Bevölkerungsströme sind eine Herausforderung für die Flüchtlinge und Migranten, aber auch für die Bevölkerung der Aufnahmeländer

WHO/Sara Barragán Montes

Migrant child in a temporary camp for refugees in Preševo, Serbia.

Erklärung von Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa

Der große Zustrom an Flüchtlingen und Migranten in Länder der Europäischen Region hat in den vergangenen Monaten zu einer Zuspitzung der Lage geführt, die einen konzertierten Einsatz zur Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse erforderlich macht. Länder- und sektorübergreifende Maßnahmen sind hierfür erforderlich. 

Die Einhaltung angemessener Versorgungsstandards für die nach Europa kommenden Flüchtlinge und Migranten ist nicht nur für den Schutz der Bevölkerungsgesundheit wichtig, sondern auch für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte der neu hinzukommenden wie der eingesessenen Bevölkerung. Dies ist ganz im Geiste von „Gesundheit 2020", dem Rahmenkonzept der Europäischen Region für Gesundheit und Wohlbefinden, sowie von Resolution WHA61.17 der Weltgesundheitsversammlung zur Gesundheit von Migranten, die einen Meilenstein für die einschlägige Arbeit der WHO bedeutete.

Von Anfang 2015 bis heute haben 350 000 Flüchtlinge und Migranten Europa erreicht und weitere zwei Millionen Flüchtlinge haben in der Türkei Schutz gesucht.

Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung gibt es keinen systematischen Zusammenhang zwischen Migration und der Einschleppung von Infektionskrankheiten. Übertragbare Krankheiten sind in erster Linie mit Armut verknüpft. Flüchtlinge und Migranten werden vor allem durch Infektionskrankheiten belastet, die in Europa unabhängig von Migration allgemein verbreitet sind. In Europa ist das Risiko einer exotischen Infektionskrankheit etwa durch Einschleppung des Ebolavirus oder des MERS-Coronavirus (MERS = Middle East respiratory syndrome) extrem gering und aus Erfahrung wissen wir, dass die wenigen Fälle eher durch Touristen und Gesundheitsfachkräfte als durch Flüchtlinge und Migranten verursacht werden. Europa ist für solche Ereignisse eigentlich gut vorbereitet. Wir sollten wachsam bleiben, aber nicht überreagieren. Wir sollten uns darauf konzentrieren sicherzustellen, dass jede Person auf Reise oder Flucht ohne Ansehen von Geschlecht, Alter, Religion, Nationalität oder Rasse vollständigen Zugang zu einem gastfreundlichen Umfeld und bei Bedarf zu hochwertiger Gesundheitsversorgung erhält. So kann auch am ehesten gesichert werden, dass die ansässige Bevölkerung nicht unnötig eingeschleppten Krankheitserregern ausgesetzt wird. Die WHO unterstützt Konzepte, welche Migranten und Flüchtlinge unabhängig von ihrem rechtlichen Status gesundheitlich versorgen. 

Flüchtlinge und Migranten sind keine homogene Gruppe und daher müssen wir dafür sorgen, dass unsere Gesundheitssysteme auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen. Das gilt insbesondere für diejenigen Flüchtlinge und Migranten, die Opfer von Gewalt allgemein sowie von geschlechtsbezogener und sexueller Gewalt und Zwangsprostitution sind. Ferner gilt es für sexuelle und reproduktive Gesundheit und damit verbundene Rechte, die Gesundheit von Mutter und Kind, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Gesundheit, Notfallversorgung und Schutz vor durch Impfung vermeidbaren Krankheiten.

Um gut auf die Herausforderung durch die Bevölkerungsströme reagieren zu können, müssen die Gesundheitssysteme vorbereitet werden und auf der Grundlage solider epidemiologischer Daten und Erkenntnisse zur Migration, sorgfältiger Planung und vor allem der Prinzipien Gerechtigkeit und Solidarität sowie der Achtung der Menschenrechte und der Würde des Menschen handeln.

Hochwertige Versorgung für Flüchtlinge und Migranten kann nicht alleine von den Gesundheitssystemen geleistet werden. Die sozialen Determinanten der Gesundheit sind sektorübergreifend wirksam, etwa im Bereich Bildung, Beschäftigung, soziale Sicherheit und Unterbringung. All diese Bereiche wirken sich erheblich auf die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten aus.

Gesundheitliche Aspekte der Bevölkerungsmigration sind seit vielen Jahren ein Thema für die WHO, gerade auch in der Europäischen Region. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Gesundheitssysteme angemessen darauf vorbereitet werden, Flüchtlingen und Migranten zu helfen und zugleich die ansässige Bevölkerung zu schützen. Das erfordert eine Zusammenarbeit zwischen den Herkunfts-, Transit- und Zielländern.

Das Regionalbüro für Europa bietet für die betroffenen Länder fachliche Unterstützung und Hilfe vor Ort durch Bewertung und Unterstützung der Kapazitäten für die Bewältigung der Gesundheitsbedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten. Außerdem hilft das Regionalbüro durch konzeptionelle Beratung zur Notfallplanung, Schulungen für Gesundheitspersonal und Lieferung von Notfall-Kits, die jeweils einen dreimonatigen Bedarf von 10 000 Menschen decken können.