Weltgesundheitstag: Wir müssen offen über Depressionen reden, um Bewusstsein und Verständnis zu schaffen und Stigmatisierung zu bekämpfen

Der Weltgesundheitstag 2017 rückt Depressionen ins Blickfeld und damit eine führende Ursache für Behinderungen und Mitverursacherin von rund 128 000 Selbsttötungen, die jährlich in der Europäischen Region der WHO stattfinden. Obwohl Depressionen weit verbreitet sind und alle zu irgendeinem Zeitpunkt direkt oder indirekt durch sie betroffen werden, wird die Krankheit immer noch zu wenig ernst genommen und behandelt und es ist nötig, einen gesellschaftlichen Dialog hierüber zu beginnen und jede Stigmatisierung aufgrund dieser stark einschränkenden Erkrankung zu bekämpfen.

„Obwohl Depressionen behandelt und vermieden werden könnten, erhalten mindestens 75% der unter schweren Depressionen leidenden Menschen keine angemessene Therapie,“ sagte WHO-Regionaldirektorin für Europa Dr. Zsuzsanna Jakab. „Allerdings reicht es nicht, die Leistungen auszuweiten, ebenso wichtig ist es, Bewusstsein und Verständnis zu schaffen und die Stigmatisierung zu bekämpfen.“

Lücken in diagnostischer und therapeutischer Versorgung

Rund 40 Millionen Menschen in der Europäischen Region leiden an depressiven Störungen, wobei die Prävalenz von Land zu Land gemäß kürzlich veröffentlichter Schätzungen der WHO zur globalen Gesundheitssituation für das Jahr 2015 zwischen 3,8% und 6,3% der Gesamtbevölkerung schwankt. Die Kampagne der WHO unter dem Motto „Depressionen: Lass uns drüber reden“ soll die Allgemeinheit über Folgen und Handhabung von Depressionen sowie Möglichkeit zur Unterstützung der Menschen mit Depressionen informieren.

„Man kann sich nicht durch Reden von einer Depression befreien, aber Reden über Depressionen ist ein erster wichtiger Schritt,“ sagte Dr. Jakab.

Dies war bei Annika* der Fall, einer finnischen Lehrerin, die über das Internet eine kognitive Verhaltens- bzw. Gesprächstherapie begann, um ihre Depressionen in den Griff zu bekommen. „Meine Gedanken waren per Reflex immer negativ und kritisch, so dass ich meinen inneren Monolog ändern musste,“ sagte Annika. „Mir wurde klar, dass ich immer mehr von mir selbst forderte, weil alles perfekt sein musste. Dabei kann ja nicht alles immer perfekt sein ... Du musst dein eigener bester Freund sein und dich auch so behandeln.“

Selbst wenn Angebote vorhanden sind, nutzen Menschen mit Depressionen diese oft nicht oder zögern eine Behandlung aus Angst vor Vorurteilen und Diskriminierung hinaus. Dies hat zusammen mit der Unterfinanzierung durch die öffentliche Hand zu Lücken in der diagnostischen und therapeutischen Versorgung geführt und dazu, dass drei Viertel aller Menschen mit schweren Depressionen nicht die erforderliche Hilfe erhalten.

Kosteneffektive Therapie

In einer unter der Regie der WHO durchgeführten Studie wurden die jährlichen weltweiten Kosten von Depressionen und Angststörungen neulich auf über 1 Billion US-$ geschätzt. „Nicht zu handeln wäre teuer, denn die wirtschaftlichen Kosten von Depressionen und anderen psychischen Störungen sind in erster Linie wegen der Fehlzeiten und der verringerten Produktivität enorm,“ sagte Dr. Dan Chisholm, Leiter des Programms für psychische Gesundheit am Regionalbüro.

Die Behandlung von Depressionen durch Gesprächstherapie oder Antidepressiva sowie eine Kombination beider Methoden ist kosteneffektiv und sogar kostensenkend: jeder hier investierte Euro zahlt sich vierfach durch bessere gesundheitliche Ergebnisse und Arbeitstüchtigkeit aus. Doch trotz kosteneffektiver Therapien sind die Ausgaben der öffentlichen Hand für psychosoziale Dienste extrem gering und machen laut „Mental Health Atlas 2011“ der WHO im Durchschnitt nur 3% der Gesundheitsbudgets aus, wobei der Anteil in Ländern mit niedrigem Volkseinkommen bei 1% und in Ländern mit hohem Volkseinkommen bei 5% rangiert.

Depressionen treten oft gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf und können zum Suizid führen
Wer an einer Depression erkrankt ist, unterliegt auch einem größeren Risiko Angststörungen sowie nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erleiden. Umgekehrt gilt das auch: Wer an diesen Krankheiten leidet, erkrankt auch häufiger an einer Depression. Schlimmstenfalls führen Depressionen zu Suizid, nach Straßenverkehrsunfällen der zweithäufigsten Todesursache in der Altersgruppe 15 bis 29 Jahre. In den Ländern niedrigen und mittleren Volkseinkommens der Europäischen Region sind die höchsten Suizidraten der Welt zu verzeichnen.

Bekämpfung von Depressionen knüpft an Ziele für nachhaltige Entwicklung an

Eine wirksamere Prävention und Therapie von Depressionen wird im Verein mit der Schaffung eines größeren Problembewusstseins die Arbeit der Länder für allgemeine Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Inklusion wesentlich bestimmen. Dies hilft den Ländern Zielvorgabe 3.4 der Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erfüllen, nämlich bis 2030 die Frühsterblichkeit aufgrund von nichtübertragbaren Krankheiten durch Prävention und Behandlung um ein Drittel zu senken und die psychische Gesundheit und das Wohlergehen zu fördern.

*Pseudonym