Erklärung von Aschgabat unterzeichnet: Tag 2 der Konferenz von Aschgabat zu nichtübertragbaren Krankheiten

WHO/Ahmed Hallyyew

Am zweiten und letzten Tag der Konferenz von Aschgabat zum Thema nichtübertragbare Krankheiten schilderten zahlreiche Länder ihre Handlungskonzepte und Interventionen auf diesem Gebiet. Nach ihrer Annahme durch die Mitgliedstaaten wurde die Erklärung von Aschgabat von Dr. Nurmuhammet Amannepesov, Minister für Gesundheit und die pharmazeutische Industrie, und Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, unterzeichnet.

Stärkung der nationalen Handlungskonzepte zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten

Während der vierten Plenarsitzung ergriffen zahlreiche Länder das Wort und schilderten, wie sie ihre Gesundheitssysteme an die Herausforderungen aufgrund von nichtübertragbaren Krankheiten anpassen, eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit betreiben und geeignete Gesundheitsinformationssysteme entwickeln.

Dr. Nurmuhammet Amannepesov erläuterte die weitreichenden Entwicklungen im turkmenischen Gesundheitssystem, die dank einer politischen Unterstützung auf höchster Ebene in die Wege geleitet worden seien. Diese Stärkung des Gesundheitssystems erstrecke sich auf das gesamte Land und schließe den Wiederaufbau von 29 Gesundheitszentren in ländlichen Gebieten sowie den Bau von vier neuen Zentren ein.

Der Minister unterstrich, dass zur Förderung gesunder Verhaltensweisen ein ausgewogenes Vorgehen erforderlich sei, das verbesserte Informationen wie auch Überzeugungsarbeit und praktische Leistungen beinhalte, dass dies aber in Verbindung mit wirksameren Gesetzen (z. B. zum Tabakkonsum) geschehen müsse. Zu den anderen maßgeblichen Veränderungen gehörten die Verbesserung der Verfügbarkeit von Gesundheitsleistungen und Fachkräften in ländlichen Gebieten.

Entwicklungen in den Ländern im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten

  • Der Gesundheitsminister der Republik Moldau beschrieb die jüngsten Veränderungen im Gesundheitssystem des Landes, die auf eine Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten abzielen. Er wies darauf hin, dass an dem vor kurzem veranstalteten zweiten Nationalen Gesundheitsforum Vertreter der Ressorts Landwirtschaft, Verkehr und Bildung teilgenommen hätten, um eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit und die Einbeziehung der Zivilgesellschaft und der Kommunalbehörden zu fördern.
  • Die Delegation Aserbaidschans berichtete von einer Bestandsaufnahme des Gesundheitssystems sowie des Aktionsplans gegen nichtübertragbare Krankheiten, die vor kurzem mit Unterstützung durch die WHO durchgeführt worden sei und auf die Ausarbeitung einer geeigneten Strategie zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten abziele.
  • Bosnien und Herzegowina hob die Bedeutung der Zusammenarbeit auf subregionaler Ebene für die Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten hervor und bezeichnete das Südosteuropäische Gesundheitsnetzwerk als einen nützlichen Mechanismus. Das Land sei auch dabei, ein individualisiertes Leistungspaket für die Bewertung der kardiovaskulären Risiken einzuführen, das durch die primäre Gesundheitsversorgung erbracht werden solle.
  • Bulgarien berichtete, der Schwerpunkt seines Programms zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten liege auf der Prävention und der Frühdiagnose und ziele auf eine Senkung der vorzeitigen Sterblichkeit ab. Die Zielvorgaben orientierten sich an den örtlichen Gegebenheiten, jedoch werde darin auch der globale Kontrollrahmen für nichtübertragbare Krankheiten berücksichtigt.
  • Die georgische Delegation nannte Rauchen die größte Herausforderung in ihrem Land, da dort 70% der Erwachsenen rauchten und 25% der Gesamtsterblichkeit auf Tabakkonsum zurückzuführen sei.
  • Die Delegation Kasachstans erklärte, ab 2014 werde die Erstellung des Gesundheitsetats auf Pro-Kopf-Zahlen beruhen, wodurch sich die Finanzierungssituation im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten von Grund auf verändern werde. Das Land bewege sich weg von einem paternalistischen Ansatz bei der Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten und hin zu einem Ansatz, der Selbstbewältigung im Rahmen einer gemeinsamen Verantwortung von Patient, Arzt und Staat propagiert.
  • Die Delegation Litauens wies auf die vielfältigen Herausforderungen für die Gesundheitssysteme bei der Anpassung an die epidemieartige Ausbreitung nichtübertragbarer Krankheiten hin, namentlich in Verbindung mit der Bevölkerungsalterung.
  • Der Delegierte Kirgisistans sprach von der Effektivität eines statistischen Systems auf der subregionalen Ebene für die Länder Zentralasiens, das ihre Informationssysteme zusammenführe und auf die Entwicklung gemeinsamer Indikatoren und Informationen abziele, und wünschte sich eine Wiederbelebung des Projektes.
  • Die Delegierte aus Rumänien schilderte die „Umkehr der Pyramide“ in ihrem Land: weg von der Krankenhausversorgung und hin zu gemeindenahen Angeboten. Sie berichtete von der Einführung eines leistungsabhängigen Vergütungssystems nach türkischem Vorbild.
  • Die Ukraine erläuterte ein Programm zur Regulierung der Arzneimittelpreise, das weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in dem Land gehabt habe. So sei etwa die Zahl der Patienten, die Medikamente gegen Bluthochdruck einnehmen, nach Einführung eines Festpreises um 65% gestiegen. Auch der Anteil der Personen mit Bluthochdruck, die sich in Behandlung begeben, habe sich erhöht: von 5% auf 50%. Ferner sei die Zahl der Notrufe für Krankenwägen in solchen Fällen zurückgegangen.
  • Tadschikistan brachte seine Unterstützung für die Erklärung von Aschgabat zum Ausdruck und rief die internationalen Finanzinstitutionen dazu auf, sich ihr ebenfalls anzuschließen.
  • Die Delegation aus Belarus berichtete von einem Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit in Bezug auf Rauchen. Auch wenn 30% der Bevölkerung rauchten, so gebe es doch zunehmend Unterstützung für ein Rauchverbot.
  • Auch Kroatien hob die Effektivität der subregionalen Kooperation im Rahmen des Südosteuropäischen Gesundheitsnetzwerks sowie den Nutzen des Rahmenübereinkommens der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs bei der Schaffung rauchfreier Umgebungen hervor.
  • Die deutsche Delegation berichtete von den erheblichen Fortschritten bei der Bekämpfung des Rauchens unter jungen Menschen; in dieser Altersgruppe sei die Zahl der Raucher in den vergangenen zwölf Jahren um 50% gesunken. Heute haben über 70% der jungen Menschen nie geraucht.

Stärkung der Gesundheitssysteme mit dem Ziel besserer gesundheitlicher Resultate im Bereich nichtübertragbare Krankheiten

Dr. Taavi Lai, leitender Analyst an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Tartu (Estland), präsentierte die Ergebnisse eines WHO-Projektes, das der Herausarbeitung der verschiedenen Aspekte der Bemühungen von Gesundheitssystemen zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten in Form von 15 Chancen diente. Zu diesen Chancen gehören die Einführung von Anreizsystemen für Gesundheitspersonal und die Integration der Versorgung.

Anhand des Beispiels Estlands erläuterte Dr. Lai jüngere Initiativen zur Stärkung des Gesundheitssystems. So sei ein hochwertiges Bonussystem eingeführt worden, das den Ärzten einen Anreiz gebe, von chronischen Krankheiten bedrohte Patienten zu erkennen und gezielt zu versorgen. Die Patienten würden nach ihrem Gefährdungsgrad eingestuft, was sich auch auf ihren Weg durch das Gesundheitssystem auswirke. Die Nutzung der Plattform für eGesundheit ermögliche es Ärzten, Pflegekräften und Patienten, auf Krankengeschichten und sämtliche relevanten Notizen zuzugreifen, wodurch die Beobachtung erheblich erleichtert werde. Die Patienten könnten durch dieses System Zugang zu ihren eigenen Daten gewähren oder verwehren.

Vorlage des Leitfadens für die Bewertung der Länder in Bezug auf Herausforderungen für die Gesundheitssysteme und Chancen auf bessere Ergebnisse im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten

Dieser Leitfaden, der bisher versuchsweise in fünf Ländern eingeführt wurde, zeigt auf, wie die Mitgliedstaaten ihre Gesundheitssysteme stärken können. Obwohl die Pilotländer jeweils unterschiedliche nichtübertragbare Krankheiten ins Visier nahmen, berichteten sie allesamt von gemeinsamen Schwierigkeiten wie Herausforderungen bei der Ausweitung von Angeboten, dem Fehlen wirksamer Mechanismen für ressort- und organisationsübergreifende Zusammenarbeit und einer unklaren Prioritätensetzung. Elke Jakubowski vom WHO-Regionalbüro für Europa erläuterte die nächsten Schritte nach der Veröffentlichung des Leitfadens. Dabei werde in den fünf Pilotländern eine inhaltliche Aufarbeitung erfolgen, und es werde ein Austausch der bewährten Praktiken stattfinden, der 2015 in einem zusammenfassenden Bericht für die Europäische Region münden solle.

In der anschließenden Diskussion unterstrichen die Podiumsteilnehmer eine Reihe von Erfordernissen für die Gesundheitssysteme:

  • Stärkung der Gesundheitsinformationssysteme in Bezug auf nichtübertragbare Krankheiten;
  • Entwicklung eines unterschiedlichen Angebotsspektrums mit weniger Pädiatrien und mehr aufsuchenden Maßnahmen und Versorgung zu Hause sowie gebührende Berücksichtigung von Mehrfacherkrankungen und Bevölkerungsalterung;
  • Einbeziehung nichtübertragbarer Krankheiten in die Debatte in den Mitgliedstaaten über die Entwicklungsagenda nach 2015 und neue globale Ziele.

Rolle der Zivilgesellschaft

Sir George Alleyne, Regionaldirektor i. R. der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation, begann seinen Vortrag mit der Feststellung, für die Zivilgesellschaft gelte es primär, Einfluss auszuüben, nicht Macht. Das Kernelement seines Vortrags bestand in einem Vorschlag, der die drei wichtigsten Aufgaben für die Zivilgesellschaft beinhaltete:

  • Überzeugungsarbeit
  • eine Wächterfunktion im Hinblick auf die Rechenschaftslegung
  • eine direkte Bereitstellung von Angeboten

Die Erfüllung dieser drei Aufgaben werde durch Kapazitätsaufbau und strategische Allianzen unterstützt. Die NCD Alliance sei ein Beispiel für eine solche erfolgreiche Zusammenarbeit.

Dr. Alleyne gab zu bedenken, dass Strategien auf nationaler Ebene und auf Ebene von Regionen meist am besten in Verbindung mit internationalen Strategien wirkten, und wies darauf hin, dass die Zivilgesellschaft dann am stärksten sei, wenn sie über einen gut funktionierenden öffentlichen Sektor verfüge. Durch die Zivilgesellschaft komme eine Dimension hinzu, die den Regierungen mit ihren traditionellen drei Handlungsinstrumenten (Besteuerung, Regulierung, Gesetzgebung) nicht zur Verfügung stehe.

Die Zivilgesellschaft müsse dazu beitragen, dass die nichtübertragbaren Krankheiten den ihnen gebührenden Platz auf der Agenda von „Gesundheit 2020“ erhielten, und müsse auch mit Nachdruck darauf drängen, die Anerkennung der Schwere und der globalen Tragweite von Themen zu verdeutlichen; die HIV-Epidemie sei hierfür ein anschauliches Beispiel.

Da Überzeugungsarbeit keinen Erfolg bringe, wenn sie auf falschen Behauptungen basiere, sei die Bereitstellung von Informationen und die Prüfung der einschlägigen Evidenz eine wesentliche Aufgabe für die Zivilgesellschaft. Damit werde eine grundlegende Funktion ergänzt, nämlich die einer sozialen Kontrolle, die Regierungen zum Handeln veranlasse.

Die partizipatorische Politikgestaltung werde durch die Erklärung von Aschgabat verkörpert. Diese sei ein Beispiel für das Wesen der heutigen Zivilgesellschaft und die Aufgaben, die sie in Bezug auf nichtübertragbare Krankheiten erfüllen könne und auch tatsächlich erfülle. Dr. Alleyne schloss seinen Vortrag mit einem dringenden Appell, die Kraft und Reichweite der Zivilgesellschaft sinnvoll zu nutzen und durch Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten eine bessere Welt herbeizuführen.

Unterzeichnung der Erklärung von Aschgabat

Nach ihrer Annahme durch die Mitgliedstaaten durch Zuruf wurde die Erklärung von Aschgabat von Dr. Nurmuhammet Amannepesov, Minister für Gesundheit und die pharmazeutische Industrie von Turkmenistan, und Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, unterzeichnet.

In der Erklärung verpflichten sich die Länder dazu, ihre Anstrengungen zur vollständigen Umsetzung des Rahmenübereinkommens der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs zu forcieren und dabei auf der Angebots- wie auch der Nachfrageseite anzusetzen, um den Tabakkonsum zur „Anti-Norm“ zu machen. Ferner kommt darin das gemeinsame Fernziel zum Ausdruck, die Europäische Region der WHO irgendwann tabakfrei zu machen.
Das Dokument beruht auf drei Säulen: der Bekämpfung des Tabakkonsums, dem gesamtstaatlichen Handeln und konkreten Empfehlungen zur Beschleunigung der Ausarbeitung nationaler Zielvorgaben.

Pressekonferenz

An der Pressekonferenz, auf der die Unterzeichnung der Erklärung von Aschgabat angekündigt wurde, nahmen über 30 Vertreter von Rundfunk und Druckmedien aus dem In- und Ausland teil.

Abschluss der Konferenz

Zum Abschluss der Konferenz dankte Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, seiner Exzellenz dem Staatspräsidenten von Turkmenistan, dem Minister für Gesundheit und die pharmazeutische Industrie, dem Minister für auswärtige Angelegenheiten sowie allen Mitgliedstaaten, Vertretern von internationalen Organisationen und Zivilgesellschaft und allen Experten für ihre wichtigen Beiträge zur Vorbereitung der Konferenz und zur Ausarbeitung der Erklärung von Aschgabat.

Frau Jakab nannte abschließend nochmals die auf der Konferenz herausgestellten drei zentralen Themen, und erklärte, die Erklärung von Aschgabat werde zu einer sinnvollen Auseinandersetzung mit ihnen beitragen.

  • Alle Länder haben die Bedeutung der Grundsätze von „Gesundheit 2020“ bekräftigt, darunter den Abbau gesundheitlicher Ungleichgewichte, und sich zu dem globalen Aktionsplan gegen nichtübertragbare Krankheiten wie auch zu dessen Kontrollrahmen bekannt.
  • Es besteht ein starker politischer Wille, die Agenda im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten voranzutreiben, und in den vergangenen beiden Jahren sind beträchtliche Fortschritte in den Ländern erzielt worden. Künftige Maßnahmen werden im Rahmen einer übergeordneten Entwicklungsagenda erfolgen.
  • Es besteht immer noch eine Diskrepanz zwischen der hohen Ebene der Ratifizierung des Rahmenübereinkommens der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs und der niedrigen Ebene seiner Umsetzung in die Praxis. Die Tabakindustrie ist offenbar dabei, wieder zu erstarken, und die Mitgliedstaaten müssen in Bezug auf deren Einfluss wachsam bleiben. Es werden neue Anstrengungen zur Bekämpfung des Tabakkonsums benötigt.

Abschließend sagte Frau Jakab: „Die Erklärung von Aschgabat stellt einen Meilenstein in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit in der Europäischen Region dar.“