Rehabilitationsprogramm in Tadschikistan arbeitet auf eine allgemeine Gesundheitsversorgung hin

WHO/Satish Mishra

Die neunjährige Robia kommt ins Wohnzimmer, wo ihre Mutter sitzt. Sie setzt sich auf die Couch und zieht einen Stapel Fotos hervor. „Ich habe vier oder fünf wirklich enge Freundinnen“, erzählt sie und deutet auf einige von ihnen auf dem Foto, mit denen sie Arm in Arm zu sehen ist.

„2010 war Robia erst sechs Monate alt, als die Erkrankung ihre Beine lähmte. Niemand konnte ihre Krankheit identifizieren“, erinnert sich ihre Mutter Hosiat. Nach einem Monat im Krankenhaus wurde bei Robia eine Polio-Infektion diagnostiziert, die zu irreversibler Lähmung führen kann.

In den ersten drei Jahren ihres Lebens zeigte sich bei Robia keine Besserung: Sie konnte ihre Beine nicht bewegen, weder allein gehen noch stehen, und die Krankenhäuser in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, fanden keine Lösung. „Wir wurden in ein Rehabilitationszentrum geschickt, aber dort passierte nicht viel. Es war eine deprimierende Zeit für uns“, sagt Hosiat. Auf dem weiten Weg zum Krankenhaus mussten sie viermal umsteigen – eine schwierige Aufgabe für eine Mutter und ein kleines Mädchen im Rollstuhl.

Doch im Jahr 2013 verbesserte sich ihre Situation merklich. Das tadschikische Ministerium für Gesundheit und soziale Sicherheit führte mit Unterstützung der WHO ein Rehabilitationsprogramm für Menschen mit Behinderungen ein, um ein nationales Handlungskonzept sowie Rehabilitationssysteme und -angebote zu entwickeln. Im Jahr 2014 konnten mit dem Programm 85% der von Polio betroffenen Menschen in 30 Bezirken erreicht werden. Zudem wurden Menschen mit Behinderungen erreicht, die nicht in Zusammenhang mit Polio stehen.

Aufbau eines Gesundheitssystems, das Gesundheit für alle bietet

In den vergangenen fünf Jahren hat der Erfolg des Programms zur Einführung des Nationalen Programms zur Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen (2017–2020) geführt. Im Sinne der allgemeinen Gesundheitsversorgung sind sämtliche Leistungen für Menschen mit Behinderungen kostenlos. Seit 2017 haben bereits mehr als 170 000 Männer, Frauen und Kinder von diesem Programm profitiert.

Diese Art von Programmen trägt zum Aufbau eines Gesundheitssystems bei, das jedem zur Verfügung steht, auch Menschen mit Behinderungen wie Robia. Für das Mädchen bedeuten Rehabilitation und Hilfsmittel eine verbesserte Lebensqualität und bessere Zukunftsaussichten.

In den vergangenen fünf Jahren hat Robia Rehabilitationsleistungen beim Nationalen Rehabilitationszentrum für Kinder in Duschanbe erhalten. Sie lernt dort zu gehen, stärkt ihre Wirbelsäule und Beine und verbessert ihre Balance. Zudem hat sie Orthesen erhalten, die zur Stabilisierung ihres Rückens und ihrer Beine dienen. Diese geben ihr das Selbstvertrauen, auch auf den unbefestigten Schotterstraßen, auf denen sie jeden Tag unterwegs ist, zurecht zu kommen.

Mittlerweile läuft Robia den kurzen Weg zur Schule mit ihrer Nachbarin und ist sehr gut in der Schule, wie ihr Notenheft zeigt, das sehr gute Noten aufweist. Kurz gesagt: Ihr Alltag ist voller Aufgaben und Ereignisse, die einen gewöhnlichen Tag im Leben eines tadschikischen Mädchens ausmachen.

Robia geht weiterhin zweimal die Woche zum Nationalen Rehabilitationszentrum und hat dort viele Freunde gefunden. Wenn man sie fragt, ob sie sich dort oder in der Schule wohler fühlt, sagt sie: „Ich habe an beiden Orten viele Freunde, aber in der Schule bin ich beliebter, da ich eine gute Schülerin und eine gute Freundin bin.“

Auf die Frage, was sie mal werden will, wenn sie erwachsen ist, antwortet sie, ohne zu zögern: „Eine Therapeutin ... eine, die Kindern hilft.“ Sie sieht keinen Grund, warum das nicht möglich sein sollte. Ihr Blick trifft den ihrer Mutter, diese nickt zustimmend und sie lächeln sich an.

Weltgesundheitstag 2018 – Allgemeine Gesundheitsversorgung: überall und für alle

Zum Weltgesundheitstag am 7. April 2018 appelliert die WHO an führende Politiker in aller Welt, konkrete Maßnahmen zur Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung zu ergreifen. Deshalb muss sichergestellt werden, dass alle Menschen überall hochwertige Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen können, ohne in finanzielle Not zu geraten, wie in den Zielen für nachhaltige Entwicklung gefordert.

In der Europäischen Region der WHO schneiden zwar manche Länder bei der Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung gut ab, doch haben alle Länder in Bezug auf finanzielle Absicherung noch Nachholbedarf, insbesondere mit Blick auf einkommensschwache Gruppen. Am Weltgesundheitstag veröffentlicht das WHO-Regionalbüro für Europa Geschichten, die veranschaulichen, wie in den Ländern der Region Fortschritte hin zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung erzielt werden.