„Wir dürfen nicht wegsehen“: Das Wichtigste von Tag 1 der Hochrangigen Tagung über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten

WHO

Beatrice Lorenzin, Minister of Health of Italy opened the high-level meeting on refugee and migrant health.

Bei der Eröffnung der Tagung verlas die italienische Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin eine kurze Erklärung Seiner Heiligkeit Papst Franziskus, in der die Teilnehmer der Konferenz willkommen geheißen und dazu aufgerufen wurden, die Diskussionen in einem Geiste der Weisheit, der Stärke und des Friedens zu führen.

In ihrer anschließenden Ansprache würdigte die Ministerin den „unglaublichen Sinn für Humanität" unter den Mitarbeitern des Gesundheitswesens in Italien, die sich der Herausforderung der gesundheitlichen Versorgung der ständig wachsenden Zahl von Flüchtlingen und Migranten an den italienischen Grenzen gestellt hätten. Unter Hinweis auf die derzeit großen Spannungen innerhalb Europas hob sie hervor, dass die Europäische Region ihre Wertvorstellungen von Solidarität nicht aufgeben dürfe, und rief die Länder dazu auf, gemeinsam Führungskompetenz zu demonstrieren und all jenen, die auf der Suche nach mehr Sicherheit seien, Zuflucht und Gesundheitsversorgung zu bieten. „Wir dürfen nicht wegsehen", erklärte sie.

Gesundheitsschutzbezogene Aspekte der Migration: Einführung in die Thematik

Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, dankte der italienischen Regierung für die Ausrichtung der Tagung, mit der einem im September auf der 65. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa geäußerten Wunsch der Minister entsprochen worden sei. Dr. Jakab erklärte, zwar sei die Migration kein neues Phänomen, doch sei das Ausmaß der Migrationsströme neu. Migration und die Alterung der Bevölkerung seien die beiden demografischen Einflussfaktoren, die im 21. Jahrhundert die gesundheitlichen Herausforderungen in der Europäischen Region prägen würden. Sie stellte ferner klar, dass sich die Tagung mit den gesundheitlichen Aspekten der Migration befassen werde – und nicht mit deren politischen oder sicherheitsbezogenen Aspekten.

Dr. Jakab wies auf die internationalen Handlungsrahmen hin, die Konzepten für die Gesundheit von Migranten zugrunde lägen, und nannte konkret Nr. 10 der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG 10), in dem Konzepte für eine sichere und verantwortungsvolle Migration gefordert werden, aber auch das auf Gesundheit bezogene SDG 3, die Resolution WHA61.17 der Weltgesundheitsversammlung über die Gesundheit von Migranten sowie mit Blick auf die Europäische Region das Rahmenkonzept „Gesundheit 2020".

Die WHO arbeite durch das Projekt über gesundheitsschutzbezogene Aspekte der Migration in der Europäischen Region (PHAME) seit 2012 mit den Ländern zusammen, die durch einen großen Zustrom von Flüchtlingen und Migranten betroffen sind. Das Projekt habe Erkenntnisse darüber gebracht, was zur Stärkung der Gesundheitssysteme notwendig ist. Nun gelte es, die Zusammenarbeit zwischen Ländern, Politikbereichen, Schwesterorganisationen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union auszubauen.

Die Zielsetzung der Hochrangigen Konferenz bestehe darin, mit der Ausarbeitung eines langfristigen Handlungsrahmens zugunsten der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten zu beginnen, der auf der Tagung des Regionalkomitees im September 2016 erörtert und angenommen werden könne.

In ihren Schlussbemerkungen sagte Dr. Jakab: „Als Verantwortliche für die öffentliche Gesundheit in der Europäischen Region müssen wir alles in unseren Kräften Stehende tun, um auf die Bedürfnisse der fliehenden Menschen zu reagieren, und sicherstellen, dass sie kurz- wie längerfristig versorgt werden und dass unsere Gesundheitssysteme in der Lage sind, diese zusätzlichen Anforderungen auf wirksame und humane Weise zu bewältigen, ohne dabei die umfassende Versorgung der örtlichen Bevölkerung zu vernachlässigen. Wir haben die Werkzeuge und das Fachwissen, das wir für einen Erfolg brauchen."

Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis der gesundheitsschutzbezogenen Aspekte großer Migrationsströme 

Der zuständige Koordinator für das Projekt PHAME beim WHO-Regionalbüro für Europa, Dr. Santino Severoni, schilderte das sich verändernde Wesen der Migration in die Europäische Region und erläuterte die Schwerpunktbereiche des Projektes. 2015 hätten bereits über 820 000 Flüchtlinge und Migranten das Mittelmeer überquert. Die Zahl der Familien mit kleinen Kindern, Schwangeren und älteren Menschen nehme ständig zu, wodurch sich die gesundheitlichen Anforderungen veränderten. Als Ziele des Projektes PHAME nannte er: Senkung der überhöhten Mortalität und Morbidität; Minimierung der negativen Folgen der Migration;
Vermeidung von Ungleichgewichten in Bezug auf den Gesundheitsstatus und den Zugang zur Gesundheitsversorgung; und Gewährleistung des Rechts von Flüchtlingen und Migranten auf Gesundheitsversorgung. 

Unterstützung der syrischen Flüchtlinge in der Türkei

Dr. Keskinkılıç, Vizepräsident des Instituts für öffentliche Gesundheit der Türkei, erläuterte den auf Chancengleichheit ausgerichteten Ansatz seines Landes in der Gesundheitsversorgung. Die Flüchtlinge aus der Arabischen Republik Syrien würden kostenlos gesundheitlich versorgt, ohne dass es zu einer Beeinträchtigung der Versorgung der ortsansässigen Bevölkerung komme. Die zu Beginn der Krise aufgetretenen Probleme, wie die Registrierung der Flüchtlinge und die große Zahl der Verletzungen und der Gesundheitsrisiken unter den in Lagern lebenden Menschen, würden in Angriff genommen, etwa durch ein verbessertes Registrierungsverfahren und große Nachhol-Impfkampagnen gegen Polio und Masern. Zu den gegenwärtigen Herausforderungen gehörten auch psychosoziale und psychische Gesundheitsprobleme, die Reaktion auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge in Bezug auf Bildung und Beschäftigung sowie die Überwindung kultureller und sprachlicher Barrieren. Dr. Keskinkılıç rief die internationale Staatengemeinschaft zu einem verstärkten Engagement auf und forderte eine bessere Vorbereitung der Gesellschaft auf die Aufnahme der Flüchtlinge. 

Reaktion Italiens auf die wachsenden Flüchtlingsströme 

Dr. Ranieri Guerra, Generaldirektor für Krankheitsprävention beim Gesundheitsministerium Italiens, schilderte die Reaktion seines Landes auf den Zustrom von Flüchtlingen und ging speziell auf die Such- und Rettungseinsätze auf See, die Triage bei Ankunft und die Eingliederung ins italienische Gesundheitssystem ein. Er hob die unterschiedliche Herkunft der in Italien ankommenden Migranten und Flüchtlinge hervor – zu denen inzwischen auch deutlich mehr Frauen und unbegleitete Kinder gehörten – und unterstrich, wie wichtig es sei, ihre Erwartungen zu verstehen. Er erklärte, Italien habe vor kurzem elektronische Gesundheitsakten in mehreren Sprachen eingeführt, die die Menschen auf ihrer Reise in das Zielland mitnehmen könnten.

Dr. Daniela Rodorigo, Generaldirektorin für Öffentlichkeitsarbeit, europäische und internationale Beziehungen beim italienischen Gesundheitsministerium, berichtete, dass im September eine Vereinbarung über eine zweite dreijährige Phase des Projektes PHAME, einer gemeinsamen Initiative des Regionalbüros und des Gesundheitsministeriums, unterzeichnet worden sei. 

Abschlussdokument der Tagung

Dr. Jakab umriss die Thematik der Konferenz und die Grundzüge ihres Abschlussdokuments, in dem die kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zur Erfüllung der gesundheitlichen Bedürfnisse in Verbindung mit der Migration und zur Sicherstellung der Handlungsfähigkeit des Gesundheitswesens festgelegt würden. Sie erklärte, die Länder müssten „migrantengerechte" Konzepte verfolgen und sich auf die zentralen Aspekte für die Stärkung der länderübergreifenden Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Region sowie mit den Herkunfts- und Durchgangsländern einigen. Das Ergebnis der Konferenz werde als Grundlage für einen langfristigen Handlungsrahmen dienen, der 2016 auf der Tagesordnung des Regionalkomitees stehen könne. 

Podiumsdiskussion über die gesundheitsschutzbezogenen Aspekte der Migration 

Die Podiumsteilnehmer berichteten von den Erfahrungen ihrer Länder und umrissen die Herausforderungen durch übertragbare wie nichtübertragbare Krankheiten. Dabei wurden als wesentliche Themen genannt: Schwierigkeiten bei der Untersuchung von auf der Durchreise befindlichen Migranten; die Handhabung von Fällen von HIV/Aids, Hepatitis, Tuberkulose und Atemwegserkrankungen; sexuelle Gesundheit und Familienplanung; Zugang zu Impfmaßnahmen; psychosoziale Unterstützung; und die Bewältigung von chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Am Ende der Sitzung dankte Dr. Jakab Schweden dafür, dass es die Thematik der psychischen Gesundheit unbegleiteter Minderjähriger angesprochen habe, und bat die Delegierten, im weiteren Verlauf über ihre Erfahrungen in Bezug auf dieses Thema zu berichten.

Stärkung der Gesundheitssysteme in Bezug auf übertragbare Krankheiten, Bereitschaftsplanung und Surveillance

Dr. Nedret Emiroglu, Leiterin der Abteilung Übertragbare Krankheiten, Gesundheitssicherheit und Umwelt beim WHO-Regionalbüro für Europa, korrigierte einige falsche Auffassungen über Infektionskrankheiten bei Migranten. Zwar hob sie die Bedeutung von Vorsorge hervor, doch sei die Europäische Region auch gut dafür gerüstet, Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit zu erkennen und zu bewältigen; außerdem sei die Gefahr einer Übertragung impfpräventabler Krankheiten durch Migranten gering. Sie wies ferner darauf hin, dass Flüchtlinge anfälliger für lebensmittel- und wasserbedingte Erkrankungen seien als die ortsansässige Bevölkerung, dass im Winter mit einer Zunahme der Prävalenz von Influenza und Atemwegsinfektionen zu rechnen sei und dass die Aufrechterhaltung eines allgemeinen Zugangs zu Präventions-, Diagnose- und Behandlungsangeboten für Tuberkulose und HIV/Aids unverzichtbar sei.
Die Podiumsteilnehmer schilderten die Erfahrungen ihrer Länder und wiesen darauf hin, dass übertragbare Krankheiten am ehesten eine Gefahr für Menschen darstellten, die unter ungünstigen Wohnbedingungen leben, während die Gefahr für die jeweilige örtliche Bevölkerung sehr gering sei. Zahlreiche Teilnehmer forderten die Schaffung eines Mechanismus, durch den die Herkunfts-, Durchgangs- und Zielländer Erfahrungen und bewährte Praktiken miteinander austauschen und ihre Surveillance und ihr Meldewesen stärken könnten. Sie unterstrichen die Bedeutung einer wirksamen Öffentlichkeitsarbeit und einer Sensibilisierung für Gesundheitsfragen in der örtlichen Bevölkerung, unter den Flüchtlingen und in den Gesundheitsberufen. 

Stärkung der Gesundheitssysteme für die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten und für die Gesundheitsförderung

Dr. Gauden Galea, Leiter der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung im gesamten Lebensverlauf, erinnerte daran, dass zu den Zielvorgaben des globalen Aktionsplans gegen nichtübertragbare Krankheiten eine relative Senkung des Risikos vorzeitiger Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder chronischen Atemwegserkrankungen um 25% bis 2025 gehöre. Er erklärte, das Paket unentbehrlicher Interventionen gegen nichtübertragbare Krankheiten in der primären Gesundheitsversorgung bestehe aus evidenzbasierten Protokollen, einer Liste preisgünstiger Medikamente und Technologien, Instrumenten zur Selbstversorgung, vorrangigen Interventionen und Risikoprognosen und anderen Empfehlungen.

Die Podiumsteilnehmer schilderten Maßnahmen ihrer Länder zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten. Eine Delegierte aus den Niederlanden unterstrich die Bedeutung der psychischen Gesundheitsversorgung von Migranten sowohl für ihre Integration in die Gesellschaft des Aufnahmelandes als auch im Hinblick auf eine eventuelle Rückkehr in die Heimat. Sie erklärte, die meisten Flüchtlinge verfügten über ausreichend Widerstandskraft, um ihre belastenden Erfahrungen ohne Hilfe selbst zu bewältigen. Für die psychische Gesundheit von Kindern sei es das beste Mittel, sie einzuschulen und ihnen ein Lernen in sicherer Umgebung mit Gleichaltrigen sowie generell eine tägliche Routine zu ermöglichen.

Pressekonferenz

Im Anschluss hielten Dr. Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, und Beatrice Lorenzin, Gesundheitsministerin Italiens, eine Pressekonferenz ab.