Erster Tag der Konferenz zum Thema Lebensverlaufansatz: Synergieeffekte zwischen Gesundheit 2020 und den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung

WHO/Evgenyi Krech

Am ersten Tag der Konferenz erkannten Delegierte aus allen Teilen der Europäischen Region der WHO an, dass die Bedeutung eines optimalen Starts ins Leben für Kinder wissenschaftlich erwiesen sei und ihren Niederschlag in politischen Handlungskonzepten finden müsse. Sie sprachen auch von der einzigartigen Chance, die sich aufgrund der vor kurzem vereinbarten Ziele für eine nachhaltige Entwicklung sowie des Rahmenkonzepts „Gesundheit 2020" für die Verfolgung eines Lebensverlaufansatzes in Bezug auf Gesundheit ergebe.

Eröffnungsansprache des belarussischen Staatspräsidenten Alexandr Lukaschenko

Präsident Lukaschenko hieß die Delegierten in Belarus willkommen und rief zu einem offenen und transparenten Erfahrungsaustausch während der Konferenz auf, der der Gesundheit künftiger Generationen dienen solle. Er schilderte eine Vielzahl von neueren Entwicklungen im Gesundheitswesen seines Landes und nannte konkret die Ausbildung des Gesundheitspersonals, die Tabak- und Alkoholpolitik, die Bewegungsförderung, die Verbesserung der Gesundheitsinfrastruktur und der Ausstattung mit Geräten und Medikamenten sowie die Stärkung medizinischer Forschungszentren und des wissenschaftlichen und pädagogischen Erfahrungsaustauschs.

Präsident Lukaschenko bezeichnete die Erklärung von Minsk, das geplante Abschlussdokument der Konferenz, als ein sehr wichtiges Instrument für die Gesundheitspolitik.

Eröffnungsansprache von Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa

Dr. Jakab begrüßte die über 160 Delegierten, darunter Minister und andere hochrangige Vertreter der Länder und der Partnerorganisationen, die sich in Minsk zu der Europäischen Ministerkonferenz der WHO zum Lebensverlaufansatz im Kontext von Gesundheit 2020 versammelt hatten.

Sie erläuterte die Zusammenhänge, die zwischen dem Lebensverlaufansatz – und konkret den entwicklungsbedingten Ursprüngen von Gesundheit und Krankheit und den Handlungskonzepten für Gesundheit in den Übergangsphasen des Lebens, in allen Altersgruppen und über Generationen hinweg – und den in „Gesundheit 2020" enthaltenen strategischen Stoßrichtungen für die Verbesserung gesundheitlicher Resultate und den Abbau gesundheitlicher Ungleichgewichte sowie den vor kurzem angenommenen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung bestünden.

„Die Verwirklichung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 ist von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit und die gesundheitliche Chancengleichheit, zumal ein Großteil der insgesamt 17 Ziele soziale, ökonomische oder umweltbezogene Determinanten von Gesundheit betrifft. ... Wir werden diesem Anspruch nicht gerecht, wenn wir nicht eine wahrhaft lebenslange Perspektive anwenden, die ja das zentrale Thema dieser Konferenz ist."

Zu den Interventionen, die eine Kumulation von gesundheitlichen Vorteilen und einen Abbau von Ungleichheiten im Laufe des Lebens begünstigen, gehören die Förderung ausschließlichen Stillens während der ersten sechs Lebensmonate, Programme zur Förderung von Gesundheits- und Elternkompetenz, Programme für mehr Sicherheit an Schulen, Maßnahmen zur Eindämmung des Tabak- und Alkoholkonsums und eine aktive Arbeitsmarktpolitik.

Dr. Jakab rief zu einer Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen von Politik und Gesellschaft sowie mit gestärkten Gesundheitssystemen auf, in denen die Menschen befähigt würden, selbst Entscheidungen in Bezug auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu treffen, um im gesamten Lebensverlauf und für kommende Generationen Gesundheit zu gewährleisten.

Die Erklärung von Andorra: Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention im gesamten Lebensverlauf

Die andorranische Ministerin für Gesundheit, Soziales und Beschäftigung, Rosa Ferrer, verlas eine Erklärung im Namen der Mitgliedstaaten der Initiative kleiner Länder der WHO. In der Erklärung kommt zum Ausdruck, dass Investitionen in Programme zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention in frühen Lebensphasen hohe Renditen in Bezug auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und auf Chancengleichheit erbringen. Ferner wird darin die Entschlossenheit der kleinen Länder der Europäischen Region der WHO zur Förderung vorbildlicher Praktiken für den Lebensverlaufansatz unterstrichen.

Gemeinsame Erklärung des Südosteuropäischen Gesundheitsnetzwerks

In einer Erklärung im Namen der neun Mitgliedstaaten des Südosteuropäischen Gesundheitsnetzwerks wurde erläutert, wie das Netzwerk für die Bürger während ihres gesamten Lebens einen besseren Zugang zu den öffentlichen Gesundheitsdiensten und zur Gesundheitsversorgung anstrebt. Dies geschieht durch seine Zentren für regionale Gesundheitskooperation in Bereichen wie der Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten, der Überwachung übertragbarer Krankheiten, der psychischen Gesundheit und des Gesundheitspersonals sowie die Führungsrolle des Netzwerks in Bezug auf den gesundheitspolitischen Teil der Wachstumsstrategie „Südosteuropa 2020", die eine aktive Förderung der Zusammenarbeit mit anderen Politikbereichen wie der Landwirtschafts- und Umweltpolitik einschließt.

Lebensverlaufansatz in der Gesundheitsförderung

Cyrus Cooper, Professor für Rheumatologie und Leiter der MRC Lifecourse Epidemiology Unit an der Universität Southampton und Inhaber eines Lehrstuhls für Epidemiologie an der Universität Oxford, erläuterte den Lebensverlaufansatz anhand von zwei Beispielen aus der Praxis: den Einflussfaktoren für das Altern des Muskel-Skelett-Apparats und für Adipositas im Kindesalter.

Er schilderte mehrere Untersuchungen zu den Faktoren, die die Gefahr osteoporotischer Frakturen im späteren Leben beeinflussen, und erklärte, wie sich ein niedriges Gewicht bei der Geburt und im Säuglingsalter auf die Wachstumskurve in der Kindheit und das spätere Risiko von Hüftfrakturen auswirkt. Ebenso ist die Ernährung der Mutter (Vitamin-D-Mangel) mit einem verzögerten Wachstum im Mutterleib und einem geringeren Wachstum der Knochenmineralien assoziiert.

Mit Blick auf den dramatischen Anstieg der Adipositas im Kindesalter hob Prof. Cooper bestimmte mit der Mutter verbundene Einflussfaktoren während des ersten Lebensmonats hervor, die sich stark auf das Risiko von Übergewicht bzw. Adipositas im späteren Kindesalter auswirken. Zu diesen Faktoren zählen der Body-Mass-Index der Mutter (über 25 kg/m2), eine übermäßige Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, Vitamin-D-Mangel, Rauchen im Spätstadium der Schwangerschaft und eine Stillzeit von unter einem Monat.

Länder-Fallstudie Belarus

Vasily Zharko, der Gesundheitsminister von Belarus, erläuterte das Gesundheitssystem des Landes und erklärte, die Regierung sehe den Schutz und die Förderung von Gesundheit als vorrangige Aufgabe. So würden 5,7% des BIP für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Der Minister bezeichnete die Schwerpunktlegung auf die Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit als eine der größten sozialen Errungenschaften seines Landes und erläuterte, wie insgesamt 47 spezielle Zentren für die gesundheitlichen Belange und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zuständig sind. Er schilderte auch die Arbeit von 17 wissenschaftlichen Zentren bei der Sammlung gesundheitlicher Erkenntnisse und beim Austausch bewährter Praktiken. Belarus arbeite an der Bekämpfung der Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten, namentlich Bewegungsmangel, Rauchen und Alkoholkonsum. 

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung und der Lebensverlaufansatz

Der Leitende Berater für Gesundheitsschutz bei der Staatlichen Gesundheitsbehörde Schwedens, Bosse Pettersson, bezeichnete die Annahme der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung als eine willkommene Gelegenheit, um weltweit Anstrengungen für ressortübergreifende Maßnahmen zu den Determinanten von Gesundheit anzustoßen. Da für die Erfüllung der Ziele eine Vielzahl von Politikbereichen zuständig seien, ergebe sich hier ein neuer Ansatzpunkt für die Förderung von Gesundheit in allen Politikbereichen und für das Vorantreiben eines Lebensverlaufansatzes, doch seien dazu politischer Wille und ein entsprechendes Handeln erforderlich. „Wir wünschen uns ein Leben wie die Flamme einer Kerze – ein starkes Leuchten bis kurz vor dem Ende", sagte er.

Ein guter Start trägt ein Leben lang Früchte

Philippe Grandjean, Professor an der Universität Süd-Dänemark und an der Universität Harvard, sprach von der Wirkung der Exposition gegenüber Chemikalien auf die Entwicklung des Gehirns in frühen Lebensphasen und auf Krankheit im späteren Leben. Er erklärte, dass Föten und Kinder, die Risiken wie Alkoholkonsum, Chemikalien oder Blei- oder Quecksilberbelastung ausgesetzt sind, dadurch erheblich größere Schäden erlitten als Erwachsene und dass diese Schäden oft irreversibel seien. Professor Grandjean hob hervor, dass alle Interventionen auf jene Bereiche abzielen müssten, in denen sie die größte Wirkung erzielen, etwa wenn Schwangeren geraten werde, den Verzehr von Lebensmitteln mit hohen Schwermetallgehalten zu vermeiden.

„Wir glauben, dass wir intelligente Menschen bekommen, wenn wir nur genug in Bildung investieren, doch die Gehirne müssen auch dafür bereit sein. Deshalb müssen wir den Verlust von Intelligenz frühzeitig bekämpfen und optimale Voraussetzungen für die Entwicklung der Gehirne schaffen." Er rief zu frühzeitigen Maßnahmen auf, um Kindern einen bestmöglichen Start zu erleichtern, und nicht zu warten, bis sich im späteren Leben Krankheitssymptome einstellten.

Ministerpodium: Langfristige Investitionen in die Gesundheit von Frauen und die nächste Generation

Die Gesundheitsminister Kasachstans, Litauens, der Russischen Föderation, San Marinos, Sloweniens und Ungarns erläuterten die Interventionen und Maßnahmen ihrer Länder zur Investition in die Gesundheit von Frauen und Säuglingen und in den Lebensverlaufansatz.

Erklärung von Minsk

Dmitry Pinevich, Stellvertretender Gesundheitsminister von Belarus, erklärte, die Ausarbeitung der Erklärung von Minsk sei unter der Federführung eines wissenschaftlichen Beratungsausschusses erfolgt. Dabei seien im Zuge einer offenen Konsultation inhaltliche Beiträge der Mitgliedstaaten und der maßgeblichen Partnerorganisationen berücksichtigt worden. Anschließend äußerten sich Vertreter der Mitgliedstaaten zu dem Prozess der Ausarbeitung wie auch zum Inhalt der Erklärung.

Zweijährige Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet

In voneinander getrennten bilateralen Tagungen am 21. Oktober 2015 unterzeichneten die Gesundheitsminister von Armenien und Belarus je eine bilaterale zweijährige Kooperationsvereinbarung mit dem Regionalbüro, in denen sie ihre jeweiligen Prioritäten für die gemeinsame Arbeit im Zeitraum 2016–2017 festlegten.

Pressekonferenz in Minsk

Am 20. Oktober 2015 informierten Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, Vasily Zharko, Gesundheitsminister von Belarus, und Gauden Galea, Leiter der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung im gesamten Lebensverlauf, Vertreter der nationalen Medien über die Bedeutung eines Lebensverlaufansatzes für Gesundheit. Dabei wies Dr. Jakab auf Erfolge von Belarus bei der Umsetzung politischer Handlungskonzepte in den Übergangsphasen des Lebens sowie in allen Altersgruppen und über Generationen hinweg hin und nannte als konkrete Beispiele die erhebliche Senkung der Müttersterblichkeitsrate und die hohen Impfraten bei Kindern.

Themen auf der Tagesordnung des zweiten Tages:

  • Kindheit und Jugendalter – Optimierung von Wachstum und Entwicklung
  • Das mittlere Lebensalter (40 bis 60 Jahre) – Erhaltung eines Optimums an Gesundheit und Wohlbefinden
  • Ökonomie und Gesundheit im gesamten Lebensverlauf