Zweiter Tag der Konferenz zum Lebensverlaufansatz: Unterzeichnung der Erklärung von Minsk

WHO

Bei den Beratungen während des zweiten Tages wurden die verschiedenen Lebensabschnitte erörtert, zunächst die frühe Kindheit und das Jugendalter, eine Phase der Optimierung von Wachstum und Entwicklung, daraufhin das mittlere Lebensalter mit punktuellen Interventionen zur Aufrechterhaltung eines Maximums an Gesundheit und schließlich die Folgen des Lebensverlaufansatzes für die Politikgestaltung. Die Konferenz endete mit der Unterzeichnung der Erklärung von Minsk.

Negative Kindheitserfahrungen und der weitere Lebensverlauf 

Professor Mark Bellis, Ansprechperson der WHO im Vereinigten Königreich für Gewalt- und Verletzungsprävention, schilderte die nachteiligen Auswirkungen negativer Kindheitserfahrungen und ihre Langzeitfolgen. Zu diesen Erfahrungen zählen sowohl körperlicher als auch sexueller Missbrauch, die bei längerer Dauer kumulative Wirkung haben. So betrifft körperlicher Missbrauch nach Aussage von Professor Bellis 18,6% der Kinder im Alter von bis zu 18 Jahren in mehreren Ländern der Europäischen Region.

Kinder, die vier Arten negativer Erfahrungen erlitten, seien dreimal häufiger Raucher und 10 Mal häufiger Problemtrinker und hätten mit 49 Mal höherer Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch unternommen. Die Folgen können ein Leben lang anhalten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Wirkung aller negativen Kindheitserfahrungen wird durch unzureichend kontrollierten Alkoholkonsum verstärkt.

Dennoch, so erläuterte Professor Bellis, gebe es potenziell wirksame Interventionen wie Elternprogramme, vorschulische Förderprogramme für Kinder und Früherkennungsprogramme zur Ermittlung von Kindern, die einem Misshandlungsrisiko ausgesetzt sind. Ferner gehe aus Forschungsarbeiten hervor, dass einige Kinder aufgrund bestimmter Faktoren widerstandsfähiger sind, etwa wenn eine stabile und fürsorgliche Beziehung zwischen dem Kind und einem oder mehreren Erwachsenen besteht. Professor Bellis schloss mit der Feststellung, dass es durch frühzeitigere Investitionen gelingen könne, „starke Kinder zu schaffen, statt gebrochene Erwachsene zu reparieren".

Bewältigung von Entwicklungsschwierigkeiten

Ilgi Ertem, Professorin für Pädiatrie an der Universität Ankara, wies darauf hin, dass es bei jedem sechsten Kind zu Entwicklungsschwierigkeiten komme und dass diese Tendenz steige. Nach ihrer Auffassung sind Fortschritte in dieser Hinsicht vor allem auf zweifache Weise möglich: indem die Pädiatrie gestärkt wird, um gefährdete Kinder zu erkennen und zu bestimmen, was wann und wie getan werden kann, und indem neue standardisierte Instrumente zur Ermittlung von Entwicklungsschwierigkeiten entwickelt werden.

Jugend: Den Heranwachsenden Flügel fürs Leben verleihen

Wer sind die Jugendlichen von heute? Nina Ferencic, Leitende Beraterin für HIV/Aids sowie Gesundheitsentwicklung und -schutz junger Menschen beim UNICEF-Regionalbüro für die Länder Osteuropas und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, zeichnete ein lebhaftes Bild der Heranwachsenden der heutigen Zeit, der Generation von 1,6 Milliarden Menschen in aller Welt, die um 2000 geboren wurden. Diese Generation wächst in einer Informationsgesellschaft heran, ist vernetzt und kann leicht auf Wissen und Technologie zum Nutzen der Gemeinschaft und der Zusammenarbeit zugreifen.

Dr. Ferencic erläuterte, dass Menschen im Jugendalter von Emotionen und Impulsen getrieben seien und dem Gruppenzwang unterlägen und sich ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle in dieser Phase noch nicht vollständig herausgebildet habe. Heranwachsende seien daher anfällig für riskante Verhaltensweisen wie Rauchen und Alkoholexzesse. Sie merkte an, dass die Konzepte, Programme und Interventionen zum Schutz Heranwachsender vor diesen Risiken häufig nicht griffen, da sie die Frage der Kontrolle aus einer Perspektive angingen, die Jugendliche verprellt und ihnen schadet.

Vielmehr komme es darauf an, einen Kreislauf der Solidarität zu schaffen, Widerstandsfähigkeit aufzubauen und hohe Erwartungen an Jugendliche zu stellen, so Dr. Ferencic. Wir müssen Eltern, Lehrer und Fachkräfte im Gesundheits- und Sozialbereich in die Lage versetzen, das Gespräch mit Jugendlichen zu suchen und dabei ihre Stärken anzuerkennen. Letztlich müssen die Konzepte den Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen, als Träger des Wandels in ihrem eigenen Leben und als nächste Generation von Eltern tätig zu werden. 

Aktuelle Trends und Präventionsstrategien für Jugendliche in Estland

Tiia Pertel vom Staatlichen Institut für Gesundheitsentwicklung in Estland sprach über die Präventionsstrategien, die in dem Land zur Bekämpfung des Tabak, Alkohol- und Drogenkonsums bei Jugendlichen verfolgt werden. Sie erkannte an, dass die lokalen Behörden großen Einfluss auf die Freizeitgestaltung Jugendlicher hätten, und unterstrich die entscheidende Rolle der Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld, darunter Eltern, Jugendarbeiter, Polizei und Schulen.

Ministerpodium

Die Minister Lettlands, der Republik Moldau und Tadschikistans beschrieben anhand von Beispielen die Anwendung des Lebensverlaufansatzes in ihrem Land.

Vorzeitiger Tod in Europa im 21. Jahrhundert

Zu Beginn der zweiten Sitzung des Tages, die dem mittleren Lebensalter (40 bis 60 Jahre) gewidmet war, analysierte Gauden Galea, Leiter der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung im gesamten Lebensverlauf, die Folgen der Entwicklung der Frühsterblichkeit in der gesamten Europäischen Region in den vergangenen zehn Jahren sowie ihre Ursachen.

Dr. Galea erläuterte, dass die Frühsterblichkeit (bei Menschen im Alter von bis zu 64 Jahren) in den letzten Jahren zwar regionsweit zurückgegangen sei, ohne dass sich jedoch die Kluft zwischen den Ländern mit der höchsten Frühsterblichkeit, nämlich in Osteuropa und Zentralasien, und den Ländern mit den niedrigsten Raten, vor allem in Westeuropa, verringert habe. Dr. Galea zufolge deutet die Evidenz darauf hin, dass Interventionen gegen die Frühsterblichkeit vorrangig bei erwerbsfähigen Männern in Osteuropa und Zentralasien ansetzen sollten, die infolge von alkohol- und tabakbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Verletzungen vorzeitig sterben.

Deutschlands Präventionsgesetz

Marcus Dräger vom Bundesministerium für Gesundheit Deutschland schilderte die zentralen Aspekte des neuen deutschen Präventionsgesetzes, die für Menschen im Alter von 40 bis 60 Jahren relevant sind, unter anderem die Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz, eine neue nationale Präventionsstrategie und Früherkennungsuntersuchungen.

Schwerpunkt auf psychischer Gesundheit im gesamten Lebensverlauf

Zu Beginn ihrer Präsentation erklärte Dr. Ann Hoskins, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Gesundheit und Wohlbefinden bei Public Health England, dass psychische Erkrankungen ein Problem im gesamten Lebensverlauf darstellten, und beschrieb die im Vereinigten Königreich durchgeführten Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit in verschiedenen Lebensabschnitten.

Zu diesen Interventionen zählten unter anderem die Erhöhung der Zahl der Pflegekräfte und ihre Schulung im Hinblick auf die Erkennung von Fällen nachgeburtlicher psychischer Störungen und Einleitung entsprechender Maßnahmen; die Förderung einer von positiver psychischer Gesundheit geprägten Kultur und Grundhaltung in den Schulen; die Förderung des Wohlbefindens am Arbeitsplatz und der Kampf gegen soziale Isolierung und Einsamkeit im höheren Alter, etwa durch gemeindenahe Beförderungsmittel, die Zusammenarbeit mit Alzheimer-Gesellschaften und bei Interaktionen zwischen älteren Menschen und der Feuerwehr die sinnvolle Nutzung jedes Kontakts zur Stärkung der Gesundheitskompetenz im Sinne des Konzepts „Making Every Contact Count".

Ministerpodium

Die Minister Georgiens und Turkmenistans schilderten an Beispielen die Interventionen ihrer Länder zur Erhaltung eines Optimums an Gesundheit und Wohlbefinden bei Menschen im Alter von 40 bis 60 Jahren.

Grundlegende Veränderungen für Gesundheit und Wohlbefinden in komplexen Gesellschaften

Auf der dritten Sitzung des Tages stellte Sir Harry Burns, Professor für globale Gesundheitspolitik an der University of Strathclyde, die Arbeit vor, die er in Schottland zur Förderung des Wohlbefindens durch komplexe Systemveränderungen leistet. Er beschrieb den Anstieg der Lebenserwartung in Schottland, der im Vergleich zu den übrigen Ländern der Europäischen Region langsam ausfalle und nicht mit den gängigen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und ungesunde Ernährung erklärt werden könne. Vielmehr entstehe unter jungen Menschen in den ersten, ungeordneten Jahren des Jugendalters, die unter anderem durch Fernbleiben vom Unterricht und später durch Arbeitslosigkeit und Armut gekennzeichnet seien, in der Regel ein Kreislauf der Entfremdung, der zu übermäßigem Drogen- und Alkoholkonsum und zu einer Zunahme von Gewalthandlungen und Suiziden führe. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, seien kleiner angelegte Interventionen durchgeführt worden, die allgemein dazu dienten, in Schottland optimale Bedingungen für das Heranwachsen zu schaffen.

Der schottische Ansatz sehe vor, bei großen Gruppen von Praktikern einen Denkprozess anzustoßen, die daraus abgeleiteten Ideen in der Realität zu erproben, Daten zu erheben und die Maßnahmen, die Wirkung zeigen, großflächig auszuweiten. So seien Kindergartenkinder dazu befragt worden, ob ihnen jemand vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorlese, und die Ergebnisse seien grafisch erfasst worden. Allein dadurch, dass Kindern diese Frage gestellt wurde, in Kombination mit der Sensibilisierung der Eltern bei gesellschaftlichen Veranstaltungen über die Bedeutung des Lesens, habe sich der Anteil der Kinder, denen vorgelesen wurde, von 20% auf 82% erhöht.

In seinen Schlussbemerkungen unterstrich Professor Burns, dass konventionelle kausale Denkansätze keine Veränderung komplexer Systeme bewirken könnten und dass ein Lebensverlaufansatz für das Wohlbefinden neue Methoden erfordere.

Ein Lebensverlaufansatz für die Gemeinschaften

Nach Auffassung von David Stuckler, Professor für politische Ökonomie und Soziologie an der Universität Oxford, sollten wir nicht nur den gesamten Lebensverlauf des Einzelnen, sondern auch den der Gemeinschaft betrachten.

Genauso wie der Einzelne durchlaufe auch die Gemeinschaft kritische Phasen. Ihre Bewährungsprobe bestehe darin, wie sie diese Herausforderungen bewältigt. So hätten junge Menschen, die in einer im Verfall begriffenen Gemeinschaft aufwachsen, kaum Anreize, langfristige Ziele aufzustellen, in ihre eigene Bildung zu investieren und einen übermäßigen Tabak- oder Alkoholkonsum zu vermeiden. Am Beispiel von Rauchern, die bei einer hoffnungsvollen Zukunftsperspektive das Rauchen mit weitaus größerem Erfolg einstellen, wies Professor Stuckler auf die Notwendigkeit hin, den Menschen eine optimistische Sicht auf eine bessere Zukunft zu vermitteln. Dadurch könne eine langfristige Kultur der Gesundheitsförderung geschaffen werden.

Überwindung der Kluft in der Gesundheitskompetenz

Kristine Sorensen, Dozentin an der Universität Maastricht, nannte als wichtigste Faktoren für Gesundheitskompetenz das Verständnis, die Bewertung und die Anwendung von Gesundheitsinformationen. Die Gesundheitskompetenz verändere sich während des Lebensverlaufs (z. B. wenn Nachwuchs zur Welt kommt oder ein Verwandter krank wird) und werde durch situationsbezogene, soziale und ökologische Determinanten beeinflusst. Sie forderte umfassendere Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz, die Patienten in die Lage versetzen, selbst als aktive Förderer ihrer Gesundheit aufzutreten und dabei Gesundheitsfachkräfte als Wissensvermittler heranzuziehen.

Unterzeichnung der Erklärung von Minsk

Die auf der Konferenz vertretenen Mitgliedstaaten, angefangen mit Belarus, verlasen jeweils einen Abschnitt der Erklärung. Anschließend wurde sie von Vasily Zharko, dem Gesundheitsminister von Belarus, im Namen aller Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO, und Zsuzsanna Jakab, der WHO-Regionaldirektorin für Europa, unterzeichnet.

Abschluss

Zsuzsanna Jakab dankte der Regierung von Belarus sowie allen Teilnehmern und Partnern für ihre Beiträge zur Konferenz. Abschließend ging sie auf die Chance ein, die sich in Anbetracht der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung für eine engere bereichsübergreifende Zusammenarbeit biete. Sie erklärte, dass der Lebensverlaufansatz nicht nur eine der wichtigsten Prioritäten von Gesundheit 2020 sei, sondern nun auch eine Strategie für das Regionalbüro für Europa darstelle.

Unterzeichnung einer zweijährigen Kooperationsvereinbarung (BCA)

Bei einer bilateralen Tagung am 22. Oktober 2015 unterzeichneten das Ministerium für Gesundheitswesen und pharmazeutische Industrie Turkmenistans und das Regionalbüro eine zweijährige Kooperationsvereinbarung, in der sie ihre jeweiligen Prioritäten für die gemeinsame Arbeit im Zeitraum 2016–2017 festlegten.