Was ist ein Migrant? Definitionen entscheiden über Gesundheitsversorgung

Im täglichen Sprachgebrauch werden Ausdrücke wie Migrant, Einwanderer, Flüchtling, Asylbewerber oft angewendet, als bestünde kein Unterschied zwischen den Begriffen. Für die Betroffenen kann das jeweilige Etikett jedoch eine Weichenstellung fürs Leben bedeuten.

Der Überblicksbericht 46 befasst sich als jüngste Veröffentlichung des HEN (Health Evidence Network) mit der Frage, wie die Klassifizierung von Migranten zu unterschiedlichem Zugang in der Gesundheitsversorgung führen kann. Er zeigt, dass abweichende Definitionen für einzelne Gruppen von Migranten deren Zugang zur Gesundheitsversorgung auf verschiedene Weise beeinflussen. Der Bericht enthält ein umfassendes Quellenverzeichnis, das sowohl auf wissenschaftliche Abhandlungen als auch auf so genannte „graue“ Literatur verweist. Insgesamt wurden 169 Veröffentlichungen in englischer und russischer Sprache aus 39 der 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO untersucht. Einige der Quellen enthalten Daten, die bis 1990 zurückreichen.

Keine allgemeingültige Definition

Es gibt keine international anerkannte Definition des Begriffs Migrant. Die für den Bericht herangezogenen empirischen Studien spiegeln diese Tatsache durch das große Spektrum von Begriffen zur Beschreibung der untersuchten Bevölkerungsgruppen wider. Die Ausdrücke Migrant und Immigrant werden ausgiebig und beliebig ohne definierenden Bezug auf eine Quelle benutzt, dagegen orientierte sich der Gebrauch der Begriffe Flüchtling und Asylbewerber eher an international festgelegten Standards.

Ihr rechtlicher Status erwies sich als einer der entscheidendsten Faktoren dafür, ob die Migranten Zugang zu bezahlbarer und angemessener gesundheitlicher Versorgung erhielten. In einigen Mitgliedstaaten erhalten jedoch selbst sich legal im Land aufhaltende Migranten nur begrenzt Zugang zur Gesundheitsversorgung je nach Länge ihres Aufenthalts und Art ihrer Aufenthaltsgenehmigung. permit.

Nur mit einer soliden Evidenzgrundlage lassen sich die gesundheitlich gefährdeten Untergruppen von Migranten zuverlässig erkennen und gesundheitspolitische sowie seuchenhygienische Maßnahmen gezielt einsetzen. Doch die große Vielfalt an Definitionen begrenzt die Vergleichbarkeit der regelmäßig durch die Gesundheitsinformationssysteme erhobenen Daten in der Region. Diese Vielfalt schafft mit ihren Folgen eine Hürde für das Erreichen einer allgemeinen Gesundheitsversorgung und hängt mit dem bereichsübergreifenden Charakter der Migration zusammen. Ressortübergreifende Zusammenarbeit ist daher eine Voraussetzung dafür, kohärente Definitionen zu erreichen.

Grundsatzoptionen

Die Studie schlägt den Mitgliedstaaten sechs Grundsatzoptionen zur Erwägung vor:

  • Entwicklung einer Liste bevorzugter Definitionen in Bezug auf Migranten auf Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses dieser Begriffe,
  • Beteiligung von Migranten an der Entwicklung ressortübergreifender Systeme, die sensible Daten zu Migration und einschlägigen Gesundheitsangeboten erheben können,
  • Einleitung der regelmäßigen Erhebung von Daten durch die nationalen Gesundheitsinformationssysteme für eine vereinbarte Gruppe von Variablen mit Bezug zu Migration wie Geburtsland, Aufenthaltsdauer, rechtlicher Status, Zweck der Migration und vorheriges Aufenthaltsland,
  • Beobachtung und Untersuchung von Daten über den Zugang zu und die Erbringung von Gesundheitsleistungen an Migranten auf der Grundlage dieser migrationsbezogenen Variablen und der sozialen Determinanten von Gesundheit,
  • Erbringung von kostenlosen Gesundheitsangeboten in Bezug auf Diagnose und Therapie übertragbarer Krankheiten, hierunter primäre Gesundheitsversorgung und Notfallversorgung,
  • Einbeziehung der Bedürfnisse von Migranten in alle Aspekte der Gesundheitsangebote und Bereitstellung des gleichen Zugangs zur Gesundheitsversorgung wie für die Allgemeinbevölkerung unabhängig von den angewandten Definitionen.

HEN ist ein Informationsdienst für gesundheitspolitische Entscheidungsträger, der Grundsatzoptionen gemäß den besten verfügbaren Erkenntnisse anbietet. HEN-Berichte erscheinen regelmäßig zu einem breiten Themenspektrum und sind über PubMed auffindbar.