Lampedusa, südliche Eintrittspforte zu Europa

WHO

Der Leiter des Gesundheitsdienstes auf Lampedusa Dr. Pietro Bartolo und der 2010 angekommene Migrant Omar berichten über ihre Erlebnisse auf dieser zu Sizilien gehörenden Insel.

 „Wenn ich die Uhr zurückstellen könnte und eine neue Chance bekäme, würde ich in Afrika bleiben.“ Nach drei Jahren in Italien zögert Omar keine Sekunde, dies zu sagen. „Ich kam in der Hoffnung auf ein besseres Leben, fand aber nur Elend, Armut und Krankheit.“ Omar ist einer von Millionen, die hauptsächlich aus Nordafrika und dem Nahen Osten seit Beginn der revolutionären Entwicklungen im Jahr 2010 kamen. Von Tunesien kommend strandete er nach einer gefährlichen Überfahrt auf Lampedusa. Mit 21 Jahren und ohne Familie in Tunesien brach Omar ein Literaturstudium ab und zahlte 1800 Dinare (ca. 785 Euro), um mit über 100 Schicksalsgenossen an Bord eines Bootes mit Kurs auf Lampedusa zu gelangen.

Seit 2010 ist diese dicht vor der afrikanischen Küste gelegene und zu Sizilien gehörende Insel einem Ansturm von Flüchtlingen ausgesetzt, der das italienische Gesundheitswesen auf eine harte Belastungsprobe stellt. In Spitzenzeiten kamen täglich durchschnittlich 500 Menschen neu auf der Insel an. Der Leiter des Gesundheitsdienstes auf Lampedusa Dr. Pietro Bartolo bezeichnet das zurückliegende Jahr als besonders schwierig. „Trotz meiner langjährigen Erfahrungen haben mich die jüngsten tödlichen Tragödien, deren Opfer in vielen Fällen Frauen und Kinder waren, von denen manche noch in den Windeln steckten, stark schockiert,“ sagte er.

Omar machte sich vor drei Jahren auf den Weg nach Europa. Er musste zwei Tage an Bord eines Bootes verbringen und erst einen Sturm auf See überleben, bevor er Lampedusa betreten konnte. „Das Boot hielt weit entfernt vom Strand. Ich kann zwar nicht schwimmen, doch reichte mir das Wasser nur bis zu den Schultern. Ca. zehn Minuten musste ich durch das Wasser waten. Es wimmelte von Menschen, unter ihnen viele Frauen und Kinder.“ Nach der Ankunft des Bootes gegen elf Uhr nachts wurde Omar durch keine Grenzkontrolle aufgehalten. „21 Tage lang hielt ich mich in Nähe der Küste versteckt, weil ich Angst davor hatte, zum Flüchtlingslager zu gehen. Doch ging es mir nicht gut dabei. In meiner Verzweiflung habe ich sogar Seewasser getrunken und Essen aus Abfällen gesucht, bis Pater Dario mich fand.“ Omar hellt auf, wenn er von Pater Dario spricht. „Das Leben in Italien ist sehr hart ... doch manchmal trifft man auf gute Menschen.“ Pater Dario und Dr. Bartolo sind zwei dieser Menschen, die etwas für Omar getan haben. Dank ihrer Hilfe wurde der unter Anämie leidende Omar in ein Krankenhaus eingewiesen.

Wer es nach Lampedusa schafft, ist von „Angst und Stress“ gezeichnet

Doch dies ist nicht der übliche Weg. Dr. Bartolo erläutert dies so: „Wenn Boote eintreffen, führe ich am Anleger erst eine Triage durch. Gegebenenfalls weise ich die bedürftigen Patienten in die Notaufnahme des Krankenhauses ein. An Schwangeren werden Ultraschalluntersuchungen über den Gesundheitszustand des Fötus durchgeführt.“Über den Gesundheitszustand der eintreffenden Flüchtlinge sagt Dr. Bartolo: „Diese Menschen leiden oft unter Angst und Stress sowie Folgen der Überfahrt wie Unterkühlung, Dehydrierung, Verätzung und Geistesverwirrung.“ 

Die primäre Gesundheitsversorgung auf Lampedusa führt Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen, Bluttests, Spezialdienste und anschließende medikamentöse Behandlungen durch. Dr. Bartolo führt aus: „Wenn der Gesundheitszustand nicht bedrohlich ist, reicht eine Versorgung durch das Erste-Hilfe-Zentrum. Wer in ein Krankenhaus aufgenommen werden muss, wird zur Hauptinsel Sizilien gebracht.“ 

Flüchtlingszahl übersteigt Aufnahmekapazität der Insel

Aufgrund zahlreicher und schnell aufeinander folgender Flüchtlingswellen sind die Auffanglager Lampedusas heute stark überfüllt, was sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit der Insassen auswirkt. „Laut Gesetz dürfen die Flüchtlinge sich höchstens 72 Stunden in einem Auffanglager aufhalten. Doch häufig bleiben sie länger als einen ganzen Monat,“ sagt Dr. Bartolo. „Dies wirkt sich natürlich auf den psychischen Zustand der Menschen aus, die mit ihren über ganz Europa verstreuten Angehörigen und Freunden wiedervereint werden möchten,“ fügt er hinzu.

Trotz der schwierigen Lage sieht Dr. Bartolo auch Grund zur Hoffnung: „Mit aufopferndem Engagement, professionellem Auftreten und fachlicher Kompetenz sorgen wir unter schwierigsten Bedingungen für eine effektive und effiziente gesundheitliche Versorgung der Migranten. Wir haben schon viele schwierige Herausforderungen bewältigen können und herausgekommen ist dabei das Lampedusa-Modell.“ 2013 wurden auf der Insel neue Strategien festgelegt. „Heute werden Flüchtlinge schon in 100 Meilen Abstand zur Küste durch Küstenwache und -polizei abgeborgen. Dadurch ist die Zahl der Erkrankungen sowie der am Anleger erforderlichen medizinischen Interventionen enorm zurückgegangen.“ Allerdings räumt er ein, dass noch viel zu tun bleibt.

WHO-Projekt unterstützt Lampedusa

Als die Krise in Nordafrika heraufzog, gründete die WHO mit Unterstützung durch das italienische Gesundheitsministerium das Projekt zu gesundheitspolitischen Aspekten der Migration für Europa (PHAME), um angesichts der Migration den Gesundheitsschutz der Länder zu stärken. Dieses Projekt verfolgt die gleichen Prioritäten und Ziele wie das gesundheitspolitische Rahmenkonzept für die Europäische Region „Gesundheit 2020“.

Auf Ersuchen der zuständigen Gesundheitsministerien hat das Regionalbüro schon Untersuchungen vor Ort in Italien, Portugal und Malta durchgeführt und bereitet weitere für das Jahr 2014 vor. Das PHAME-Team der Außenstelle des Regionalbüros für Europa in Venedig (Europäisches Büro für Investitionen in Gesundheit und Entwicklung) unterstützt die Ministerien fachlich in Fragen der Notfallplanung und des Risikomanagements, der epidemiologischen Überwachung übertragbarer und nichtübertragbarer Krankheiten sowie der sensiblen Entwicklung von Gesundheitskonzepten und -angeboten für Migranten unter Berücksichtigung ihrer Kultur und ihres Geschlechts. An erster Stelle steht dabei der Ausbau der Kapazitäten des Gesundheitswesens zur Bewältigung großer Zuströme an Migranten.

Zukunftsträume

Dr. Bartolo wünscht sich, dass künftig im Mittelmeer kein weiterer Flüchtling elend zugrunde geht. Omar schätzt sich nach drei Jahren trotz harter Lebensumstände in Italien glücklich: „Dieses neue Leben, diese göttliche Prüfung, ist nicht einfach. Doch danke ich Gott dafür, dass er mich nicht auf See sterben ließ.“ Jetzt träumt er von einer Ausbildung im Pflegebereich und einem Umzug nach London, wo er größere Chancen für ein besseres Leben sieht.