Gesundheitsminister untersuchen die Idee der Auslösung einer gesundheitlichen Kettenreaktion fürs Leben

Weitere Auskünfte erteilen:

Gunta Lazdane
Leiterin des Programms für sexuelle und reproduktive Gesundheit
WHO-Regionalbüro für Europa
UN City, Marmorvej 51
2100 Kopenhagen Ø, Dänemark
E-mail: gla@euro.who.int

Tina Kiaer
Kommunikationsreferentin
WHO-Regionalbüro für Europa
UN City, Marmorvej 51
2100 Kopenhagen Ø, Dänemark
Mobiltel.: +45 30 36 37 36
E-mail: tki@euro.who.int

Kopenhagen und Minsk, 20. Oktober 2015

Der Lebensverlaufansatz, der sich mit der Gesundheit während des gesamten Lebens eines Menschen befasst, wird auf der Europäischen Ministerkonferenz der WHO zum Lebensverlaufansatz im Kontext von Gesundheit 2020, die am 21. und 22. Oktober 2015 in Minsk (Belarus) stattfindet, erstmals in Europa in den Mittelpunkt gerückt. Dabei werden Gesundheitsminister und andere Vertreter der 53 Mitgliedstaaten zusammen mit Experten der WHO die Politikgestaltung aus einem neuen Blickwinkel untersuchen und sich konkret mit den entwicklungsbedingten Ursprüngen von Gesundheit und Krankheit befassen und zwingende Argumente für politische Handlungskonzepte für mehr Gesundheit liefern, die in allen Altersgruppen und über Generationen hinweg an den Übergangsphasen im Leben ansetzen. Auf der Konferenz werden sich die Experten mit folgenden Fragen befassen:

  • Können negative Erkrankungen in der Kindheit die Saat für Krankheit im späteren Leben sähen?
  • Welche Rolle spielt das psychische und physische Wohlbefinden der Mutter für die Entwicklung eines Kindes?
  • Ist es jemals zu spät für eine Verbesserung der Gesundheit?
  • Wie wichtig ist eine glückliche Kindheit?
  • Wie wichtig ist es, ein Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben zu haben?
  • Bewirken widrige Umstände in frühen Lebensphasen Veränderungen im Gehirn und an der DNA? 

Wir wissen, dass ein Großteil der Entwicklung der Gehirnzellen eines Menschen bis zur Vollendung des dritten Lebensjahrs abgeschlossen ist, und deshalb spielt ein guter Start ins Leben eine enorm wichtige Rolle im Hinblick auf die Zukunft eines Kindes", sagte Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. Sie fügte hinzu: „Auch wenn ein guter Start eine gesundheitliche Kettenreaktion auslösen kann, die ein Leben lang anhält, so kann Gesundheit doch zu jedem Zeitpunkt geschaffen werden. Wenn wir es mit der Schaffung einer gesünderen Bevölkerung ernst meinen, dann müssen wir die Mechanismen verstehen, die der Fähigkeit zur Anpassung und Selbstbewältigung zugrunde liegen." „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Aufbau einer emotionalen Widerstandskraft und die optimale Nutzung von Bildungschancen die wichtigsten Marker für Gesundheit und Wohlbefinden im gesamten Lebensverlauf sind. Wir können es uns nicht leisten, Gesundheit einseitig vom Gesundheitswesen aus zu betrachten; vielmehr sind für einen Erfolg bei der Förderung von Gesundheit bereichsübergreifende Partnerschaften entscheidend."

Eine ganzheitliche Betrachtung von Gesundheit im gesamten Lebensverlauf könnte politischen Entscheidungsträgern dabei behilflich sein, die Zusammenhänge zwischen Erfahrungen in frühen Lebensphasen und Krankheit im späteren Leben besser zu verstehen. Dies würde die Entwicklung von Interventionen ermöglichen, die eine Optimierung von Gesundheit und Wohlbefinden sowie eine Erhaltung der körperlichen und kognitiven Funktionen in allen Lebensphasen bewirken können.

Der Lebensverlaufansatz befasst sich mit der Frage, wie körperliche und soziale Erfahrungen während der Schwangerschaft, in der Kindheit und Jugend, im jungem Erwachsenenalter und im späterem Erwachsenenleben langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit und auf Krankheitsrisiken haben können. Eine Reihe von Ländern haben diesen Ansatz in ihrer Politikgestaltung bereits erfolgreich angewandt.

  • Im Vereinigten Königreich etwa arbeiten die Kinderzentren der Organisation Sure Start gezielt darauf hin, bei Frauen im gebärfähigen Alter aus benachteiligten Verhältnissen die Qualität der Ernährung, das Wohlbefinden und das Bewegungsverhalten zu verbessern. Die Intervention hat bei den Frauen einen positiven Effekt auf das Gefühl der Kontrolle und der Bewältigungskompetenz.
  • Estland hat eine umfassende Sexualerziehung sowie jugendgerechte Angebote auf diesem Gebiet eingeführt. Neben anderen gesundheitlichen Verbesserungen hat dies auch einen Rückgang der Zahl sexuell übertragener Infektionen wie HIV, aber auch der Zahl unerwünschter Schwangerschaften bewirkt. 
  • In Irland wurde durch das Programm für altersgerechte Städte und Grafschaften eine vielfältige Gruppe zusammengeführt, die neben Leitern von Organisationen aus allen Bereichen staatlichen Handelns auch nichtstaatliche Organisationen für Senioren, Leistungsbieter, Wirtschaftsführer und Wissenschaftler aus dem Bereich der Altersforschung umfasst. Inzwischen engagieren sich alle Länder in diesem Handlungsfeld, wodurch die bisherige Zersplitterung erheblich abgenommen hat, während gleichzeitig in Irland eine neue Dynamik für ein positives Altern entstanden ist. 

Auf der globalen Ebene werden durch die von der WHO und vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen getragene Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus" die Krankenhäuser dazu ermutigt, Konzepte zur Förderung des Stillens einzuführen und ihre Mitarbeiter entsprechend zu schulen. Zu den Vorteilen aufgrund eines ausschließlichen Stillens gehören die Reduzierung des Risikos von Adipositas im Kindesalter, von Herzkrankheit, Diabetes mellitus, Durchfallerkrankungen, Atemwegserkrankungen und Allergien, aber auch die Förderung der Entwicklung eines höheren Intelligenzquotienten.

Die Konferenz in Minsk wird sich mit diesen komplexen Fragestellungen befassen und einen Prozess der Ausarbeitung von Konzepten in Gang setzen, die ein möglichst hohes Maß an Gesundheit in den frühen Lebensjahren, eine Aufrechterhaltung dieser Gesundheit im Jugendalter und eine Minimierung des Verlusts in späteren Lebensjahren bewirken sollen.