WHO-Bewertungsmission: bessere Aufnahmesysteme für Migranten erforderlich

WHO/Santino Severoni

Vom 16. bis 19. Mai 2012 unterzogen Vertreter der italienischen Gesundheitsbehörden und der WHO die Flüchtlingseinrichtungen und Gesundheitsdienste der viele Migranten aus Nordafrika und Afrika südlich der Sahara anziehenden Inseln Lampedusa und Linosa einer Bewertung. Dies sind ihre Ergebnisse:

  • Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie die Infrastruktur allgemein müssen dringend verbessert und zugänglich gemacht werden.
  • Nachdem Bewohner es im August 2011 in Brand setzten, müssen die Einrichtungen im Flüchtlingsaufnahmezentrum von Lampedusa wieder verbessert und ausgebaut werden.
  • Das Aufnahmezentrum verfügt derzeit nur über 250 Betten, was ungefähr einem Viertel seiner normalen Kapazität entspricht.
  • Notfallpläne müssen auf Szenarien eingestellt sein, in denen die Kapazitäten der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung durch große Zuströme von Menschen stark belastet werden. Der Plan muss auch Migranten Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen und der ansässigen Bevölkerung den Erhalt ihrer Versorgungsqualität sichern.

Das Ziel der Mission war es, in der Infrastruktur der Insel Gefahren und Schwachstellen für die öffentliche Gesundheit zu erkennen, ihre Vorbereitung auf Notlagen zu bewerten und Empfehlungen für eine ministerielle Arbeitsgruppe darüber abzugeben, wie die Koordinierung und Erbringung der Dienste für eine neuerliche große Migrationswelle aus Nordafrika und Afrika südlich der Sahara gerüstet werden können. 

Die Befunde aus dem Besuch und die Empfehlungen der WHO wurden in einer Reihe von Gesprächen mit der Arbeitsgruppe für Migration und Gesundheit vorgelegt und erörtert. Die Arbeitsgruppe besteht aus Vertretern der WHO, der italienischen Ministerien für Gesundheit, Inneres und internationale Zusammenarbeit, des italienischen Instituts für Gesundheit, Migration und Armut (NIHMP) und des Italienischen Roten Kreuzes.

Der italienische Gesundheitsminister Prof. Renato Balduzzi wird seiner Regierung diese Empfehlungen in Form nationaler Leitlinien für Migration und Gesundheit vorlegen.

Neues WHO-Instrumentarium zum Krisenmanagement der Gesundheitssysteme 

Für die Mission wurde das neue WHO-Instrumentarium zur Bewertung des Krisenmanagements der Gesundheitssysteme genutzt. Gesundheitsbehörden können das standardisierte-Online-Verfahren dazu nutzen, die Notfallvorbereitung von Gesundheitssystemen an den bekannten Landestellen von Flüchtlingen zu bewerten und so Planungslücken zu erkennen und Fortschritte in der Verbesserung der Pläne zu beobachten.

Migration nach Lampedusa im Jahr 2011

2011 kamen aus Afrika unangekündigt mehr als 60 000 Menschen auf der Insel an. Auch früher lag Lampedusa schon einmal auf einer beliebten Einfallsroute für Migranten, die in die Europäische Union (EU) strebten, doch hatte ein verstärkter Einsatz von italienischen und libyschen Polizeikräften diesen Weg im Zeitraum 2008−2009 versperrt. Während der Krisen des Jahres 2011 in Nordafrika bestand Sorge um das Wohlergehen der auf der Insel gestrandeten Flüchtlinge. An manchen Tagen kamen rund 500 Flüchtlinge an und obwohl die Kapazität des Aufnahmelagers nur 800 Plätze betrug, musste es zeitweise mehrere tausend Menschen beherbergen.

Viele von ihnen wurden nach Sizilien und auf das italienische Festland gebracht, wo weitere Kapazitäten vorhanden waren. Die italienische Küstenwache leitete ca. 1200 Menschen zur Insel Linosa weiter, die 56 km nördlich von Lampedusa liegt.

2011 flohen aufgrund politischer Unruhen hauptsächlich afrikanische Migranten (zum größten Teil Eritreer und Somalier) aus Libyen sowie Tunesier aus ihrem eigenen Land.

Die gesundheitlichen Zustände im Aufnahmelager verschlechterten sich 2011 signifikant, als Bewohner es in Brand setzten und es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam.