Syrern dabei helfen, Depressionen zu besiegen

WHO/Laura Sheahen

A psychotherapist at a mental health centre near the Syrian border shows materials she adapts when working with Syrian refugees.

„Wir nennen Depression den schwarzen Schneeball“, sagt B. Hussain*, ein Psychologe in einem Zentrum für psychische Gesundheit in der südosttürkischen Stadt Gaziantep. Hussain betreut einige der nahezu drei Millionen syrischen Flüchtlinge, die seit Ausbruch der Krise in ihrem Land in die Türkei geflohen sind und dort Obdach erhalten haben.

Wie die meisten Flüchtlinge weltweit sind die in der Türkei lebenden Syrer einer enormen psychologischen Belastung ausgesetzt. Im jahrelangen Konflikt haben viele von ihnen Angehörige, ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage verloren und wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringen wird. Nachdem sie den Bomben oder dem Beschuss durch Heckenschützen entkommen sind, leiden sie nun unter Angstzuständen, posttraumatischer Belastungsstörung und anderen psychologischen Krankheiten.

Bei einigen Flüchtlingen staut sich das erlebte Leid jedoch auf, und der schwarze Schneeball wird größer. Das kann eine schwere Depression auslösen. Wer vor der Krise bereits für Depressionen prädisponiert war, ist noch stärker gefährdet.

„Isoliert und zurückgezogen“

Hussain beschreibt einen Syrer Anfang 30, der allein in die Türkei kam. „Er war bereits depressiv veranlagt“, so Hussain. „Und er hatte viele Freunde verloren – sie wurden in Syrien getötet. Hier hatte er keine Freunde, nichts. Er lebte völlig isoliert und zurückgezogen.”

Doch irgendwie fand er zum Zentrum für psychische Gesundheit, wo Hussain arbeitet. „Er sagte, ‚Sie haben fünf Sitzungen. Wenn das nichts bringt, nehme ich mir das Leben.‘“

Leidgeprüften Syrern helfen

Ergänzend zu ihrer eigenen Ausbildung und Erfahrung erhalten Hussain und andere Hilfe von der WHO. In der Türkei und in Nordsyrien unterstützt die WHO die im Bereich psychische Gesundheit tätigen Gruppen und Fachkräften durch Materialien, Ausbildung und auf andere Art.

„Zurzeit gibt es in Nordsyrien nur zwei Psychiater. Das reicht längst nicht aus“, sagt Dr. Fuad Almosa, ein Psychiater aus Gaziantep, der ebenso wie Hussain einer WHO-Arbeitsgruppe angehört, die sich mit der psychischen Gesundheit von Syrern befasst. „Wenn man also 37 ausgebildete Ärzte bereitstellt, ist das eine große Hilfe.“ Damit meint Almosa die 37 Ärzte in Nordsyrien, die im vergangenen Jahr im Rahmen des Aktionsprogramms der WHO zur Schließung von Lücken in der psychischen Gesundheitsversorgung (mhGAP) ausgebildet wurden. Das Programm dient der Erkennung und Behandlung psychischer Störungen, einschließlich Depression. Die so ausgebildeten Ärzte erhalten klinische Supervision und Nachbetreuung über das Internet.

Die WHO bietet im Rahmen des mhGAP Schulungen für syrische Ärzte an, die nun in der Türkei leben. In den Teilen der Türkei, die eine große Zahl syrischer Flüchtlinge aufgenommen haben, sorgt die WHO dafür, dass die speziell für die Flüchtlinge geschaffenen Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung jeweils über zwei Fachkräfte für psychische Gesundheit verfügen.

„Wenn Patienten mit psychologischen Problemen zu mir kommen, überweise ich sie in der Regel an einen Facharzt“, erklärt ein Hausarzt, der in der Nähe der Grenze zu Syrien arbeitet und im März 2017 eine Ausbildung über das mhGAP absolviert hat. „Aber ich weiß, dass die Menschen den Facharzt manchmal nicht aufsuchen können – sie können sich nicht einmal die Busfahrt leisten. Nach dieser Ausbildung habe ich beschlossen, ihnen nach Möglichkeit zu helfen.“

Die WHO bildet auch Gemeindemitglieder aus, die möglicherweise als erste gefordert sind, depressiven Syrern zu helfen. Gemeindegesundheitshelfer in den belagerten syrischen Gebieten haben eine Online-Ausbildung in Psychologischer Erster Hilfe erhalten – in einigen Fällen trotz Luftangriffen.

„Die Psychologische Erste Hilfe, die diese Helfer leisten, ist keine Therapie“, erläutert Almosa. „Sie erfahren jedoch, welche Angebote in der Nähe verfügbar sind, und leiten ihre Patienten an diese Dienste weiter.“

Almosa beaufsichtigt die psychische Gesundheitsversorgung in acht Kliniken im nördlichen Teil der Provinz Aleppo. Für ihn bestand „der wertvollste Aspekt der Ausbildung über das mhGAP darin, dass die psychische Gesundheit nicht allein medizinisch-klinisch angegangen wird. Wir betrachten den Patienten nicht nur als biologisches, sondern auch als soziales Wesen“, führt er aus. „Dadurch kann Stigmatisierung abgebaut werden.“

Die psychische Gesundheitsversorgung kulturell anpassen

Nach Feststellung von Almosa arbeiten psychosoziale Fachkräfte in Nordsyrien mit Konzepten, die in ihrer Kultur akzeptiert werden.

„Bestimmte Gesundheitskonzepte waren nicht annehmbar. Eines der Zentren für psychische Gesundheit etwa befand sich in der Nähe eines riesigen Gefängnisses. Dadurch wurde es stigmatisiert. Es ist besser, die Dienste zu den Menschen zu bringen“, sagt er. „Das sorgt für größere Bürgernähe. Es ist nicht so wie früher, als die psychische Gesundheitsversorgung isoliert war.“

Im Rahmen dieses Konzepts plant die WHO die Finanzierung eines Zentrums für psychische Gesundheit in der syrischen Stadt Sarmada in der Provinz Idlib sowie eine mobile Klinik für psychische Gesundheit, die „eine Versorgung in den entlegensten Dörfern anbieten wird“, so Dr. Manuel de Lara, Referent für öffentliche Gesundheit bei der WHO. Das Zentrum und die Klinik werden mit ausgebildeten Fachkräften aus der Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM) besetzt, einer Gruppe, der auch Hussain angehört und die ein Gesundheitspartner der WHO ist. „Es wird sich um ein Soforteinsatzteam für psychische Gesundheit handeln“, erläutert de Lara. „Akut erkrankte Patienten können unverzüglich ins Zentrum für psychische Gesundheit in Sarmada oder sogar in die Türkei gebracht werden.“

In Kilis, einer Stadt nahe der Grenze zu Syrien, beschäftigt eine Organisation, die Mitglied der Arbeitsgruppe der WHO ist, zehn Gemeindehelfer für psychische Gesundheit, die aufsuchende Kontaktarbeit betreiben. Die Teams beginnen häufig einfach mit „Guten Tag, wie geht es Ihnen?“

Pläne für die Zukunft

Die psychosozialen Arbeiter richten ihr Vorgehen auch an anderen Bedürfnissen aus. Mitunter zeigt Gruppentherapie Wirkung. Kinder brauchen eine maßgeschneiderte Therapie. In Gaziantep behandelt ein weiterer Psychologe der UOSSM mehrere depressive syrische Flüchtlinge mit kognitiver Verhaltenstherapie.

Trotz gewaltiger Hindernisse konnten die Mitglieder der Arbeitsgruppe der WHO Tausenden Menschen auf syrischem Staatsgebiet und Tausenden Flüchtlingen in der Türkei helfen. Der suizidgefährdete junge Mann, den Hussain behandelte, hat „wieder in sein normales Leben zurückgefunden: Er hat Pläne für die Zukunft, neue Freunde, eine neue Arbeit und eine Verlobte“, so Hussain.

Es bestehen jedoch weiter Herausforderungen, etwa die Frage, wie depressive Syrer, die in den Flüchtlingslagern in der Türkei leben, am besten versorgt werden können. Experten zufolge hatte der syrische Konflikt verheerende Auswirkungen, die lang anhalten werden. „Noch befinden sich die Syrer im Überlebens- und Verdrängungsmodus“, äußert Frau Hivin Kako von der Hilfsorganisation Bihar Relief. „Sobald der Konflikt beendet ist, werden wir eine ganze Heerschar psychologischer Experten benötigen.“

De Lara stimmt zu, dass für die Syrer, die so viel seelisches Leid erfahren haben, viel auf dem Spiel steht. „Wenn wir jetzt keine psychosoziale Versorgung bereitstellen“, warnt er, „werden wir keine Zukunft haben.“

*Der vollständige Name wird auf Wunsch nicht genannt.