Gibt es genug Gesundheitsfachkräfte für die Anforderungen der Zukunft?

Public Health England

Trotz eines Anstiegs der Zahl der Ärzte und Pflegekräfte um 10% in den letzten zehn Jahren gibt es in der Europäischen Region möglicherweise nicht ausreichend Gesundheitspersonal, um den künftigen Bedarf einer alternden Bevölkerung zu decken. Dies geht aus dem jüngsten Bericht des WHO-Regionalbüros für Europa über die zentralen Gesundheitsindikatoren für das Jahr 2015 hervor. In dem Bericht kommt auch zur Sprache, dass das Durchschnittsalter der Ärzte in Europa sich immer mehr erhöht; mittlerweile ist fast jeder dritte Arzt über 55 Jahre alt. Darüber hinaus muss sich der Qualifikationsmix der Gesundheitsfachkräfte verändern; so ist etwa ein höherer Anteil an Allgemeinärzten erforderlich.

„Das Gesundheitspersonal bildet das Rückgrat eines jeden Gesundheitssystems, und zur Planung, Regulierung und Führung des Personalangebots ist eine umfassende bereichsübergreifende Zusammenarbeit notwendig – beide Themen stehen bei dem Rahmenkonzept Gesundheit 2020 im Mittelpunkt", sagte Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa.

Der Bericht trägt den Titel „Zentrale Gesundheitsindikatoren in der Europäischen Region der WHO für 2015 – Themenschwerpunkt Gesundheitspersonal" und ist im Druck- und Online-Format erhältlich. Er ist das dritte jährliche Dokument in einer Serie, die den Mitgliedstaaten grundlegende Informationen über die Länder und die Region liefern soll, die eine Verfolgung einschlägiger Trends und eine Evaluation von „Gesundheit 2020" ermöglichen.

Wichtigste Ergebnisse zum Thema Gesundheitspersonal

Zu den nennenswerten Ergebnissen des Berichts gehören:

  • Die Ungleichgewichte und Engpässe beim Gesundheitspersonal sind ein wesentlicher Grund zur Besorgnis für die Länder der Europäischen Region. Obwohl die Zahl der Ärzte und Pflegekräfte in der Europäischen Region in den letzten zehn Jahren insgesamt um etwa 10% gestiegen ist, dürfte dieser Anstieg wohl nicht dauerhaft anhalten und somit nicht ausreichen, um den künftigen Bedarf einer alternden Bevölkerung zu decken. Gleichzeitig herrschen zwischen den Ländern erhebliche Ungleichheiten hinsichtlich der Verfügbarkeit von Ärzten und Pflegekräften, denn es gibt in manchen Ländern fünfmal so viele Ärzte wie in anderen. Noch besorgniserregender ist die Situation bei den Pflegekräften, da diese eine wesentliche Rolle bei der Versorgung älterer Menschen spielen. Hier geht aus den Daten hervor, dass in manchen Ländern neunmal weniger Pflegekräfte zur Verfügung stehen als in anderen. 
  • Um die primäre Gesundheitsversorgung in der Europäischen Region zu stärken, muss der Anteil der Allgemeinärzte erhöht werden. Doch ein zu großer Anteil der Ärzte in der Europäischen Region sind Fachärzte: Die Relation Fachärzte/Allgemeinärzte liegt bei 1 zu 3,2 und hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert.
  • Für eine wirksame und effiziente Leistungserbringung im Gesundheitswesen ist ein geeigneter Qualifikationsmix bei Gesundheitsfachkräften unverzichtbar. Auch wenn es für eine optimale Zusammensetzung des Gesundheitspersonals keine goldene Regel gibt, so ist die Relation Pflegekräfte/Ärzte innerhalb der Europäischen Region doch sehr unterschiedlich und liegt bei unter einer Pflegekraft pro Arzt in Georgien und Griechenland, während sie in Finnland und Irland zwischen vier und fünf Pflegekräften pro Arzt liegt. 
  • Auch die alters- und geschlechtsbezogene Struktur des Gesundheitspersonals in der Europäischen Region verändert sich. So steigt das Durchschnittsalter der Ärzte, und fast jeder dritte Arzt ist bereits über 55 Jahre alt – eine Zunahme um 6 Prozentpunkte innerhalb von sieben Jahren. Um weiterhin mindestens dieselbe Verfügbarkeit von Ärzten garantieren zu können, muss sich die Zahl der Absolventen des Medizinstudiums erhöhen. Der Anteil der Ärztinnen ist in den vergangenen zehn Jahren um 4 Prozentpunkte auf 52% angestiegen. Dies hat wesentliche Auswirkungen, da Frauen im Schnitt weniger Arbeitsstunden leisten und auch eine etwas kürzere Lebensarbeitszeit aufweisen.

Zu den aufschlussreichen Statistiken über Gesundheitspersonal gehören auch Informationen über die Zahl der Ärzte, Pflegekräfte und Zahnärzte je 100 000 Einwohner sowie über Geschlecht und Alter der Ärzte. Der Bericht zeigt auch Trends im Zeitverlauf auf.

Die Daten werden unter dem Dach der Europäischen Gesundheitsinformations-Initiative erhoben und verbreitet, einem aus einer Vielzahl von Mitgliedern bestehenden Netzwerk der WHO, das sich für eine Verbesserung der Gesundheit der Menschen in der Europäischen Region durch Erweiterung der Informationen als Grundlage für politische Entscheidungsprozesse einsetzt. Die Datenerhebung im Rahmen dieser Initiative erfolgt durch das Regionalbüro, das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften (EUROSTAT) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die wichtigsten Gesundheitsstatistiken

In dem Dokument wird auch eine umfassendere Liste wesentlicher Gesundheitsstatistiken aufgeführt und werden die Indikatoren von „Gesundheit 2020" für den Gesundheitsstatus der Bevölkerung, die zugrunde liegenden Risikofaktoren und die Ressourcen des Gesundheitssystems genannt. Zu diesen Statistiken gehören u. a.:

  • die demografischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen, mit Statistiken über Bevölkerungswachstum und Sterbeziffern sowie Informationen über Arbeitslosenraten und Bruttoinlandsprodukt;
  • der Gesundheitsstatus, einschließlich der Mortalitätsdaten (die über die Todesursachen Aufschluss geben) und der Morbiditätsdaten (die die Inzidenz von Krankheiten wie Krebs und Aids angeben);
  • die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und die Gesundheitsausgaben, die den Grad der Nutzung von Gesundheitsangeboten bzw. die Höhe der für Gesundheit aufgewendeten Mittel angeben; dies schließt auch zwei zentrale Indikatoren von „Gesundheit 2020" ein: den prozentualen Anteil der Gesamtausgaben für Gesundheit am Bruttoinlandsprodukt und die Zahlungen von Privathaushalten aus eigener Tasche, wobei Letztere ein wichtiges Indiz dafür sind, ob Menschen durch die aus ihrer gesundheitlichen Verfassung resultierenden Kosten in Armut gestürzt werden;
  • Risikofaktoren wie die Prävalenz des Alkohol- und Tabakkonsums und der Adipositas.