Welttag für psychische Gesundheit: Suizidprävention in der Ukraine

WHO/Malin Bring

Alle 40 Sekunden nimmt sich ein Mensch das Leben. Im Rahmen ihrer Kampagne zur Suizidprävention erstattet die WHO anlässlich des Welttages für psychische Gesundheit am 10. Oktober Bericht über Fortschritte bei der Suizidprävention auf der Ebene der primären Gesundheitsversorgung in der Ukraine.

Befähigung von Ärzten zur Erkennung der Anzeichen für Depression und mögliche Selbstschädigung

In der Ukraine sterben jährlich bis zu 7000 Menschen durch Suizid. Die vorliegenden Daten verdeutlichen dramatische Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf durch Selbstschädigung verursachte Todesfälle: fast 80% der Suizide in dem Land entfallen auf Männer. In vielen Fällen übersehen Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte in der primären Gesundheitsversorgung deutliche Anzeichen bei ihren Patienten.

Um Allgemeinärzte ohne spezielle Fachkenntnisse im Bereich der psychischen Gesundheit zu unterstützen, hat die WHO in dem Land eine Reihe von Schulungen durchgeführt. Diese befassen sich vor allem mit der Anwendung des Interventionsleitfadens für das Aktionsprogramm der WHO zur Schließung von Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung (mhGAP), einem Tool für medizinische Entscheidungen, das es Fachkräften ohne spezielle Kenntnisse im Bereich der psychischen Gesundheit ermöglicht, psychische Gesundheitsprobleme wie Depressionen, Angstzustände und Selbstschädigung zu erkennen und zu bewältigen.

Tetiana Aksenchuk, die als Hausärztin am Zentrum für primäre Gesundheitsversorgung in Kramatorsk in der Ost-Ukraine arbeitet, absolvierte die Schulung sowie einen anschließenden Aufbaulehrgang. Sie hat festgestellt, dass sie seitdem eine höhere Sensibilität für psychische Probleme bei ihren Patienten entwickelt hat.

„Vor kurzem hatte ich einen Termin mit einem meiner regelmäßigen Patienten, der immer wieder Rückenschmerzen bekam. Gleich zu Beginn der Untersuchung bemerkte ich, wie deprimiert er war“, erzählt Tetiana.

„Seine Wortwahl beunruhigte mich“, fügt sie hinzu. Der Mann sagte, er „habe die Nase voll“ und es sei „wohl Zeit zum Sterben“. Obwohl der Patient leugnete, sich das Leben nehmen zu wollen, bestand Tetiana auf Maßnahmen zur psychosozialen Unterstützung. „Ich half dem Mann, mit dem Stress fertig zu werden, und riet ihm, mehr Zeit mit für ihn angenehmen Dingen zu verbringen. Wir vereinbarten, bei den nächsten Terminen weiter über seine Gefühle zu sprechen, aber ich konnte sehen, dass er sich schon viel besser fühlte. Ich bin froh, dass ich ihm bei den ersten Schritten zu seiner Genesung helfen konnte“, sagt Tetiana.

„Der Mann war sichtlich überrascht darüber, neben der üblichen Behandlung auch eine solche Art von Hilfe zu erhalten.“

Aktionsprogramm zur Schließung von Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung

Das mhGAP zielt darauf ab, Angebote für psychische und neurologische Störungen sowie Substanzmissbrauchstörungen auszuweiten, insbesondere in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Volkseinkommen.

„Selbstschädigung ist ein komplexes Verhaltensphänomen mit einer Vielzahl zugrunde liegender Risikofaktoren aus dem individuellen, kommunalen und gesellschaftlichen Umfeld. Suizidprävention macht ein abgestimmtes Engagement und einen entsprechenden Einsatz eines breiten Spektrums von Akteuren vor allem aus dem Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen erforderlich“, erklärt Dr. Dan Chisholm, Leiter des Programms für psychische Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa.

„Durch die Unterstützung der Umsetzung des mhGAP wollen die WHO und das ukrainische Gesundheitsministerium die Erkennung von in Bezug auf Selbstschädigung gefährdeten Menschen auf der Ebene der primären Gesundheitsversorgung verbessern. Bisher haben in der Ukraine über 60 Gesundheitsfachkräfte die Schulungen im Rahmen des mhGAP durchlaufen, und Veränderungen in ihrer alltäglichen Arbeit können bei der Entdeckung und Behandlung weit verbreiteter psychischer Gesundheitsprobleme einen Unterschied bewirken“, erklärt Dr. Alisa Ladyk-Bryzghalova, Referentin für psychische Gesundheit beim WHO-Länderbüro Ukraine.

Strategische Maßnahmen zur Prävention von Selbstschädigung

Die Komplexität des Themenbereichs Selbstschädigung macht die Umsetzung von Strategien zur Suizidprävention erforderlich, die den Kapazitätsaufbau beim Gesundheitspersonal ergänzen.

Die Bewusstseinsbildung und die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit in der Bevölkerung können dazu beitragen, die Stigmatisierung von psychischen Gesundheitsproblemen abzubauen, und Menschen mit psychosozialen Störungen dazu veranlassen, Hilfe zu suchen. „Maßnahmen im Schulunterricht tragen nachweislich dazu bei, die Gesundheitskompetenz zu erhöhen und Selbstschädigungen und Suizide zu verhindern. So hat sich herausgestellt, dass das Programm Youth Aware of Mental Health (YAM) für junge Menschen in der Altersgruppe von 14 bis 16 Jahren das Risiko der Selbstschädigung bei Jugendlichen um bis zu 50% verringern konnte“, lautet Dr. Chisholms Fazit.