„Wir sind Ärzte, aber wir sind auch nur Menschen“ – syrische Helfer unter enormer Belastung

WHO

Mohammed ist ein syrischer Krankenpfleger, der in Homs viele traumatische Erlebnisse hatte, bevor er in die Türkei fliehen konnte, wo er jetzt zusammen mit türkischen Kollegen syrische Landsleute versorgt.

Gesundheitspersonal im Norden Syriens ist enormen Ängsten und Sorgen ausgesetzt, nicht nur wegen ihrer Patienten und Familien, sondern auch wegen ihrer eigenen Sicherheit. „Das medizinische Personal versucht sich gegenseitig aufzumuntern, damit die Patienten sehen, dass ihre Ärzte noch aufrecht stehen können,“ sagt einer der Ärzte eines Krankenhauses, das von Bomben getroffen wurde. Er hat es überlebt und befindet sich jetzt in der Türkei zusammen mit vielen Kollegen, deren Seele ebenfalls Narben trägt. Alle, die sich noch in Syrien aufhalten, benötigen wegen der stetigen Belastung psychologische Unterstützung.

Ein noch im Norden tätiger Arzt berichtet unter dem Pseudonym Abulaman, dass sich sein Leben seit Ausbruch des Bürgerkriegs um 180 Grad gedreht habe. Vorher sei er nach der Arbeit oft mit seiner Familie spazieren gegangen. Jetzt sagt er: „Tagelang können wir nicht mit unseren Familien reden, aufgrund all dessen, was wir [auf der Arbeit] sehen… Wenn wir nach Hause kommen, können wir unsere Kinder nicht anschauen. Denn wir denken dann immer, wie es wäre, wenn ihnen so etwas widerfahren würde?

Wir sind Ärzte, aber wir sind auch nur Menschen,“ schließt er.

Während erneute Kämpfe die Situation im nördlichen Syrien noch erschweren, entwickeln die WHO und ihre Partner im Gesundheitsbereich weiter Methoden, um die psychische Belastung des Gesundheitspersonals abzumildern.

Psychologische Belastung durch Arbeit in Gefahrenzonen

„Ich bin deprimiert durch die traumatischen Erfahrungen der Menschen, denen ich helfe,“ und „ich kann mein persönliches Leben nur schwer von meinem Leben als Helfer trennen“ – so lauten zwei Feststellungen aus einer Befragung von mehr als 200 syrischen Gesundheitsfachkräften. Die Befragung maß das Burnout-Phänomen (definiert als „arbeitsbedingte Hoffnungslosigkeit und Gefühl der Wirkungslosigkeit“) sowie die Auswirkung der Sekundärbelastung durch aufreibende Erlebnisse wie etwa, die Opfer eines Angriffs zu sehen.

Die Befragung stellte Unterschiede zwischen syrischem Gesundheitspersonal im nördlichen Syrien und in der benachbarten Türkei fest. Das liegt auch daran, dass das Personal im Norden Syriens selbst direkt unter Beschuss steht: Allein in der ersten Jahreshälfte 2017 wurden 62 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen nachgewiesen.

Der Bürgerkrieg hat allerdings für beide Gruppen schwerwiegende Konsequenzen. WHO-Vertreter Dr. Manuel de Lara von der Außenstelle Gaziantep in der Türkei zufolge kann Sekundärstress zu Angstgefühlen und Schlafstörungen führen und auch dazu, dass immer wieder die Bilder des beunruhigenden Erlebnisses vor dem inneren Auge auftauchen und dass jedes Verhalten vermieden wird, das an das Ereignis erinnern könnte. Dr. de Lara verweist auch darauf, dass viele Mitarbeiter in der humanitären Hilfe die Frustration bewältigen müssten, dass sich die Lage in Syrien trotz aller Hilfe nicht bessere.

Die Befragung erfolgte im Rahmen der laufenden Aktivitäten der Außenstelle der WHO in Gaziantep nahe der Grenze zu Syrien. Die WHO will die psychologische Belastung der Hilfeleister thematisieren und bewältigen. Ihre Arbeit umfasst:

  • Selbstschutzseminare für medizinisches und humanitäres Personal (die davon handeln, was Gesundheitspersonal selbst dafür tun kann, gesund zu bleiben und Stress zu bewältigen);
  • einen Workshop im Mai 2017 für örtliche nichtstaatliche Organisationen zur Stärkung der Selbstschutzmaßnahmen, der zu einem gemeinsamen Konzept führte;
  • Schulungsmaterial für den Selbstschutz von humanitärem Hilfspersonal in der Türkei, das von der WHO und ihren Partnern entwickelt wurde;
  • Planung eines rund um die Uhr besetzten Krisentelefons, das Hilfe und Unterstützung für syrisches Hilfspersonal anbietet, das in der Türkei arbeitet und lebt;
  • Schulung von Ausbildern, die Workshops zum Selbstschutz für humanitäres Hilfspersonal anbieten können.

Der Fokus auf Selbstschutz und Personalbetreuung ergänzt die laufende Arbeit der WHO zur Unterstützung der psychischen Gesundheit syrischer Flüchtlinge. In den ersten Monaten von 2017 hat die WHO Hunderte von Ärzten, Pflegekräften und psychiatrischem Personal in der Türkei sowie im Norden Syriens durch sein Programm „Mental Health Gap“ darin geschult, weit verbreitete psychische Störungen zu erkennen und zu behandeln. Diese Arbeit wurde mit Unterstützung des türkischen Gesundheitsministeriums durchgeführt.
Isolation begrenzen, Interaktion fördern

Selbstschutz und Personalbetreuung sind im Rahmen der Hilfsmaßnahmen für Syrien dringend erforderlich. „Sehr viele Hilfskräfte sind selbst vertrieben worden,“ sagt Dr. Fuad Almossa, ein syrischer Psychiater. „Wir fordern sie auf, sich nicht zu isolieren. Wir sagen ihnen, dass sie nicht nur ihre Patienten sehen sollen. Mindestens ein Tag in der Woche sollte mit Familie und Freunden verbracht werden.“

„Wir müssen das Wohlergehen des humanitären Hilfspersonals unterstützen,“ betont Dr. de Lara. Vorgesetzte überlasteter Mitarbeiter könnten durch ein einfaches persönliches Gespräch mit der Einleitung „Wie geht es?“ einen großen Unterschied bewirken.

Eine bessere Personalbetreuung könne einen sich selbst verstärkenden Effekt haben. „Wenn die Ärzte psychologisch betreut werden, können sie den Patienten besser helfen,“ sagt ein türkischer Arzt, der an einem derartigen Kursus teilnahm.

Welttag für psychische Gesundheit 2017: Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

In diesem Jahr ist der am 10. Oktober begangene Welttag für psychische Gesundheit dem Arbeitsplatzthema gewidmet. Eine aktuelle Studie unter Federführung der WHO gelangte zu der Einschätzung, dass Depressionen und Angstzustände weltweit jedes Jahr Produktivitätseinbußen in Höhe von 1 Billion US-$ verursachen. Einige Personen (z.B. Noteinsatzkräfte und humanitäre Hilfskräfte) unterliegen größeren Risiken, die sich stärker auf die psychische Gesundheit auswirken, Auslöser von psychischen Störungen sein und zu schädlichem Alkohol- und Psychopharmakakonsum führen können. Die Risiken könnten durch Situationen verstärkt werden, in denen der Zusammenhalt im Team und die gegenseitige Unterstützung fehlen.

Außerdem richtete der Weltgesundheitstag dieses Jahr mit seiner Kampagne „Lass uns drüber reden“ den Blick auf die Bewusstseinsbildung über Depressionen und den Abbau der Stigmatisierung, indem die Menschen lernen, wie sie Menschen mit Depressionen unterstützen können – auch indem sie einfach mit ihnen reden und ein offenes Gespräch über ihre Erlebnisse führen.

Die psychosozialen Programme der WHO in Gaziantep werden von der Entwicklungsbehörde des Vereinigten Königreichs und der Abteilung Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz bei der Europäischen Kommission (ECHO) unterstützt.