Minister billigen Erklärung: Zweiter Tag der Konferenz zum Thema Ernährung und nichtübertragbare Krankheiten

Am letzten Tag der Europäischen Ministerkonferenz der WHO zum Thema Ernährung und nichtübertragbare Krankheiten im Kontext von „Gesundheit 2020“ wurden Adipositas im Kindesalter sowie die Überwachung und Surveillance nichtübertragbarer Krankheiten im Zusammenhang mit Ernährung und Bewegung erörtert.

Adipositas und Ungleichheiten bei Kindern

In seinem Vortrag in der Sitzung über Adipositas im Kindesalter und Ungleichheiten bei Kindern wies John Ryan von der Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucher der Europäischen Kommission darauf hin, dass Adipositas bei Kindern alarmierend zunimmt: Von den Sechs- bis Neunjährigen in den Ländern der Europäischen Union (EU) sei 2008 ein Viertel übergewichtig oder adipös gewesen, und bis 2010 sei der Anteil bereits auf ein Drittel gestiegen.

Die Strategie der Europäischen Kommission mit dem Titel „Ernährung, Übergewicht, Adipositas“ (2007) sei ein zentrales Instrument der EU. Eine neue externe Überprüfung der Strategie habe ergeben, dass es notwendig sei, sich insbesondere auf die Förderung von körperlicher Betätigung zu konzentrieren, im Hinblick auf Nahrungsmittelprodukte und Lebensmittelkennzeichnung aktiver zu werden und die Auswirkungen von Maßnahmen auf Gruppen mit niedrigem sozioökonomischem Status sorgfältig abzuwägen. Herr Ryan erklärte, ein Viertel der Adipositasfälle bei Männern und die Hälfte bei Frauen seien auf sozioökonomische Unterschiede zurückzuführen.

Er betonte auch die Bedeutung sektorübergreifenden Handelns und hob die Arbeit der EU-Aktionsplattform für Ernährung, körperliche Bewegung und Gesundheit hervor, die internationale Organisationen, Vertreter der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie, nichtstaatliche Organisationen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, Berufsverbände und Verbraucherverbände zusammenbringe. Die 32 Mitglieder der Plattform würden Verpflichtungen entwickeln, die freiwillig, öffentlich und messbar seien, und die anderen Mitglieder würden die Fortschritte beurteilen. Derzeit würden sich 29 Verpflichtungen auf Kinder konzentrieren, überwiegend im Zusammenhang mit Aufklärung und Informationen zum Thema Nahrungsmittel, Kennzeichnung, Vermarktung, Änderung von Formulierungen und Portionsgrößen.

Von Istanbul bis Wien

Dr. Francesco Branca vom WHO-Hauptbüro referierte über Entwicklungen seit der Unterzeichnung der Europäischen Charta zur Bekämpfung der Adipositas in Istanbul (Türkei) im Jahr 2006. Wie er erläuterte, seien im Kampf gegen Adipositas einige Anzeichen für Fortschritte auf der Gemeinschaftsebene erkennbar, doch seien Gruppen mit niedrigem Einkommen von jeglichen Fortschritten bei der Bekämpfung der Epidemie ausgeschlossen gewesen.

Zu den weiteren Entwicklungen hätten die folgenden gezählt: weitere Erkenntnisse in Bezug auf funktionierende ökonomische Instrumente sowie die Erkenntnis, dass die Vermarktung von Nahrungsmittelprodukten an Kinder einen zentralen Schwerpunkt bilden müsse und dass die Adipositas-Epidemie noch früher im Leben einsetze als bisher angenommen. Die Ernährung der Mütter sei sehr wichtig, ebenso ein besonderes Augenmerk auf Stillen und das Ernährungsumfeld für Säuglinge und Kleinkinder.

Erfolge der Länder in Bezug auf Adipositas im Kindesalter

In der sich anschließenden Ministerrunde berichteten Minister und hochrangige Teilnehmer über Entwicklungen und politische Interventionen bei der Bekämpfung von Adipositas im Kindesalter in ihren jeweiligen Ländern.

  • Lettland habe vielfältige Initiativen ergriffen, einschließlich Rechtsvorschriften zum Verbot süßer Getränke und salziger Knabberprodukte in Schulen und Kindergärten sowie der Einführung neuer gesundheitlicher Untersuchungen für Neun- bis Elfjährige. Allgemeinärzte kontrollierten inzwischen das Gewicht, den Blutdruck sowie den Blutzucker- und Cholesterinspiegel von Kindern.
  • Die Russische Föderation habe dem Schutz der Gesundheit von Kindern höchste Priorität eingeräumt und diesbezüglich eine Reihe von Präventivmaßnahmen ergriffen, die gesundheitliche Untersuchungen von Schwangeren und Unterstützung in Bezug auf Stillen umfassten.
  • Ein Teilnehmer aus Albanien wies darauf hin, dass manche Länder der Europäischen Region die doppelte Last von durch Unterernährung bedingtem verringertem Größenwachstum sowie von Anämie zum einen und von Adipositas zum anderen schultern müssten.
  • Aserbaidschan berichtete, es habe sich auf die Änderung von Verhaltensmustern bei jungen Menschen konzentriert; ein Teilnehmer wies auf die Bedeutung der öffentlichen Meinung für die Herbeiführung von Verhaltensänderungen hin.
  • Malta erläuterte, es habe angesichts der beträchtlichen Herausforderung durch Adipositas eine Reihe von Maßnahmen wie die Anhebung der Zahl der Sportstunden in Schulen durchgeführt. Ein Teilnehmer unterstrich die Notwendigkeit der besseren Überwachung der Nahrungsmittel- und Getränkeprodukte, die im Umfeld von Schulen und nicht nur unmittelbar an Schulen erhältlich seien.

Überwachung und Surveillance von ernährungs- und bewegungsbedingten nichtübertragbaren Krankheiten

Prof. Adrian Baumann von der Universität Sydney (Australien), der in der Sitzung zum Thema Überwachung und Surveillance referierte, erläuterte die Bedeutung der Messung aller Arten von körperlicher Betätigung und nicht nur von Sport und Bewegung zur körperlichen Ertüchtigung. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Überwachungsinitiative der Finbalt-Staaten (Finnland und die baltischen Staaten), die gezeigt habe, dass sich Menschen in diesen Ländern in höherem Maß in ihrer Freizeit körperlich betätigen, aber in geringerem Maß bei der Arbeit und im Zusammenhang mit Fortbewegung.

Prof. Baumann bezeichnete die Zeit, die Menschen sitzend verbringen, als einen wesentlichen Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten unabhängig davon, in welchem Umfang sich eine Person körperlich betätigt. Die durchschnittliche Gesamtzeit pro Tag, die sitzend verbracht wird, betrage 300 Minuten und sei am höchsten bei den jüngsten und ältesten Altersgruppen; sie sei ein Risiko in Bezug auf alle Sterblichkeitsursachen. In der Europäischen Region verbrächten mehr als 35% der Menschen sieben Stunden oder mehr sitzend. Interessanterweise gebe es in der Region ein Nord-Süd-Gefälle: Im Norden werde mehr Zeit sitzend verbracht. Dagegen sei der Umfang an körperlicher Betätigung im Süden am niedrigsten und im Norden am höchsten.

Als Schlussfolgerung forderte Prof. Baumann standardisierte Surveillance-Systeme in Ländern und die Berücksichtigung neuer Messgrößen wie der sitzend verbrachten Zeit.

Vorstellung einer Evaluierung der norwegischen Ernährungspolitik

In einer kurzen informellen Sitzung stellten die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, und die Staatssekretärin im norwegischen Ministerium für Gesundheits- und Pflegedienste, Nina Tangnæs Grønvold, einen neuen Bericht über die Evaluierung der norwegischen Ernährungspolitik vor, der eine Bewertung von Optionen für zukünftige Politikempfehlungen enthält. Frau Jakab ermunterte andere Länder, mit Unterstützung des WHO-Regionalbüros für Europa ähnliche Evaluierungen durchzuführen.

Gewinner der Kampagne NCDFREE gegen nichtübertragbare Krankheiten

Vor der Konferenz hatte die Kampagne NCDFREE, eine globale soziale Basisbewegung, an die Bevölkerung appelliert, kurze Video-Clips über ihre Befürchtungen in Bezug auf nichtübertragbare Krankheiten und Erklärungen an Minister einzusenden. Unter den eingegangenen Videos wurden zwei Gewinner ermittelt, die zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen wurden.

Dr. James Cook aus dem Vereinigten Königreich habe gerade ein Medizinstudium an der Universität Nottingham abgeschlossen und sei daran interessiert, in den Bereichen Kardiologie und öffentliche Gesundheit zu arbeiten. Sein Hauptinteressengebiet sei Gesundheitsförderung zur Bekämpfung der wichtigsten Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten.

Nora Buenemann sei in den Niederlanden aufgewachsen, verfüge über einen Bachelor-Abschluss in Europäischen Gesundheitswissenschaften von der Universität Maastricht und beabsichtige, im September ein Master-Studium in Gesundheitsversorgung, -politik, -innovation und -management aufzunehmen. Sie sei im Alter von 18 Jahren an Krebs erkrankt, habe gegen die Krankheit angekämpft und sie besiegt. Nach dieser Erfahrung habe sich Frau Buenemann entschieden, ihr Berufsleben dem Kampf gegen nichtübertragbare Krankheiten zu widmen, und sich auf die Gesundheitsförderung in den frühen Lebensphasen konzentriert.

Der Direktor der Abteilung für nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung beim WHO-Regionalbüro für Europa, Dr. Gauden Galea, dankte den beiden Gewinnern für die Unterstützung des Kampfes der WHO gegen nichtübertragbare Krankheiten und für ihre Teilnahme an der Konferenz.

Nichtübertragbare Krankheiten und die Rolle der Privatwirtschaft

Auf einer Mittagssitzung sprach Frau Eve Heyn von GBC Health, einer globalen Koalition von mehr als 200 an der Verbesserung der globalen Gesundheit arbeitenden Privatunternehmen, über die Rolle der Privatwirtschaft. Unter Hinweis auf die beschränkten bisher erzielten Fortschritte behauptete sie, Europa sei an einem Wendepunkt und die Privatwirtschaft würde sich zunehmend Fragen der öffentlichen Gesundheit widmen. Sie lud andere Unternehmen ein, Teil dieser kollektiven Dynamik zu werden, und anerkannte, dass sektorübergreifendes Handeln und eine engagierte Öffentlichkeit notwendige Voraussetzungen für Fortschritte sind.

Unterzeichnung der Erklärung von Wien

Nach ausführlichen Erörterungen unterzeichneten die Minister die Erklärung von Wien, in der sich die Länder der Europäischen Region verpflichten, die Grundursachen von Adipositas und ernährungsbedingten nichtübertragbaren Krankheiten zu bekämpfen und die Urteilsfähigkeit der Menschen zu stärken, damit sie gesunde Entscheidungen treffen können.

Abschluss der Konferenz

In ihren Schlussbemerkungen dankte die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, dem österreichischen Bundesminister für Gesundheit, Alois Stöger, für die Ausrichtung der Konferenz und allen Teilnehmern für ihre aktive Mitarbeit. Sie bezeichnete die Erklärung von Wien als „einen Meilenstein für die ernährungspolitischen Aktivitäten der WHO“; sie werde im September der Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa 2013 in Izmir (Türkei) zur Annahme unterbreitet.

Bundesminister Stöger hob den roten Faden hervor, der sich durch die gesamte Konferenz gezogen habe: ein multidisziplinärer Lebensverlaufansatz für die Politikgestaltung mit gezielten Interventionen und besonderer Schwerpunktlegung auf die Bekämpfung von Ungleichheiten. Er verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Erklärung von Wien neue Impulse für die Umsetzung von „Gesundheit 2020“ geben werde.