Europäische Region der WHO hat niedrigste Stillraten weltweit

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Stillen ist die beste Option für die Ernährung von Säuglingen. Es schafft beste Voraussetzungen für Wachstum und Entwicklung und die Vermeidung nichtübertragbarer Krankheiten im späteren Leben und sollte während der ersten sechs Lebensmonate die ausschließliche Ernährungsform sein.  Deshalb gilt es als eine der wichtigsten Strategien im Hinblick auf Schutz und Förderung der Gesundheit.

Zu den wesentlichen Erfolgen hinsichtlich der Gesundheit von Müttern und Neugeborenen in der Europäischen Region gehören eine positivere Einstellung gegenüber Schwangeren, eine respektvolle Zusammenarbeit mit Frauen während Schwangerschaft und Entbindung und ihre aktive Einbeziehung in damit verbundene Entscheidungen sowie eine generell verbesserte Leistungsqualität. Doch Europa hat von allen Regionen der WHO die niedrigsten Stillraten.

So wurden im Zeitraum 2006–2012 nur geschätzte 25% der Säuglinge in der Europäischen Region der WHO während der ersten sechs Lebensmonate ausschließlich gestillt, während es in der Region Südostasien 43% waren. Aus jüngsten Daten über ausschließliches Stillen aus 21 Ländern der Europäischen Region geht hervor, dass nur durchschnittlich 13% der Säuglinge während der ersten sechs Monate ausschließlich gestillt werden. Damit liegt die durchschnittliche Rate für ausschließliches Stillen weit unter dem weltweit empfohlenen Wert, auch wenn die Raten innerhalb der Europäischen Region sehr uneinheitlich sind. Obwohl in manchen Ländern der Anteil der Mütter, die früh mit dem Stillen beginnen, sehr hoch ist, sinken die Raten für ausschließliches Stillen zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat rapide und sind danach äußerst niedrig.

Mütter mit niedrigerem sozioökonomischem Status (weniger Einkommen, Bildung und Beschäftigung) beginnen häufiger überhaupt nicht mit dem Stillen.

Die WHO empfiehlt, innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen und dann sechs Monate ausschließlich zu stillen, ab sechs Monaten zuzufüttern und das Stillen bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahrs oder darüber hinaus fortzusetzen.

Langfristiger gesundheitlicher Nutzen für stillende Mütter:

  • geringeres Risiko, an Brust- oder Gebärmutterkrebs oder an Adipositas zu erkranken.

Nutzen für gestillte Säuglinge: 

  • ein geringeres Risiko in Bezug auf Durchfall- und Atemwegserkrankungen;
  • ein geringeres Risiko einer Erkrankung an Adipositas;
  • eine Schutzwirkung hinsichtlich der Inzidenz von nichtübertragbaren Krankheiten (insbesondere Adipositas im Kindesalter, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus);
  • ein höherer IQ;
  • ein verringertes Risiko in Bezug auf Allergien.

2002 nahmen die Mitgliedstaaten die Globale Strategie der WHO für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern an, in der umfassende nationale Konzepte zur Förderung und Unterstützung bzw. Aufrechterhaltung von angemessenen Praktiken bei der Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern propagiert werden. In der Globalen Strategie wird auch eine umfassendere Umsetzung des Internationalen Kodexes für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten empfohlen. Bei der Förderung von Stillen spielen die Erklärung von Innocenti, die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus", der Aktionsplan der WHO für die Ernährung von Müttern, Säuglingen und Kleinkindern und die globalen Ernährungsziele der Weltgesundheitsversammlung für 2025 allesamt eine bedeutende Rolle.

Welche Einflussfaktoren in der Europäischen Region der WHO halten vom Stillen ab?

Zu den Gründen für die niedrigen Stillraten und die Ungleichheiten auf diesem Gebiet in der Europäischen Region gehören u. a. Armut, Schwierigkeiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung, soziale Marginalisierung, Adipositas (viele Schwangere sind heute übergewichtig oder adipös), die Praxis am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsmarkt, die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten, eine kommerzielle „Begleitung" und ergänzende Lebensmittel.

Mütter mit niedrigem sozioökonomischem Status haben eine um das bis zu Zehnfache niedrigere Wahrscheinlichkeit, mit dem Stillen zu beginnen, und diese Tendenz setzt sich über Generationen fort.

Was kann getan werden, um Ungleichgewichte abzubauen und die Stillbeginnraten zu erhöhen?

Die Förderung und Unterstützung von Stillen ist für die Entwicklung und angemessene Ernährung von Kindern entscheidend. Um die vorhandenen Ungleichgewichte abzubauen und die Stillraten zu erhöhen, hat die WHO eine Reihe von Initiativen eingeführt und treibt diese weiter voran:

  • Mit „Jenseits der Zahlen" wird versucht, die Mortalitäts- und Morbiditätsraten von Müttern zu untersuchen, um den Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung zu verbessern;
  • Förderung und Einführung von Stillen in Krankenhäusern landesweit;
  • Sexualaufklärung und qualitative Verbesserung der Familienplanungsangebote;
  • Politikbewertung und -planung auf der nationalen, regionsweiten und kommunalen Ebene;
  • Förderung der Rechte von Frauen und ihren Familien in Bezug auf Wahlfreiheit, Zugang und hochwertige Versorgung.

Das Kooperationszentrum der WHO für Ernährung und Gesundheit weltweit schlägt auch vor, die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus" auf alle Geburtshilfeeinrichtungen und -angebote, auch im Wohnumfeld, auszudehnen. Die Zielsetzung der 1991 gestarteten Initiative besteht darin, Praktiken zum Schutz, zur Förderung und zur Unterstützung des Stillens einzuführen, etwa Verfahren zur Förderung eines frühen Stillbeginns und die Fortsetzung eines ausschließlichen Stillens, und außerdem die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten in Gesundheitseinrichtungen einzuschränken.

Im Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten werden Maßnahmen genannt, die die Länder ergreifen können, um eine aggressive und unangemessene Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten zu verhindern, u. a. durch:

  • Einführung von Gesetzen zur Einschränkung der Vermarktung und Verkaufsförderung in Bezug auf Säuglingsnahrung und andere Produkte, die als Muttermilchersatz verwendet werden;
  • Überwachung und Durchsetzung wirksamer Sanktionen bei Verstößen;
  • Beteiligung an Partnerschaften mit Organisationen der Zivilgesellschaft, um den Regierungen dabei zu helfen, für Einführung, Umsetzung, Vollzug und Überwachung des Kodex zu werben.

Ein Artikel mit dem Titel „Beginn des Stillens bei Geburt kann zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten beitragen" findet sich in der neuesten Ausgabe des Magazins Entre Nous („Entbindung in der Europäischen Region im 21. Jahrhundert").  

Weltstillwoche

Die diesjährige Weltstillwoche hat sich als primäres Ziel gesetzt, das Stillen durch Propagierung familienfreundlicher Konzepte am Arbeitsplatz zu fördern. Als Mitglieder der World Alliance for Breastfeeding Action weisen die WHO und die Internationale Arbeitsorganisation darauf hin, wie der Gesetzgeber, aber auch Arbeitgeber, Gewerkschaften und Arbeitskollegen dazu beitragen können, Stillen am Arbeitsplatz zu schützen, zu fördern und zu unterstützen.