügen. Doch auch wenn die Länder auf diesem Gebiet wachsam bleiben sollten, so darf doch ihr Handeln dadurch nicht wesentlich bestimmt werden.

Eine schnelle und effiziente Reaktion auf einen großen Zustrom von Menschen aus dem Ausland setzt eine wirksame Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen wie auch innerhalb von Ländern sowie verschiedenen Politikbereichen voraus. Voraussetzung für eine erfolgreiche Reaktion auf die Probleme der Migranten ist eine gute Bereitschaftsplanung. Vorsorge ist die Grundlage für den mittel- und langfristigen Aufbau ausreichender Kapazitäten. Hierfür sind solide epidemiologische Daten über die Flüchtlinge und Migranten, eine sorgfältige Planung, geeignete Schulungen und vor allem die Einhaltung der Grundsätze der Menschenrechte erforderlich. Die Definition von Notfallszenarien für eine angemessene Bewältigung gegenwärtiger oder möglicher künftiger Massenbewegungen von Flüchtlingen und Migranten in ein Land wird sich positiv auf die Abstimmung zwischen den zahlreichen maßgeblichen Akteuren auswirken und die Widerstandskraft des Gesundheitssystems stärken und somit dessen Überlastung verhindern.

Die Akutversorgung besonders anfälliger Gruppen bei verbreiteten und schweren Krankheiten muss sichergestellt werden, da die Gesundheit von Kindern sich beim Fehlen einer angemessenen Gesundheitsversorgung schnell verschlechtern kann. Falls erforderlich, sollten Gesundheitsfachkräfte lernen, auch solche übertragbaren Krankheiten zu erkennen und zu behandeln, mit denen sie sonst nicht oft zu tun haben. Ferner sollten sie lernen, mit Menschen zu kommunizieren, die andere Sprachen sprechen und aus anderen Kulturkreisen stammen (z. B. über Dolmetscher). Eine hochwertige Versorgung von Flüchtlingen und Migranten kann nicht von den Gesundheitssystemen allein geleistet werden. Auch soziale Determinanten von Gesundheit, wie Bildung, Beschäftigung, soziale Absicherung und Wohnverhältnisse, haben erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Migranten.


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Der Einfluss von Witterungsbedingungen auf die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten

Kälte

Kälteperioden, insbesondere extreme Temperaturen, können die Gesundheit gefährden. Wenn Flüchtlinge und Migranten bei Temperaturen unter 16 °C im Freien oder in kalten Notunterkünften übernachten, sind sie anfällig für Unterkühlung, Erfrierungen und andere Gesundheitsprobleme. Das Risiko erhöht sich, wenn sie keine angemessene Kleidung und Nahrung haben und es an medizinischer Versorgung fehlt. Ältere Menschen, Kinder, Menschen mit gesundheitlichen Problemen und Alkoholiker sind besonders anfällig für die Folgen kalter Witterungsbedingungen.

Kälteeinwirkung hat unter anderem folgende negative Folgen für die Gesundheit:

  • Unterkühlungen, d.h. ein Absinken der Körpertemperatur auf unter 35,0 °C, entstehen durch Einwirkung extremer Kälte oder Eintauchen in kaltes Wasser und können lebenswichtige Funktionen des Menschen beeinträchtigen. Kältezittern ist das erste Symptom für die Reaktion des Körpers, der versucht, sich zu erwärmen.
  • Erfrierungen treten auf, wenn die Haut und das tiefer liegende Gewebe infolge der Einwirkung von kalter Luft, Wind und Feuchtigkeit gefrieren. Die Schwere von Erfrierungen nimmt durch den Kontakt mit kalten Gegenständen oder Flüssigkeiten, eine lange Kälteeinwirkung und ungeeignete oder feuchte Kleidung zu. Erfrierungen treten am häufigsten an Fingern, Zehen, Nase, Ohren, Wangen und Kinn auf.
  • Bei kalten Temperaturen kann ein erhöhtes Risiko für Brüche, Verstauchungen und Zerrungen durch Stürze und Unfälle, aber auch für Herz-Kreislauf- und Atembeschwerden und psychische Gesundheitsprobleme bestehen. 
  • Auch schwere bakterielle und virale Infektionen, etwa Erkrankungen der Atemwege, sind im Winter häufiger und werden zunehmend mit Kälteeinwirkung in Verbindung gebracht. 
  • Eis und Schnee können erhebliche Störungen im allgemeinen Verkehr verursachen und den Zugang zu Straßen und Gehwegen erschweren, wodurch sich das Unfallrisiko erhöht.

Menschen, die der Kälte ausgesetzt sind, können sich schützen, indem sie warme Bekleidung in mehreren Lagen tragen, Hände, Füße und Kopf bedecken, warme Mahlzeiten zu sich nehmen, genug trinken, jedoch kalte Getränke meiden, auf Alkohol und Tabak verzichten, sich ausreichend bewegen und langes Stillstehen oder -sitzen in der Kälte vermeiden. Bei der Nutzung fester Brennstoffe (wie Holzkohle, Holz oder Kohle) zum Kochen oder Heizen müssen sie für eine regelmäßige Belüftung der Innenräume sorgen. Sie sollten auf Warnzeichen der Haut für Erfrierungen achten (Taubheitsgefühl in Fingern und Zehen und blasse Flecken im Gesicht oder auf anderen Hautpartien) und den Bereich sofort erwärmen.

Die wichtigste Präventionsmaßnahme bei kaltem Wetter ist die Verringerung der Kälteeinwirkung durch die Bereitstellung beheizter Unterkünfte, warmer Mahlzeiten und angemessener Kleidung. Flüchtlinge und Migranten sollten darüber informiert werden, welche Risiken bei kalter Witterung auftreten und wie sie sich an ein verändertes Lebensumfeld anpassen können. Besonders muss auf die Bedürfnisse anfälliger Gruppen geachtet werden. Es ist empfehlenswert, Influenza-Impfungen anzubieten und kältebedingte Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Kälteperioden lassen sich weitgehend vermeiden, doch aufgrund der kurzen Zeitspannen zwischen dem Einsetzen extremer Wetterbedingungen und den daraus resultierenden gesundheitlichen Auswirkungen sind eine angemessene Planung und Vorsorge entscheidend.

Hitzeperioden

Auch große Hitze kann zu Krankheit und sogar zum Tod führen. Wenn die Außentemperatur höher ist als die Hauttemperatur, ist die einzige Möglichkeit zur Wärmeregulierung Verdunstung (Schwitzen). Deshalb kann jeder Einflussfaktor, der diese Verdunstung behindert, etwa hohe Luftfeuchtigkeit oder allzu enge Kleidung, zu einer Erhöhung der Körpertemperatur führen, die wiederum einen lebensbedrohlichen Hitzschlag auslösen kann. Große Hitze kann Erschöpfung, Herzinfarkte oder Verwirrung auslösen und bereits bestehende Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegserkrankungen verschlimmern. Die individuelle Anfälligkeit für Hitzebelastung wird durch ein breites Spektrum von Einflussfaktoren erhöht, darunter chronische Erkrankungen, soziale Isolation, beengte Wohnverhältnisse, Bettlägerigkeit und bestimmte medizinische Behandlungen.

Während einer Hitzewelle sind als wichtigste Präventionsmaßnahmen geboten: Vermeidung oder Verringerung der Hitzebelastung; effektive Risikokommunikation; besondere Berücksichtigung der Bedürfnisse anfälliger Bevölkerungsgruppen; und Behandlung mäßiger wie schwerer hitzebedingter Erkrankungen. Das WHO-Regionalbüro für Europa hat für verschiedene Zielgruppen Informationsblätter mit gesundheitsrelevanten Ratschlägen zur Verhinderung der gesundheitlichen Auswirkungen von Hitzebelastung ausgearbeitet.


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Die Antwort des WHO-Regionalbüros für Europa auf die Flüchtlings- und Migrationskrise

Die WHO unterstützt die Länder dabei, flüchtlings- und migrantengerechte Gesundheitskonzepte auszuarbeiten, die Gesundheitssysteme im Hinblick auf die Herstellung eines chancengleichen Zugangs zu Gesundheitsleistungen zu stärken, Informationssysteme für die Bewertung der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten einzurichten, Informationen über bewährte Praktiken auszutauschen, die Kultur- und Geschlechtersensibilität zu verbessern und spezielle Schulungen für Leistungserbringer und Fachkräfte anzubieten und eine multilaterale Zusammenarbeit zwischen den Ländern gemäß der Resolution WHA61.17 über die Gesundheit von Migranten zu fördern, die 2008 von der 61. Weltgesundheitsversammlung verabschiedet wurde.

Gesundheitliche Aspekte von Migrationsbewegungen sind seit vielen Jahren ein Thema für die Europäische Region der WHO. In dem gesundheitspolitischen Rahmenkonzept der Europäischen Region, „Gesundheit 2020", wird mit besonderem Nachdruck auf den Themenkomplex Migration und Gesundheit in Verbindung mit den Aspekten Vulnerabilität und Menschenrechte hingewiesen. Als Reaktion auf die politische, ökonomische und humanitäre Krise in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas rief das WHO-Regionalbüro für Europa in Zusammenarbeit mit dem italienischen Gesundheitsministerium im April 2012 das Projekt über gesundheitsschutzbezogene Aspekte der Migration in der Europäischen Region ins Leben. Dieses zielt darauf ab, die Fähigkeit der Gesundheitssysteme zur Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse heterogener Ströme von Flüchtlingen und Migranten sowie der Bevölkerung der Gastländer zu stärken, unentbehrliche gesundheitliche Sofortmaßnahmen zu fördern, für flüchtlings- und migrantengerechte Gesundheitskonzepte und Verbesserungen an der Qualität der Gesundheitsleistungen zu sorgen und die Nutzung der Gesundheitsstrukturen und der Mittel in den jeweiligen Aufnahmeländern zu optimieren. Bis Oktober 2015 hat das Regionalbüro gemeinsame Bewertungsmissionen mit den Gesundheitsministerien Albaniens, Bulgariens, Griechenlands, Italiens, Maltas, Portugals, Serbiens, Spaniens, Ungarns und Zyperns durchgeführt und dabei das Instrumentarium der WHO für die Bewertung der Fähigkeit von Gesundheitssystemen zur Bewältigung größerer Migrantenströme während der Akutphase eingesetzt, um die komplexe, bereichsübergreifende, ressourcenintensive und politisch sensible Problematik der Gesundheit von Migranten entschlossen in Angriff zu nehmen.


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