Hochrangige Konferenz zum Thema gesundheitliche Chancengleichheit eröffnet – Verwirklichung, Beschleunigung und Beeinflussung

Tamino Petelinsek/STA

Zum Auftakt für die kommenden Tage fand eine moderne Ballettaufführung des Tanztheaters Ljubljana nach einer Choreographie von Rosana Hribar statt. Sie erfüllte das Motto der Konferenz – Verwirklichung, Beschleunigung und Beeinflussung – mit Leben. Mit dem Tanz wurde zum Ausdruck gebracht, dass Frieden der Grundzustand ist, der konsequent gepflegt werden muss, damit wir alle und die Gesellschaft insgesamt gedeihen und uns entfalten können.

Eröffnung der Konferenz

Zur Eröffnung begrüßte der slowenische Gesundheitsminister Aleš Šabeder die über 200 Delegierten, die ein breites Spektrum von Politikbereichen und Organisationen aus 36 Ländern der Europäischen Region repräsentieren und Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft vertreten. Er wies darauf hin, dass Slowenien eine lange Tradition der Pflege gesundheitlicher Chancengleichheit habe, die bis zu einem Bekenntnis zu Gesundheit für alle aus den 1920er Jahren zurückreiche, und erkannte an, dass die in jüngster Zeit zunehmenden gesundheitlichen Ungleichgewichte innovative Lösungsansätze erforderten. Er erläuterte, dass Slowenien dabei über Ressortgrenzen hinweg vorgehe und auf kommunaler und regionaler Ebene Partner suche, um gesundheitliche Benachteiligungen zu bekämpfen. Abschließend unterstrich der Minister sein Bekenntnis zur Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und ihrer Maxime, niemanden zurückzulassen, durch Schwerpunktlegung auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung, einschließlich Maßnahmen der Vorsorge, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung für die anfälligsten Gruppen.

Dr. Zsuzsanna Jakab, Stellvertretende Generaldirektorin der WHO und Regionaldirektorin für Europa, räumte in einer Videobotschaft die Herausforderungen beim Abbau gesundheitlicher Benachteiligungen ein, sah jedoch auch Grund zum Optimismus: „Wir haben heute gute Nachrichten. Wir wissen aus Erfahrung, dass ein Abbau gesundheitlicher Benachteiligungen politisch machbar ist; wir haben auch Erkenntnisse darüber, dass er volkswirtschaftlich tragfähig ist; und wir verfügen jetzt aufgrund öffentlicher Unterstützung über ein Mandat zum Handeln.“

Dr. Piroska Östlin, geschäftsführende WHO-Regionaldirektorin für Europa, wies in ihrer Eröffnungsansprache auf die zentrale Bedeutung von Chancengleichheit für die Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) hin: „Dank unseres ausgeprägten Bewusstseins und unserer harten Arbeit in der gesamten Europäischen Region sind wir auf bestem Wege zur Verwirklichung vieler der SDG, doch wir tun uns noch schwer mit einem sehr wichtigen Ziel, das zur Herbeiführung gesundheitlicher Chancengleichheit beitragen wird. SDG 10 (Ungleichheit verringern) ist das einzige SDG, bei dem unsere Region keine Verbesserung verzeichnet. Zur Verwirklichung des SDG 10 – und letztlich aller SDG – brauchen wir konkrete und zielgerichtete Maßnahmen auf nationaler und kommunaler Ebene, die positive Veränderungen für das Leben und die Gesundheit aller Menschen in unserer Region bewirken.“

Die Initiative für einen Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit und das dazugehörige Tool

Anschließend präsentierte Chris Brown, Leiterin des Europäischen Büros der WHO für Investitionen in Gesundheit und Entwicklung, den Delegierten erste Ergebnisse der Initiative für einen Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit. Bemühungen zur Bekämpfung gesundheitlicher Benachteiligungen würden durch falsche Vorstellungen beeinträchtigt, dass die Themen zu komplex seien und dass derartige Maßnahmen keine politische Unterstützung hätten, nicht durchführbar seien oder nicht vorrangig behandelt werden könnten und nicht auf einer gesicherten Datenlage beruhten und dass eine Rechenschaftslegung unmöglich sei. Die Initiative für gesundheitliche Chancengleichheit sei eingerichtet worden, um einen Bezugspunkt für die Messung von Fortschritten zu schaffen, zu verstehen, wo Verbesserungen möglich sind, die Rahmenbedingungen für die Chancengleichheit zu entmystifizieren und eine stärkere grenzüberschreitende politische Stimme zu entwickeln.

Obwohl die knapp eine Milliarde Menschen in der Europäischen Region der WHO heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78 Jahren hätten, so gebe es doch in jedem Land gesundheitliche Benachteiligungen. Nun komme es auf entschlossenes Handeln in Bezug auf fünf wesentliche Voraussetzungen an, die Einfluss auf die gesundheitliche Chancengleichheit haben; dabei seien die Konzepte und Interventionen auf Rechenschaftslegung, Politikkohärenz, die Befähigung zu selbstbestimmtem Handeln und die soziale Teilhabe ausgerichtet. Das im Rahmen der Initiative entwickelte Tool für gesundheitliche Chancengleichheit führe den Ländern die 51 wirksamsten Maßnahmen zum Abbau gesundheitlicher Benachteiligungen vor Augen und werde politischen Entscheidungsträgern dabei behilflich sein, sachgerechte Entscheidungen zu treffen. Frau Brown unterstrich auch die umfassende Handlungsdynamik: „Die Öffentlichkeit ist besorgt über wachsende Ungleichheiten und wünscht sich konkrete Gegenmaßnahmen.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen verschiedene Argumente für gesundheitliche Chancengleichheit in einer Reihe von Umfeldern zur Sprache, darunter der Verweis auf das auf fünf Jahre angelegte Dreizehnte Allgemeine Arbeitsprogramm der WHO, die Dokumentierung der Gleichstellungslücke zwischen den Geschlechtern, die Förderung der Europäischen Sozialcharta, die durchgehende Berücksichtigung von Chancengleichheit bei allen SDG und der Appell an die Gesundheitsberufe, an den sozialen Determinanten von Gesundheit anzusetzen. Auf die Frage, wie Ärzte für die sozialen Determinanten von Gesundheit sensibilisiert werden sollen, antwortete Prof. Sir Michael Marmot, Leiter des Instituts für gesundheitliche Chancengleichheit am University College London: „Ärzte erkennen, dass es nicht gerecht ist, wenn Menschen ohne eigenes Verschulden, einzig und allein aufgrund sozialer Umstände krank werden. An ihren Glauben an soziale Gerechtigkeit müssen wir appellieren.“ Es gab eine breite Übereinstimmung unter den Delegierten, dass politische Entscheidungen und die Entwicklung von Konzepten unter Beteiligung der letztendlich Betroffenen erfolgen müssten.

Parallelsitzungen

In vier Parallelsitzungen kam es zu fruchtbaren Diskussionen über allgemeine Gesundheitsversorgung, Investitionen in Lebens-, Arbeits- Beschäftigungsbedingungen sowie Einkommenssicherheit und soziale Absicherung. In diesen Sitzungen wurden die Bedeutung der Stärkung von Partnerschaften und der gezielten Nutzung von Verknüpfungen für gesundheitliche Chancengleichheit sowie die Notwendigkeit besserer und weiter aufgeschlüsselter Daten anerkannt, aber auch die Tatsache, dass soziale Werte genauso wichtig sind wie ökonomische Werte und dass schon einfache Innovationen große Wirkung entfalten können.

Verwirklichung: Schaffung der Rahmenbedingungen und Abbau von Hindernissen, damit alle sich entfalten und gedeihen können

Diese abendliche Plenarsitzung am Ende des ersten Tages begann mit einer interaktiven Umfrage, in der die Anwesenden gefragt wurden, ob sie mit folgender Aussage einverstanden seien: „In meinem Land hat jeder eine Chance auf Erfolg im Leben.“ Nur 8% der Anwesenden zeigten sich „vollständig einverstanden“ mit der Aussage; dies entspricht den Ergebnissen anderer größerer Umfragen, die eine starke Unterstützung der Öffentlichkeit für die Bekämpfung gesundheitlicher Ungleichgewichte ergaben.

Nochmals unterstrichen die Podiumsmitglieder die Notwendigkeit eines Kulturwandels, bei dem der soziale Wert gesundheitlicher Chancengleichheit anerkannt wird. „Wir brauchen einen Einstellungswandel und Veränderungen bei den Prioritäten. Wir müssen politischen Druck ausüben, um Gesundheit zu einer Priorität in allen Bereichen staatlicher Politik zu machen, nicht nur mit Lippenbekenntnissen, sondern auch gestützt auf eine ausreichende Finanzierung“, erklärte die lettische Gesundheitsministerin Ilze Viņķele. Vaughan Gething, Minister für Gesundheit und Soziales in der Regierung von Wales (Vereinigtes Königreich), fasste abschließend einen roten Faden der Diskussionen des Tages zusammen: „Es ist nicht leicht, die Einstellung der Leute zu verändern, aber wenn es gelingt, ist die Wirkung beträchtlich. Es geht darum, den Menschen klarzumachen, dass sie die größten Entscheidungsträger in ihrem eigenen Leben sind, aber dass wir Ihnen dabei zur Seite stehen.“