Neue Studie der WHO zeigt: Trotz deutlich sinkender Raucherzahlen bei Kindern im schulpflichtigen Alter werden Gesundheit und Wohlbefinden junger Menschen durch geschlechtsbedingte und soziale Ungleichheiten beeinträchtigt

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Kopenhagen, 15. März 2016

Eine neue gesamteuropäische Befragung von Schulkindern durch die WHO zeigt, dass der Anteil der 15-Jährigen, die im Alter von 13 Jahren erstmals geraucht haben, seit 2010 signifikant gesunken ist. Zwar bekunden 80% der befragten Schulkinder im Allgemeinen eine hohe Lebenszufriedenheit, doch weist der Bericht darauf hin, dass sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern und im sozioökonomischen Status in einer entscheidenden Entwicklungsphase negativ auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensgewohnheiten vieler junger Menschen auswirken.

Die alle vier Jahre aktualisierte Studie über das Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter (Health Behaviour in School-aged Children – HBSC) zeigt, dass der Anteil der 15-Jährigen in der Europäischen Region, die angeben, erstmals im Alter von 13 Jahren oder früher geraucht zu haben, zwischen der Befragung von 2009/2010 und der Umfrage für den Zeitraum 2013/2014 von 24% auf 17% gesunken ist. Der Rückgang bei Mädchen (von 22% auf 13%) fiel größer aus als bei Jungen (von 26% auf 22%). Die Daten zeigen keinen durchgängigen Zusammenhang mit dem Wohlstandsniveau der Familie, was darauf schließen lässt, dass das Rauchverhalten nur zum Teil von sozioökonomischen Faktoren bestimmt wird.

Dieser positiven Entwicklung beim Rauchen stehen jedoch andere Aspekte des Berichts gegenüber, die verdeutlichen, dass die Gesamtlebenszufriedenheit leicht abnimmt, wenn Kinder älter werden, und dass Kinder aus Familien mit niedrigerem Einkommen im Allgemeinen weniger Lebenszufriedenheit bekunden. 

Seit 2002 durchgeführte aufeinander folgende Studien haben gezeigt, dass die Unterschiede bei der Eigeneinschätzung der Lebenszufriedenheit zwischen Jugendlichen im westlichen und östlichen Teil der Europäischen Region kleiner geworden sind: Länder wie Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, die Russische Föderation und die Ukraine melden jeweils einen beträchtlichen Anstieg der Lebenszufriedenheit während des Untersuchungszeitraums, wenngleich sich die Zahlen seit der letzten Studie im Jahr 2010 stabilisiert haben. 

Daten als Grundlage für politische Handlungskonzepte zugunsten von Jugendlichen

Die für die Studie erhobenen Daten basieren auf Fragebögen, die von Tausenden von Jugendlichen ausgefüllt wurden. Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass deren Stimmen und Anliegen umfassend berücksichtigt werden, wenn die WHO ihre Strategien, Konzepte und Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen in der Europäischen Region ausarbeitet. Die Studie erweitert die wachsende Evidenzgrundlage, aus der sich die Forderung nach wirksameren und gezielteren Interventionen von Regierungen und politischen Entscheidungsträgern zur Bekämpfung der Auswirkungen sozialer, gesundheitlicher und geschlechtsbedingter Ungleichheiten unter jungen Menschen in der Europäischen Region ergibt.

„Die im entscheidend wichtigen zweiten Lebensjahrzehnt eines jungen Menschen erworbenen gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen und sozialen Angewohnheiten und Einstellungen können sich im Erwachsenenalter fortsetzen und den gesamten weiteren Lebensverlauf beeinflussen", sagte die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Dr. Zsuzsanna Jakab. „Ein guter Start kann ein Leben lang Früchte tragen." 

„Trotz beträchtlicher Fortschritte im Bereich der Gesundheit von Jugendlichen wie des erfreulichen Rückgangs der Zahl jugendlicher Raucher haben doch viele Jugendliche noch enorme Benachteiligungen zu tragen: So bekunden Mädchen und Kinder aus Familien mit niedrigerem Einkommen durchgängig schlechtere physische und psychische Gesundheit und weniger Bewegung als Jungen und Kinder aus wohlhabenderen Familien. Die Daten in der HBSC-Studie weisen den Weg zu Interventionen, die dieses Gefälle verringern und die Entwicklung positiver lebenslanger gesundheitsbezogener Verhaltensweisen fördern können." 

Der WHO-Bericht, der den Titel „Ungleich aufgewachsen: geschlechtsbedingte und sozioökonomische Unterschiede in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden junger Menschen" trägt, deckt 42 Länder in der Europäischen Region der WHO und Nordamerika ab. Die Ergebnisse werden von 340 Forschern in den Ländern analysiert, die vom Internationalen Koordinationszentrum an der Universität von St. Andrews in Schottland und dem Datenverwaltungszentrum an der Universität Bergen in Norwegen unterstützt und koordiniert werden.

Die länderübergreifende Erhebung deckt verschiedene Aspekte des gesundheitsbezogenen und des sozialen Verhaltens von Jugendlichen ab, einschließlich Selbsteinschätzungen in Bezug auf psychische Gesundheit, Adipositas und die eigene körperliche Erscheinung; Ernährungsgewohnheiten, das eigene Bewegungsverhalten, die Unterstützung durch Familienangehörige und Gleichaltrige, den Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum sowie den Themenkomplex Mobbing (siehe beiliegende Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der länderübergreifenden Erhebung).

Der jüngste HBSC-Bericht, der Daten aus den Erhebungen von 2013/2014 präsentiert, konzentriert sich insbesondere auf die Auswirkungen geschlechtsbedingter und sozioökonomischer Unterschiede auf das Wachstum und die Entwicklung junger Menschen.

Die Internationale Koordinatorin der HBSC-Studie und leitende Redakteurin des Berichts, Dr. Jo Inchley, sagte: „Die Ergebnisse machen große gesundheitliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich, die im Jugendalter erstmal auftreten oder sich verschärfen. Während Mädchen häufiger als Jungen Obst und Gemüse essen und sich die Zähne putzen, bekunden sie öfter eine negativere Selbstwahrnehmung und ein geringeres psychisches Wohlbefinden. Jungen sind im Allgemeinen körperlich aktiver, tendieren aber auch stärker zu riskantem Verhalten. Unterschiede zwischen den Ländern zeigen, wie wichtig es ist, die Rolle von Geschlechternormen und kulturellen Erwartungen zu verstehen, wenn man das Verhalten beeinflussen möchte. 

„Viele Aspekte von Gesundheit folgen sozialen Mustern. Bei jungen Menschen aus stärker benachteiligten Verhältnissen werden nicht nur weniger gesundheitsförderliche Verhaltensweisen und schlechtere gesundheitliche Ergebnisse beobachtet, sondern sie verfügen auch über weniger soziale Aktivposten wie Unterstützung durch Familienangehörige und Freunde." 

Die Strategie zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Europäischen Region der WHO basiert zu einem großen Teil auf Daten, die aus aufeinander folgenden HBSC-Studien stammen. Sie beschreibt eine Vision, Leitprinzipien und Prioritäten für Länder, die sich ressortübergreifend – von staatlichen über nichtstaatliche Organisationen bis zu Organisationen der Zivilgesellschaft – für den Schutz und die Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen in der gesamten Europäischen Region einsetzen.

In den 33 Jahren seit der Veröffentlichung des ersten Berichts zur HBSC-Studie hat sie in zahlreichen Ländern der Europäischen Region Politik und Gesetzgebung beeinflusst. Beispielsweise erhöhte die deutsche Bundesregierung nach der Feststellung eines dramatischen Anstiegs des Alkoholkonsums bei jungen Deutschen in dem Bericht von 2003 die Steuer auf „Alkopops" und verbesserte die Kennzeichnung, woraufhin der Alkoholkonsum signifikant zurückging. Die in aufeinander folgenden HBSC-Berichten zusammengestellten Daten wurden als Grundlage für die Entwicklung der 2013 angenommenen Strategie der schottischen Regierung für Schwangerschaft und Elternschaft bei jungen Menschen verwendet; ebenso lösten durch die HBSC-Studie aufgedeckte alarmierende Abwärtstrends bei der psychischen Gesundheit junger Schweden eine große angelegte Initiative der Staatlichen Gesundheitsbehörde mit dem Ziel aus, die Ursachen dieser Verschlechterung zu ermitteln und ihnen entgegenzuwirken.

„Wir dürfen junge Menschen nicht länger als eine homogene Gruppe betrachten, deren Bedarf mit einem einheitlichen Spektrum an Interventionen gedeckt werden kann", sagte Dr. Zsuzsanna Jakab. „Junge Menschen sind so heterogen und vielfältig wie Erwachsene; für sie wird eine Palette von Interventionen benötigt, die ihre Vielfalt widerspiegeln und ihr Alter und ihr Geschlecht sowie ihre sozialen und kulturellen Umfelder umfassend berücksichtigen. In dem Bericht schildern junge Menschen uns ihre Lebensumstände und heben hervor, was für sie wichtig ist – wir müssen diesem Vertrauen gerecht werden."