Investition und Innovation für die Verwirklichung inklusiver Gesundheitssysteme ist für den Wohlstand der Nationen von zentraler Bedeutung

„Investitionen in die Gesundheit sind Investitionen in die künftige menschliche Entwicklung, und gut funktionierende Gesundheitssysteme sind für die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit der Bevölkerung unverzichtbar.“ Diese Botschaft war Teil einer Rede der estnischen Präsidentin Kersti Kaljulaid zur Eröffnung der hochrangigen Tagung zum Thema „Gesundheitssysteme für Wohlstand und Solidarität: niemanden zurücklassen“, die am 13. und 14. Juni 2018 in Tallinn (Estland) stattfand.

Diese Ansichten der Präsidentin wurden während der Tagung zur Feier des zehnten Jahrestags der Unterzeichnung der Charta von Tallinn unzählige Male wiederholt. Die Tagung bot ein Forum für die Bestandsaufnahme der seit Unterzeichnung der Charta erzielten Fortschritte und für die Erkundung neuer Wege zur Umgestaltung der Gesundheitssysteme für die Verbesserung der Gesundheit.

In ihrer Eröffnungsansprache honorierte die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Dr. Zsuzsanna Jakab, die wichtigen Fortschritte der Länder der Europäischen Region auf dem Weg zu einer Verbesserung der Gesundheit und zu einem Ausbau der Gesundheitsversorgung zugunsten der gesamten Bevölkerung. Gleichzeitig forderte sie die Länder der Region jedoch mit folgenden Worten dazu auf, sich noch höhere Ziele zu setzen: „Wir können noch mehr erreichen. Mit unserem Wissen und unserer Erfahrung darüber, was funktioniert, und den neuen technischen Möglichkeiten sollten wir nicht jahrzehntelang damit warten, die Gesundheitslücke zwischen Ländern mit hohem Einkommen und solchen mit niedrigem Einkommen zu schließen. Gesundheitliche Zugewinne sind auch kurzfristig möglich.“

Während der Veranstaltung teilten eine Reihe von politischen Entscheidungsträgern und internationalen Fachleuten ihre Erfahrungen und Ideen dazu, wie sich die in der Charta von Tallinn enthaltenen Verpflichtungen und Werte umsetzen lassen. Sie bestätigten erneut, dass die europäischen Gesundheitssysteme auf den zentralen Grundsätzen von Solidarität und Chancengleichheit aufgebaut werden sollten, auch wenn sich die Lage in den zehn Jahren seit Unterzeichnung der Charta dramatisch verändert hat.

Anwendung der Konzepte von Inklusion, Investition und Innovation zur Umgestaltung der Gesundheitssysteme

Die Veranstaltung, an der 235 Vertreter aus 41 Ländern der Europäischen Region der WHO teilnahmen, orientierte sich an drei Hauptthemen: Inklusion, Investition und Innovation.

Die ersten beiden Plenarsitzungen konzentrierten sich auf das Thema Inklusion und begannen mit einer Grundsatzrede von Prof. Charles Normand vom Trinity College in Dublin (Irland). Prof. Normand hob drei Dimensionen der allgemeinen Gesundheitsversorgung hervor: „Wer hat Zugang zur Gesundheitsversorgung, in welchem Umfang sind diese Menschen abgedeckt und welche Leistungen fallen unter die Gesundheitsversorgung“.

Auf diese Rede folgte ein angeregter Dialog, in dem Erfahrungen aus Georgien, Griechenland und Slowenien zur Sprache kamen. Die Teilnehmer untersuchten hierbei, wie sich das Ziel einer allgemeinen Gesundheitsversorgung in der Praxis auf Länderebene umsetzen lässt und welche Ausdauer, welches Engagement und welche Kompromisse zuweilen hierfür erforderlich sind.

Die zweite Sitzung beschäftigte sich mit der Frage „Können sich die Menschen ihre Gesundheitsversorgung leisten?“ Fachleute aus dem Fachzentrum der WHO zur Stärkung der Gesundheitssysteme (Büro Barcelona) stellten erste Erkenntnisse einer neuen Studie vor, bei der Daten aus 25 Ländern in der Region zur Bewertung der finanziellen Absicherung herangezogen wurden. Aus den Daten geht hervor, dass selbst in den reichsten Ländern der Europäischen Region einige Haushalte durch die mit der Gesundheitsversorgung verbundenen Kosten verarmen. Grund hierfür sind in erster Linie hohe Zahlungen aus eigener Tasche.

Die Fachleute betonten, dass die Annahme von Konzepten zur Stützung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung mit Arzneimitteln zu einer Stärkung der finanziellen Absicherung führen kann. Sie verwiesen darauf, dass es in der Region bereits eine Vielzahl bewährter Praktiken gibt, die lediglich umfassender angewandt werden müssen.

Die Sitzung zum Thema Investition wurde mit einem kurzen Film über Geert van Maanen eröffnet, der sowohl beim niederländischen Finanzministerium als auch beim niederländischen Gesundheitsministerium als Generalsekretär tätig war. Der Film behandelte die Schwierigkeiten, denen man sich bei der Beschaffung von Ressourcen für die Gesundheitssysteme gegenübersieht.

Im Anschluss daran hielt Dr. Tomáš Sedláček, Chefstratege bei der tschechischen Bank ČSOB, eine Grundsatzrede, die Denkanstöße für die Podiumsdiskussion zu den Werten und ethischen sowie ökonomischen Argumenten für Investitionen in Gesundheitssysteme bot. Daraufhin wurden in zwei parallelen Sitzungen Wege untersucht, um den Dialog zwischen dem Gesundheits- und dem Finanzwesen im Hinblick auf Investitionen in Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheitsversorgung neu zu gestalten.

Die abschließende Plenarsitzung bot Raum für eine vielfältige Diskussion über die Nutzung von Innovationen und Systemen zur Deckung des Bedarfs der Bevölkerung. Eröffnet wurde sie mit einer Grundsatzrede von Prof. Trish Greenhalgh von der Universität Oxford (Vereinigtes Königreich), die die Komplexität der Einführung neuer Technologien im Gesundheitswesen erläuterte.

Dr. Greenhalghs systematische Herangehensweise an das Thema wurde anschließend durch konkrete Innovationsbeispiele aus Belgien, Finnland und Schweden untermalt. Aus dem Publikum wurde eine Reihe von Fragen an das Plenum gerichtet, die sich auf die Herausforderungen und Chancen von Innovationen im Gesundheitswesen bezogen.

Die anschließenden zwei parallelen Sitzungen betrachteten verschiedene Seiten von Innovation: innovative Gestaltung und Erbringung von Leistungen und vorherrschende technologische Innovationen.

Werte der Charta von Tallinn auch heute noch von Bedeutung

Zum Abschluss der Tagung fasste Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa, die Veranstaltung zusammen. Er kam zu dem Schluss, dass die wichtigste Botschaft der zweitägigen Veranstaltung in Tallinn die unumstößliche Verpflichtung der Länder der Europäischen Region sei, Gesundheitssysteme aufzubauen, die auf dem Prinzip der Solidarität basieren.

Dr. Kluge skizzierte drei Wege, wie sich diese Verpflichtung in den Ländern der Region umsetzen lässt:

  • durch eine Verstärkung der Bemühungen um die Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung;
  • durch eine Verstärkung der Bemühungen um eine praktische Umsetzung von Bürgernähe; und
  • durch ein Vorausdenken und -planen, um sicherzustellen, dass die Gesundheitssysteme auf jegliche Art von Krise oder Schock vorbereitet sind.

Riina Sikkut, Gesundheits- und Arbeitsministerin von Estland, brachte die Ansicht vieler Teilnehmer der Tagung zum Ausdruck, als sie sagte: „Die Charta von Tallinn liegt uns sehr am Herzen, und ich bin sicher, dass wir uns wieder in Tallinn treffen werden.“

Ein Abschlussdokument der Tagung, das durch Zuruf angenommen wurde, wird auch die Ergebnisse der hochrangigen Tagung zum Thema „Reaktion der Gesundheitssysteme auf nichtübertragbare Krankheiten“, die im April 2018 in Sitges (Spanien) stattfand, enthalten und bei der 68. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa in diesem September als Resolution vorgestellt werden.