Tabakfreies Europa möglich: Tag 1 der Konferenz von Aschgabat zu nichtübertragbaren Krankheiten

WHO/Ahmed Hallyyew

Am ersten Konferenztag befassten sich die Teilnehmer mit den Auswirkungen nichtübertragbarer Krankheiten auf die Entwicklung der Gesellschaft sowie den verursachten Belastungen für das Gesundheitswesen und erörterten den vorgelegten Entwurf der Erklärung von Aschgabat, in der sich die Länder zu gemeinsamem Handeln für die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten bekennen.

Der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow hieß die Teilnehmer im Ryhyyet-Palast herzlich willkommen und betonte den Willen seines Landes zur Bewältigung der nichtübertragbaren Krankheiten, denn schließlich sei die Gesundheit der Bevölkerung eines der höchsten Güter und die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

35 Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO, internationale Fachleute, Partner und nichtstaatliche Organisationen sind auf der Konferenz vertreten, die am 3. und 4. Dezember 2013 stattfindet.

Die WHO-Regionaldirektorin für Europa Zsuzsanna Jakab erwähnte Zusagen der Mitgliedstaaten auf diesem Feld und lobte das Engagement für die Gesundheit aller, den Abbau gesundheitlicher Benachteiligung und die Stärkung von Führungsarbeit wie Bürgerbeteiligung. Ein wesentlicher Aspekt der Konferenz sei der Erfahrungsaustausch über gesamtstaatliche sowie gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit für starke bürgernahe Gesundheitssysteme, die nichtübertragbare Krankheiten in den Griff bekommen.

„Wir müssen die Leitungsstrukturen und institutionellen Kapazitäten stärken, damit schneller gehandelt werden kann,“ sagte sie.

Der Exekutivdirektor im Büro der Generaldirektorin der WHO sprach von notwendigen Änderungen an Einrichtungen wie Einstellungen. Heute unterhielten Patienten oft eine lebenslange Beziehung zum Gesundheitswesen, weil sie gegen Bluthochdruck und Diabetes behandelt würden, während früher eher die Devise geherrscht habe: Aufnahme, Behandlung, Genesung und Entlassung des Patienten. Dr. Troedsson hob das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs hervor, das die Mehrzahl der Länder in der Europäischen Region der WHO ratifiziert, aber nicht vollständig umgesetzt habe, und er betonte, dass künftige Generationen die jetzige an ihren konkreten Taten messen würden.

Die Gattin des estnischen Präsidenten, Dr. Evelin Ilves, berichtete von persönlichen Erfahrungen, wonach das Erreichen der Ziele im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten nicht immer einfach war. Sie habe in ihrem Land angeregt, dass Kindern statt Süßigkeiten mit Transfettsäuren gesündere  Zwischenmahlzeiten und Obst angeboten werden sollten. Nach anfänglich negativen Reaktionen der Lebensmittelindustrie, der Öffentlichkeit und der Massenmedien seien allerdings die wissenschaftlichen Erkenntnisse genauer in Augenschein genommen worden, es habe eine Haltungsänderung gegeben und der wichtigste Konfektfabrikant Estlands habe seine Rezepturen geändert.

„Meine persönliche Erfahrung zeigt, wie die Prävention nichtübertragbarer Krankheiten anfänglich auf eine Mauer aus Ignoranz und Verständnislosigkeit treffen kann. Um Erfolge oder zumindest Teilerfolge erzielen zu können, benötigen wir Ausdauer und Beständigkeit sowie Mitstreiter. … So können wir die erforderliche Kraft aufbringen, die Gewohnheiten und Einstellungen der Menschen sowie die Vermarktungsstrategien der Hersteller zu verändern,“ sagte Dr. Ilves.

Nichtübertragbare Krankheiten und Entwicklung

In der unter seiner Leitung durchgeführten ersten Sitzung nannte der Minister für Gesundheitswesen und pharmazeutische Industrie, Dr. Nurmuhammet Amannepesov, einige Beispiele für die Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten durch einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz seines Landes, der auf Aufklärung sowie die Schaffung der richtigen Infrastruktur setze. Er hoffe, durch eine aktuelle Initiative den Menschen die Notwendigkeit einer regelmäßigen Kontrolle des Blutdrucks ins Bewusstsein rufen zu können.

In einer Videobotschaft erinnerte die WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan darin, welche Belastung nichtübertragbare Krankheiten für die Gesundheit der Bevölkerungen und die Geldbeutel der Menschen sowie der öffentlichen Gesundheitsbudgets mit sich brächten und welche Herausforderung die nachhaltige Bereitstellung von Langzeitpflege bedeute. „Ein tabakfreies Europa wäre der stärkste mögliche Beitrag zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten,“ fügte sie hinzu.

Die WHO-Regionaldirektorin für Europa bereitete dann den Boden für die nachfolgende Erörterung einschlägiger konzeptioneller Entwicklungen, indem sie auf aktuelle Aktivitäten in Turkmenistan hinwies:

  • die Überprüfung der Stärken und Schwächen des Gesundheitssystems in Bezug auf die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten,
  • die Überprüfung der Länderdaten und die Aktualisierung des Gesundheitsinformationssystems zum Zwecke der Validierung und Aufnahme in die Datenbank „Gesundheit für alle“ der Europäischen Region der WHO,
  • die erste nationale Umfrage zu einschlägigen Risikofaktoren unter Verwendung des STEPwise-Ansatzes der WHO zur epidemiologischen Überwachung,
  • die Überprüfung und Stärkung der Tabakgesetze,
  • die mit Unterstützung des Internationalen Krebsforschungszentrums durchgeführte Überprüfung des Programms zur Aufdeckung und Handhabung von Brustkrebs.

Außerdem betonte Frau Jakab, welch enorme Aufgabe die Thematisierung nichtübertragbarer Krankheiten sei, an denen Jahr für Jahr 2,4 Mio. Menschen im Alter von 30 bis 70 Jahren sterben. Diese Todesfälle bedeuteten nicht nur eine große Tragödie, sondern verringerten gemeinsam mit Behinderungen im Osten der Region insbesondere die Produktivität und belasteten im Westen vor allem die Gesundheitssysteme. „Kein Land und kein Gesundheitssystem ist dagegen gefeit,“ sagte sie.

Frau Jakab sprach den Fokus auf die tabakfreie Region im vorgelegten Entwurf der Erklärung von Aschgabat an und stellte fest, dass Tabakpolitik auf Ebene der Europäischen Region seit mehr als einem Jahrzehnt nicht erörtert worden sei, obwohl die Region die zweifelhafte Ehre habe, die höchste Prävalenz des Rauchens in der Welt aufzuweisen (28% der Erwachsenen).

Funktionierende Konzepte statt Mythen

Der Generaldirektor des finnischen Instituts für Gesundheit und Soziales, Prof. Pekka Puska, entlarvte viele der verbreiteten Vorurteile zu nichtübertragbaren Krankheiten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie Belegen für den Erfolg von Grundsatzmaßnahmen.  Zu den Vorurteilen zähle, dass nichtübertragbare Krankheiten nur alte Menschen und Männer beträfen, als Folge von Wohlstand entstünden, nur schwer und umständlich zu vermeiden wären, auf genetische Ursachen zurückgingen und in die Verantwortung des Individuums fielen.

Dabei würden in der Europäischen Region der WHO nichtübertragbare Krankheiten unter Männern etwas mehr als 70%, unter Frauen aber 77% der vorzeitigen Todesfälle verursachen.  Veränderungen in der Sterblichkeit aufgrund von Erkrankungen des Kreislaufsystems in der Region bewiesen doch, dass die primäre Ursache nicht in der Genetik zu finden sei.

Geeignete Präventionsmaßnahmen wirkten schnell und kostengünstig. Prof. Puska forderte zur Prävention gegen vermeidbare nichtübertragbare Krankheiten durch gesellschaftlichen Wandel auf und betonte die Notwendigkeit einer starken Führung bei guter Partnerschaft.

Dr. David Stuckler von der Universität Oxford im Vereinigten Königreich führte das wirtschaftlich überzeugende Argument für Investitionen in die Prävention nichtübertragbarer Krankheiten ins Feld, wonach für jeden investierten Euro drei Euro Ertrag erzielt würden.

Fortschritte in der Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten

Prof. Sylvie Stachenko von der School of Public Health der Universität Alberta in Kanada fasste allgemein erzielte Fortschritte zusammen, stellte aber fest, dass Präventionsarbeit stärker mit der sozialen und ökonomischen Entwicklung gekoppelt werden könne. Zum Beispiel hätten 88% der Länder, die Daten an das Regionalbüro lieferten, nichtübertragbare Krankheiten in ihre nationalen Gesundheitspläne aufgenommen, doch nur 43% hätten sie auch in ihre Pläne für die soziale und ökonomische Entwicklung aufgenommen. Diese Befunde waren dem Fortschrittsbericht des Regionalbüros zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten in der Europäischen Region entnommen, der am 3. Dezember vorgelegt wurde.

Tabakfreies Europa

Neuseeland hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: die Absenkung der Prävalenz des Rauchens von Erwachsenen auf unter 5% bis zum Jahr 2025. Dr. Robert Beaglehole, emeritierter Professor der School of Population Health der Universität Auckland in Neuseeland schilderte die vorbereitende Arbeit bis zur Aufstellung des Ziels. Er erläuterte, dass 80% aller Raucher das Rauchen aufgeben wollen, und dass eine höhere Besteuerung daher Unterstützung finde, wenn hierdurch zum Beispiel Rauchverzichtsinitiativen finanziert würden.

In Bezug auf die Europäische Region fügte er hinzu: „Wir haben die erforderlichen Erkenntnisse und Erfahrungen und mit der Erklärung von Aschgabat auch den Auftrag, für eine tabakfreie Gesellschaft zu arbeiten. Auf diese Vision und dieses Ziel können wir stolz sein. “„ “„Niemand möchte, dass seine Enkelkinder das Rauchen anfangen.“

Der Leiter des Sekretariats für das Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakkonsums bei der WHO, Dr. Haik Nikogosian, zeigte sich davon überzeugt, dass die Europäische Region von Tabak befreit werden könne, denn ihr Ziel sei zutiefst gesundheitspolitisch begründet und das Rauchen nehme, bei hohen Ausgangswerten, in den meisten Ländern bereits ab. Die Tabakindustrie ändere jedoch ihre Taktik und gehe gegen gesetzliche Maßnahmen juristisch vor. Persönlich bevorzuge er den Ausdruck „tabakfrei“ gegenüber „rauchfrei“. Das Zurückdrängen des Rauchens in der Bevölkerung sei wichtig, doch nur ein hohler Sieg, wenn andere Formen des Tabakkonsums an seine Stelle träten. Das Ziel müsse Freiheit vom Tabakkonsum und nicht nur vom Rauchen sein.

Die Direktorin der Europäischen Partnerschaft für Rauchfreiheit gemahnte zur Vorsicht: „Das Ziel der Tabakfreiheit ist ein Traum, der an den Kampf David gegen Goliath erinnert. Goliath ist hierbei die Tabakindustrie, deren langer Arm um die ganze Welt reicht. Wir sollten das Tabakproblem nicht einfach an den Rest der Welt abliefern. Tabakfreiheit muss global erkämpft werden.“

Sachstandsbericht 2013 zur Bekämpfung des Tabakkonsums in der Europäischen Region

Unter Verwendung von Daten der Mitgliedstaaten zeigt der am 3. Dezember 2013 vorgelegte Bericht, dass die Umsetzung des Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs nur schleppend vorankommt, auch wenn viele Länder es bereits ratifiziert haben. So hätten nur 25 Länder die Tabaksteuern erhöht.

Ländertrends: Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten sowie Tabakpolitik

Die Erklärung von Aschgabat fand breite Unterstützung bei den Mitgliedstaaten und den nichtstaatlichen Organisationen.

  • Ein Mitglied der armenischen Delegation erläuterte, dass sein Land Produktwerbung für Tabak verboten habe. Von 2014 an werde sein Land die primäre Gesundheitsversorgung umfassend stärken und so die Prävention und frühe Diagnose nichtübertragbarer Krankheiten verbessern.
  • Die montenegrinische Delegation nannte einen sektorübergreifenden Ansatz, durch den Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit gefördert und Gemeinsinn und Verantwortung durch die Verwendung von Indikatoren und die Beteiligung der Privatwirtschaft geschaffen würden, den Schlüssel zur Bewältigung der nichtübertragbaren Krankheiten.
  • Die usbekische Delegation erinnerte an die Notwendigkeit der Aufstellung nationaler Ziele und beschrieb einen einschlägigen Aktionsplan (2014–2020) einschließlich gesetzlicher Schritte, Risikobewertung, Überzeugungsarbeit und Aufklärung, Forschung und Beteiligung der Zivilgesellschaft.
  • Die lettische Gesundheitsministerin Ingrīda Circene schilderte eine Reihe einschlägiger Initiativen ihres Landes, hierunter jährliche Herz-Kreislauf-Untersuchungen für Risikogruppen, eine Herz-Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Präventionsmaßnahmen.
  • Der estnische Sozialminister Taavi Rõivas sprach über gesellschaftlichen Wandel, für den alle Sektoren zusammenarbeiten müssten, und der erforderlich sei, um ein tabakfreies Europa zu erreichen.
  • Die Delegation der Russischen Föderation erklärte, dass 2013 die nationale Gesetzgebung dahingehend angepasst worden sei, die Verpflichtungen aus dem Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs erfüllen zu können. Die Russische Föderation wolle bis 2020 einen Rückgang der Prävalenz des Rauchens um 30% erreichen; unter den Frauen sei ein Anstieg zu befürchten, wenn nichts unternommen würde.
  • Teilnehmer aus Norwegen und aus dem Vereinigten Königreich betonten die Notwendigkeit langfristiger Ziele der Tabakbekämpfung, die nur mit Ausdauer, Entschlossenheit und Ehrgeiz zu erreichen seien.
  • Die Allianz gegen nichtübertragbare Krankheiten gab im Namen der nichtstaatlichen Organisationen eine Stellungnahme zur Unterstützung der Erklärung von Aschgabat ab.

Gesundheitsführung und nichtübertragbare Krankheiten

Prof. Ilona Kickbusch, die Leiterin des Global Health Programme am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf (Schweiz) erläuterte, wie Politiksteuerung Gesundheit voranbringen und nichtübertragbare Krankheiten zurückdrängen könnte. Die neue Herausforderung für die Gesundheitssysteme liege in der Frage der Koproduktion.

Sie sagte: „Wir stehen an einem Wendepunkt der Gesundheitspolitik. Ein Gefühl von Veränderung liegt in der Luft, doch sind es die Länder und Systeme, nicht nur die Menschen und Patienten, die sich ändern müssen, und auch die Fachleute müssen einen Rollenwechsel vollziehen und sich öffnen. Dabei darf sich der Wandel nicht auf den Gesundheitssektor beschränken.“

In einem aktuellen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sei ein neuer Ansatz der Führung durch die öffentliche Hand beschrieben worden, zu dem eine lange Liste aus Initiativen gegen Umwelt- und Armutsprobleme gehöre, in der Gesundheit jedoch fehle. Politiksteuerung für Gesundheit sei eine Koproduktion der Gemeinschaften, Bürger und Patienten zur Unterstützung von Gesundheit, Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, die nicht weiter getrennt betrachtet werden dürften.

Diese Koproduktion bedeute auch einen anderen Ansatz für die Gestaltung und Erbringung der Dienste. Man benötige ein patientenzentriertes System, in dem Menschen, Patienten, Bürger mitreden und durch die Revolution der Informationstechnologie auch mitreden könnten. Der Gedanke, dass Gesundheit dort entstehe, wo die Menschen leben, lieben, arbeiten und spielen, sei gerade für chronisch erkrankte Menschen höchst relevant. Diese wollten nicht nur im Rahmen von Gesundheitseinrichtungen versorgt werden. Die Forschung zeige zudem, dass eine derartige Koproduktion zugleich Kosten senke und Qualität wie Resultat verbessere.

Programm für den 4. Dezember 2013

  • Nationale Handlungskonzepte zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten
  • Vortrag über verstärkte Maßnahmen gegen nichtübertragbare Krankheiten in Turkmenistan durch den turkmenischen Minister für Gesundheitswesen und pharmazeutische Industrie, Dr. Amannepesov.
  • Vorlage des Leitfadens für die Länderbewertung hinsichtlich der Herausforderungen und Chancen für die Gesundheitssysteme in Bezug auf bessere Ergebnisse im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten
  • Präsentation der Erklärung von Aschgabat