„Europa ist durch Migration zu dem geworden, was es ist“: Das Wichtigste von Tag 2 der Hochrangigen Tagung über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten

Dr. Santino Severoni stellte in seiner Zusammenfassung der Diskussionen des ersten Tages fest, die Delegierten hätten erkannt, dass der gegenwärtige massive Zustrom von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten in die Länder der Europäischen Region eine dringende gesundheitspolitische Herausforderung für alle Mitgliedstaaten sei. Er hob nochmals die Grundsätze der Solidarität und der Menschlichkeit hervor, die viele Teilnehmer in Verbindung mit einer gemeinsamen gesamteuropäischen Antwort auf die aktuelle Krise erwähnt hätten. Er erinnerte daran, dass als weitere Themen die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit den WHO-Regionen Afrika und Östlicher Mittelmeerraum bei der Förderung von Foren für gemeinsame Maßnahmen in den Herkunfts-, Durchgangs- und Zielländern, die Bedeutung einer wirksamen Öffentlichkeitsarbeit zur Zerstreuung von Ängsten und falschen Vorstellungen und die besonderen Bedürfnisse unbegleiteter Minderjähriger angesprochen worden seien. 

Grundsatzrede von Martin Seychell (Europäische Kommission)

„Europa ist durch Migration zu dem geworden, was es ist. Sie hat unsere Geschichte geprägt und ist ein fester Bestandteil von uns", erklärte Martin Seychell, Stellvertretender Generaldirektor für Gesundheit bei der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Kommission. Er erkannte an, dass der beispiellose Zustrom von Flüchtlingen und Migranten inzwischen zu einer humanitären Krise geworden sei, die Solidarität erforderlich mache, und erläuterte, was die Europäische Kommission zur unmittelbaren Unterstützung der Flüchtlinge tue und welche längerfristigen Strategien sie verfolge.

So unterstütze die Kommission die Mitgliedstaaten auf verschiedene Weise, durch finanzielle Beiträge zur Unterstützung der Länder bei der Unterbringung von Flüchtlingen und durch Inangriffnahme von dringenden Fragen wie Engpässen bei Impfstoffen durch den Ausschuss für Gesundheitssicherheit. Seychell erläuterte, wie Agenturen der EU Teams für sog. „Hot Spots" einsetzten, um den Ländern bei der Registrierung von Asylbewerbern, der Bearbeitung von Asylanträgen und der gesundheitlichen Versorgung behilflich zu sein. Bisher seien sechs Teams nach Italien und fünf nach Griechenland entsandt worden. Er fügte hinzu, die EU-Kommission habe eine „persönliche Gesundheitsakte" entwickelt, ein Schema, anhand dessen die jeweilige Krankengeschichte von Flüchtlingen rekonstruiert werden könne, die keine Ausweispapiere mit sich führen. Die Formulare lägen bisher in englischer und arabischer Sprache vor. Sie sollten es dem Personal ermöglichen, die Flüchtlinge angemessen zu versorgen und ihnen eine „tragbare" Akte mit ihrer Krankengeschichte mitzugeben. Die in dem Dokument verwendeten Formulierungen seien bewusst so gewählt worden, dass sie die Flüchtlinge beruhigten, da diese oftmals aufgrund ihrer Erfahrungen automatisch argwöhnisch gegenüber Behörden seien und möglicherweise keine Aufzeichnungen in Verbindung mit ihrer Reiseroute wünschten. 

Abschließend brachte Seychell seine Dankbarkeit für die Anstrengungen zahlreicher Länder, nichtstaatlicher Organisationen, Gesundheitsfachkräfte und anderer Bürger zum Ausdruck, die sich als Freiwillige für die Unterstützung der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt hätten. Er erklärte, dass es gerade wegen der äußerst schwierigen Situation der Solidarität bedürfe, um die gesundheitliche Versorgung zu bewältigen und den in Europa lebenden Menschen Wohlstand und ein gesünderes Leben zu ermöglichen.

Gewährleistung bedarfsgerechter und bürgernaher Gesundheitssysteme

Dr. Hans Kluge, Leiter der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa, erklärte, die Reaktion der Gesundheitssysteme müsse den drei einzelnen Phasen der Migration gerecht werden. Die erste Phase beginne mit der Ankunft in Durchgangs- oder Zielländern in Europa, die zweite erstrecke sich auf die Zeit der Bearbeitung der Asylanträge während der Aufnahme in den Zielländern und die dritte und letzte auf die Integration in die Gesellschaft der Gastländer. Dr. Kluge hob hervor, dass die Gesundheitssysteme für alle Flüchtlinge und Migranten auf ihrem gesamten Weg zugänglich sein müssten, dass solche Bestimmungen in die allgemeine Planung und künftige Gestaltung der Gesundheitssysteme und in die Gesundheitsinformationssysteme einfließen müssten und dass die Arbeit ressortübergreifend abgestimmt werden müsse, wozu es eines Austauschs von Informationen und bewährten Praktiken mit allen mit Migranten befassten Stellen bedürfe.

Ein zentraler Bereich der Bemühungen, die Gesundheitssysteme besser an die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Migranten anzupassen, bestehe darin, die informellen Zugangsbarrieren abzubauen. Dies könne durch Verdolmetschung bzw. Übersetzung, die Schulung des Personals in psychosozialer Betreuung, die Aufklärung der Betroffenen über die Modalitäten des Gesundheitssystems und generell über Gesundheitskompetenz, eine gezielte Gesundheitsförderung auf der Grundlage bewährter Praktiken und die kulturell sensible Gestaltung des Systems geschehen.

Podiumsdiskussion über bedarfsgerechte, bürgernahe Gesundheitssysteme

Die Podiumsteilnehmer präsentierten ihre Erfahrungen und die von ihnen ergriffenen Maßnahmen, um ihre Gesundheitssysteme auf die Anforderungen der Flüchtlinge und Migranten vorzubereiten. Als gemeinsame Themen wurden die Verpflichtung zur Schaffung eines allgemeinen Zugangs zur Gesundheitsversorgung und die Notwendigkeit einer Verbesserung der Koordination zwischen den öffentlichen Gesundheitsdiensten und der Gesundheitsversorgung in den verschiedenen Phasen der Migration genannt; dies schließe auch die bei Ankunft und auf den Durchgangsrouten erforderlichen Leistungen ein, die meist durch nichtstaatliche Organisationen erbracht würden.

Mehrere Delegierte brachten zum Ausdruck, dass verschiedene Bereiche – Gesundheitsversorgung, Soziales , Bildungswesen, Wohnungswesen – im Sinne einer wirksamen Unterstützung zusammenarbeiten müssen, insbesondere für die am stärksten gefährdeten Flüchtlinge und Migranten. So erläuterte die Delegation Schwedens, ihr Land habe bisher 22 000 unbegleitete Kinder aufgenommen, was sogar eine Änderung der gesetzlichen Vorschriften für Wohnungen erforderlich gemacht habe, da es zuvor keine Regelung für solche Fälle gegeben habe. 

Mehrere Delegierte unterstrichen die Bedeutung interkultureller Mediatoren. Das Podiumsmitglied aus der Schweiz schilderte, wie ihr Land ein Forum für E-Learning eingeführt habe, um interkulturelle Fähigkeiten bei Gesundheitsfachkräften zu fördern, damit diese wüssten, wann sie im Umgang mit Menschen aus anderen Teilen der Welt welche Fragen stellen sollten. Der Zugang zum Schweizer Gesundheitswesen werde durch telefonische Verdolmetschung in 50 Sprachen erleichtert.

Die Teilnehmer erörterten auch die Fragen, wie die Migranten als Mitverantwortliche für die eigene Gesundheit eingebunden werden könnten und wie durch fehlerhafte Darstellung von mit der Migration verbundenen Risiken – etwa Bilder von Gesundheitspersonal mit Schutzmasken und Handschuhen an Aufnahmestellen – falsche Vorstellungen und Sorgen in der Bevölkerung am Leben erhalten würden.

Bei der Zusammenfassung der Sitzung wurde die Bedeutung einer klaren und präzisen Kommunikation mit Flüchtlingen wie auch der ortsansässigen Bevölkerung betont, aber auch die Notwendigkeit einer wirksamen Vorbereitung und Abstimmung zwischen verschiedenen Ländern und Politikbereichen zur Gewährleistung einer angemessenen Versorgung der Flüchtlinge und Migranten sowie die Beschwichtigung der Ängste der Bürger der Länder, dass die Situation außer Kontrolle geraten sei. 

Abschlussdokument der Tagung 

Dr. Severoni von WHO-Regionalbüro für Europa stellte das Abschlussdokument vor. Dieses sei als Entwurf an die Teilnehmer verteilt worden, und deren zahlreiche Stellungnahmen vor und während der Tagung seien gebührend berücksichtigt worden. Er fasste die an dem Dokument vorgenommenen Änderungen unter drei Rubriken zusammen: Begründung, Agenda und Handlungsrahmen.

Begründung: Der große Zustrom von Flüchtlingen und Migranten hat Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und stellt eine Belastung für die Gesundheitssysteme dar. Diese Begründung betrifft nicht nur die Bereitstellung einer ausreichenden Versorgung, sondern trägt auch dem Recht aller Menschen auf Gesundheit Rechnung.

Agenda und Handlungsrahmen: Die große Zahl spezifischer Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit verdeutlicht die Notwendigkeit der Schaffung eines geschlechter- und kultursensiblen Gesundheitswesens. Zu den Empfehlungen der Teilnehmer gehörten:

  • Die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Migranten sollten schnellstmöglich in die bestehenden Gesundheitsstrukturen einbezogen und die Gesundheitssysteme gestärkt werden, um sie handlungsfähig zu machen.
  • Die Systeme für die Erhebung von Daten über die Gesundheit von Migranten müssen verstärkt und ihre Inhalte anderen Ländern auf der Migrationsroute zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Migranten stellen keine Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung dar. Es ist wichtig, der Vorstellung entgegenzutreten, dass Migranten Infektionskrankheiten mitbrächten, denn von ihnen geht kein größeres Risiko aus als von anderen Auslandsreisenden. Deshalb sollten Gesundheitsbewertungen und obligatorische Untersuchungen nicht als Lösung angesehen werden.
  • Die Bemühungen sollten auf die anfälligsten Gruppen in der Bevölkerung gerichtet werden, also Kinder, Frauen, ältere Menschen und Menschen, die eine psychische Gesundheitsversorgung benötigen.
  • Kontinuität und Qualität der Versorgung müssen gewährleistet werden.

Die Delegierten begrüßten den umfassenden Aktionsradius des Dokuments. Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, dankte den Teilnehmern für ihre Beiträge und ihr Engagement und schlug vor, den Ländern wegen der neu hinzugekommenen Abschnitte zwei Wochen Zeit für innerstaatliche Beratungen und die anschließende Übermittlung einer Stellungnahme an die WHO zu geben. Dies wurde vereinbart, und das Abschlussdokument wird dann auf dieser Grundlage erstellt.  

Schlussbemerkungen

Die italienische Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin dankte den Teilnehmern und stellte fest, dass das Abschlussdokument eine solide Grundlage für die Arbeit in den kommenden Monaten bilde. Es sei nun Aufgabe der Regierungen, den Bürgern in dieser historischen Zeit Antworten zu geben. Die Ministerin unterstrich die Notwendigkeit einer umfassenden und wirksamen Zusammenarbeit zur Erstellung und Erörterung von Plänen für eine Bewältigung der enormen humanitären Herausforderung.

Zum Abschluss der Tagung bedankte sich Dr. Jakab bei der italienischen Regierung für die Ausrichtung der Tagung und für die Unterstützung des Projekts über gesundheitsschutzbezogene Aspekte der Migration in der Europäischen Region (PHAME). Sie begrüßte den Konsens, der in dem Abschlussdokument zum Ausdruck gekommen sei, und stellte fest, das Regionalbüro werde die Mitgliedstaaten bei der Abstimmung ihrer Bemühungen und bei der Bewältigung der zahlreichen auf der Tagung herausgearbeiteten Aufgaben unterstützen.