Eine Reise mit Hindernissen: In Griechenland festsitzende Flüchtlinge und Migranten haben neue gesundheitliche Bedürfnisse

WHO/Matteo Dembech

The Idomeni tent camp in Greece.

Seit 2012 ist Griechenland Frontstaat für einen massiven Zustrom von Flüchtlingen und Migranten in die Europäische Region der WHO. Früher diente das Land überwiegend als Durchgangsstation für die in der Region ankommenden Menschen, die mehrheitlich in andere Länder weiterreisten. Im vergangenen Jahr, und zwar am 18. Februar 2016, wurde die beliebte „Balkanroute“, die von Griechenland über die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien nach Serbien führt, offiziell geschlossen. In Griechenland ist für die angekommenen Flüchtlinge und Migranten, die nur mit einem kurzen Aufenthalt rechneten, die Reise erst einmal zu Ende. Derzeit sitzen in ganz Griechenland mehr als 50 000 Menschen in Zeltlagern fest und müssen dort ausharren.

„Die Deckung des gesundheitlichen Bedarfs der Flüchtlinge und Migranten kann für die Transitländer zum Problem werden, vor allem wenn diese Gruppen über längere und oft unbestimmte Zeiträume bleiben. In diesen Situationen muss unbedingt festgestellt werden, wer am anfälligsten ist“, so die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Dr. Zsuzsanna Jakab. „Die Gesundheitssysteme können nicht allein agieren, da der Gesundheitszustand der Flüchtlinge und Migranten direkt mit ihren Lebensbedingungen und ihrem Zugang zur Grundversorgung verknüpft ist.“

Im vergangenen Jahr benannten das Regionalbüro und das griechische Gesundheitsministerium vier Prioritäten zur Bewältigung der neuen Situation. Dabei wurde Immunisierung als einer der wichtigsten Aspekte anerkannt. Die WHO gewährte dem Ministerium fachliche Hilfe für eine Reihe umfassender Impfkampagnen und spendete 26 000 gelbe Impfpässe für den ordnungsgemäßen Nachweis der verabreichten Impfstoffe.

Die humanitäre Organisation für medizinische Nothilfe Ärzte ohne Grenzen (MSF) erhielt die Genehmigung zur Leitung einiger der Impfkampagnen in Griechenland; mit diesen Maßnahmen wurden 2016 mehr als 10 000 Kinder erreicht. Apostolos Veizis ist Leiter der Einheit operative medizinische Unterstützung bei MSF in Griechenland.

„Wenn man es nicht mit Durchreisenden, sondern mit einer Gruppe gestrandeter Menschen zu tun hat, ist alles anders“, stellt er fest. „Ich bin seit mehr als 15 Jahren in diesem Bereich tätig, habe jedoch in Europa noch nie eine so schlimme Situation erlebt.“ Eine ausführlichere Schilderung seiner Erfahrungen an der Frontlinie der Flüchtlings- und Migrantenkrise kann über den Link unten abgerufen werden.

Die Arbeit des WHO-Regionalbüros für Europa im Bereich Migration und Gesundheit

Seit 2011 bewältigt das WHO-Regionalbüro für Europa in enger Zusammenarbeit mit den Ländern der Europäischen Region die großen Migrationsströme an vorderster Front. Speziell in Griechenland hat es gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium und dem griechischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten mehrere Bewertungsmissionen durchgeführt. Das Regionalbüro unterstützt die Gesundheitsministerien in der gesamten Region beim Ausbau der nationalen Kapazitäten zur Verbesserung der Reaktion des Gesundheitswesens auf die Migration, unter anderem durch verstärkte Koordinierung zwischen den zahlreichen daran beteiligten Akteuren. Dazu entsendet das Regionalbüro zusätzliche Mitarbeiter in mehrere Länder, darunter Griechenland, die dort vor Ort Hilfe leisten sollen. Ende März 2017 nimmt das Regionalbüro an einem Grundsatzdialog über die Reform des Gesundheitswesens in Griechenland teil. Thema einer der Sitzungen ist die Stärkung des Gesundheitswesens durch Maßnahmen zugunsten der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten, und zwar nicht nur in Griechenland, sondern in der gesamten Region.

Auf der Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa im September 2016 nahmen die 53 Länder der Europäischen Region erstmals eine Strategie und einen Aktionsplan für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO an. Darin vorgesehen sind Maßnahmen, die die Mitgliedstaaten und das Regionalbüro einvernehmlich beschlossen haben, um die gesundheitspolitische Reaktion der Europäischen Region auf die Migration zu verbessern. Zudem werden damit die Zielvorgaben in Bezug auf chancengleichen Zugang zu hochwertigen Gesundheitsleistungen (Zielvorgabe 3.8) sowie sichere und verantwortungsvolle Migration und Mobilität von Menschen (Zielvorgabe 10.7) gefördert, die im Rahmen der Nachhaltigkeitsziele aufgestellt wurden.

Der derzeitige Zustrom von Flüchtlingen und Migranten in die Europäische Region ist nicht nur eine Folge langjähriger Konflikte und Kriege, sondern auch durch strukturelle und anhaltende globale Ungleichheiten bedingt. Der Strategie und dem Aktionsplan liegt daher die Auffassung zugrunde, dass die Migration keine isolierte Krise, sondern eine dauerhafte Realität darstellt, die kurz-, mittel- und längerfristige Auswirkungen hat und ein proaktives Vorgehen des Gesundheitswesens erfordert.