Patienten befähigen

Tine Juel

„Die Ärzte müssen von ihrem Sockel herunterkommen und die Patienten müssen aufhören, vor ihnen zu knien“, sagte Robert Johnstone von der Internationalen Allianz der Patientenorganisationen während der Ersten Europäischen Konferenz „Befähigung von Patienten“, die am 11. und 12. April 2012 in Kopenhagen stattfand. An der Konferenz nahmen 260 Teilnehmer aus 35 Ländern teil und zeigten so ihre Unterstützung für ein zentrales Thema der dänischen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union.

Schätzungen zufolge sind chronische Erkrankungen für 86% der Sterbefälle und 77% der Krankheitslast (gemessen als um Behinderungen bereinigte Lebensjahre) in der Europäischen Region der WHO verantwortlich. Diese Krankheiten, zu denen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Adipositas und Atemwegserkrankungen zählen, sind heute weltweit die führende Ursache von Tod und Behinderung. Diese Entwicklung verändert sowohl die Gesundheits- und Versorgungssysteme als auch die Rolle der Patienten grundlegend.

Technologische Fortschritte sowie der leichtere Zugang zu Informationen und Fakten (teils durch soziale Medien, teils durch sozialen Wandel begünstigt), Erfahrungen mit Selbst-Management-Programmen und neue gesetzliche Auflagen in Bezug auf die Beteiligung der Patienten haben ebenfalls zu der neuen Dynamik beigesteuert, in der Patienten und Bürger ihre Rollen im Verhältnis zur Gesundheits- und Sozialversorgung neu bestimmen.

 „Die Ärzte müssen sich ändern ... die Rolle des Hausarztes war noch nie so wichtig wie heute, doch ihre Ausbildung ist nicht zeitgemäß“, sagte der Isländer Svein Magnusson während der Konferenz. Die Teilnehmer stellten klar, dass die Einbeziehung der Patienten als zur Mitwirkung an der Gesundheitsversorgung qualifizierte Partner eine positive Entwicklung ist, welche die Gesundheitsdienste willkommen heißen sollten.

Die zentrale Frage müsse lauten, wie die Gesundheitssysteme so aufgestellt werden könnten, dass sie Austausch, Mitwirkung und Zusammenarbeit ermöglichten. Die Befähigung von Patienten beziehe sich nicht nur auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, denn die Gesundheitsversorgung bestehe nicht nur aus Ärzten, und die Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit handle nicht nur davon, sich zu artikulieren. Die Frage laute, wie Patienten als Experten für ihren eigenen Zustand wahrgenommen und als gleichberechtigte und aktive Partner in der Durchführung ihrer Gesundheitsversorgung gefördert werden können.

Befähigte Patienten bedeuten schonender Umgang mit den Ressourcen

„Besteht nicht die Gefahr, dass die Patienten immer mehr verlangen, wenn sie dazu befähigt werden?“ lautete eine in der Debatte geäußerte Befürchtung. Mehrere Teilnehmer entgegneten dieser Sorge anhand ihrer Erfahrungen. Patienten, die an ihrer Behandlung und der entsprechenden Entscheidungsfindung beteiligt werden, sprechen oft besser auf die Behandlung an, die dadurch also besser wirkt. Außerdem wählen Patienten aus mehreren Optionen oft den schonendsten und nicht stets den teuersten Eingriff.

Der leitende Medizinalbeamte des schwedischen Amts für Gesundheit und Wohlfahrt Lars-Erik Holm bestätigte, dass nach schwedischen Erfahrungen, Patientenbefähigung nicht ressourcenintensiv sein muss. „Den Menschen als Individuum zu betrachten, kann Ressourcen sparen.“ Er führte aus, dass die Patienten heute mit zu vielen Ärzten in Kontakt kämen. Eines der größten Probleme alter Menschen seien Mehrfacherkrankungen, die zu einer unkoordinierten Verschreibung mehrerer Medikamente führen könnten.

Prof. Paul Johnstone von der WHO untermauerte dies, indem er Befunde einer umfangreichen Studie mit 6000 teilnehmenden Patienten zitierte. Die vorläufigen Ergebnisse zeigten, dass Selbst-Management und Unterstützung der Patienten zu einer Senkung des Versorgungsbedarfs und der Kosten geführt habe und sogar zu einer beträchtlichen Senkung der Sterblichkeit. „Das bedeutet zwei Vorteile: ein neues Versorgungsangebot (mit gemeinsamer Planung) und Kostenersparnisse. Ich bin zuversichtlich, dass diese Initiative in den kommenden zehn Jahren durch die Veröffentlichung weiterer Studien an Stärke gewinnt“, schloss er.

Neue Technologie ist nur ein Teil der Antwort

Durch neue Technologien können die Patienten Informationen leichter erlangen und austauschen, die früher Ärzten vorbehalten waren, doch ist dies nach einhelliger Meinung der Teilnehmer nicht automatisch mit der Selbstbefähigung der Patienten gleichzusetzen. „Nehmen wir an ich wäre Patient: Mir stehen über 12 000 Apps für chronische Erkrankungen zur Auswahl, ich habe Zugriff auf meine Daten und zu Hause wartet ein ganzes Arsenal von Hilfsgeräten auf mich. Bin ich dadurch stärker befähigt? Vielleicht knie ich dann nicht mehr nieder, aber die Ärzte sind doch immer noch auf ihrem Sockel“, merkte hierzu der Minister für Gesundheit und Verbraucher Rafael Bengoa der spanischen Region Baskenland an.

Technologie kann eine gesunde Skepsis in der Öffentlichkeit fördern und vorhandene Alternativen in ihr Bewusstsein bringen. Doch entsteht auch Druck für eine immer umfassendere Gesundheitsversorgung, die oft gar nicht sinnvoll ist. Angela Coulter, Leiterin der Stiftung globaler Initiativen für aufgeklärte medizinische Entscheidungen, fügte hinzu: „Gegen die Kostenexplosion aufgrund zu optimistischer Ansichten über den Nutzen von Gesundheitsleistungen hilft nur die Aufklärung der Öffentlichkeit über den Sachverhalt. Wenn Patienten informiert werden und Optionen haben, neigen sie dazu, sich für die weniger invasiven und kostspieligen Alternativen zu entscheiden.“

Die Teilnehmer waren sich generell darin einig, dass Technologie zwar nützlich ist, dass die Umstellung des Gesundheitssystems derzeit aber mehr unter den Nägeln brennt.

Patientenbefähigung fördern

Der Stellvertretende Generaldirektor der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher der Europäischen Kommission Martin Seychell betonte die unmittelbare Bedeutung einer Thematisierung der Frage auf der politischen Ebene: Eine der wenigen guten Folgen der aktuellen Krise ist, dass die Gesetzgeber unvoreingenommen nach Lösungen suchen. Sie schauen darauf, was andere besser machen.“

In ihren Schlussbemerkungen nannte Ilona Kickbusch vom Europäischen Netzwerk für Patientenbefähigung vier Schritte, mit denen die Organisationen in diesem Bereich das Interesse der Politikgestalter gewinnen könnten: 

  • Einbringen in den politischen Prozess und Nutzen der vorhandenen Chancen – dieses Anliegen zu einem Teil anderer aktueller politischer Vorhaben machen,
  • Gestalten der Systeme und Technologien in Richtung Zusammenarbeit und Mitwirkung der Patienten im Gesundheitssystem,
  • Weiterentwickeln der Mitwirkung, ihren Inhalt klar bestimmen und die Ergebnisse deutlich messen,
  • Nutzen technologischer und anderer Mittel für mehr Wissensbildung und -austausch unter den Patienten.