Gesundheitsausgaben treiben die Menschen in die Armut, selbst in Ländern der Europäischen Region mit hohem Einkommen

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Pressemitteilung

Kopenhagen, 12. Juni 2018

Eine neue Studie der WHO deutet darauf hin, dass Gesundheitsausgaben (Ausgaben für Arzneimittel und Gesundheitsleistungen) für viele Menschen unerschwinglich sind und in der gesamten Europäischen Region, auch in Ländern mit hohem Einkommen, zu finanziellen Härten führen. Die auf Daten aus 25 Ländern basierenden Schätzungen zeigen, dass bis zu 8% der Haushalte es sich nach Zahlungen aus eigener Tasche für die Gesundheitsversorgung nicht leisten können, grundlegende Bedürfnisse wie Nahrungsmittel, Miete oder Nebenkosten zu erfüllen. Diese Situation verstößt gegen den Geist der Charta von Tallinn, die im Jahr 2008 von 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region angenommen wurde und in der es heißt: Es darf „heute nicht mehr hingenommen werden […], dass Menschen infolge von Gesundheitsproblemen verarmen“.

Auf der hochrangigen Tagung der WHO zum Thema „Gesundheitssysteme für Wohlstand und Solidarität: niemanden zurücklassen“, die am 13. und 14. Juni 2018 in Tallinn (Estland) stattfinden wird, werden daher eine Reihe kritischer Fragen gestellt und die Länder aufgefordert, umgehend Maßnahmen zu ergreifen. Die Tagung fällt auf den zehnten Jahrestag der Unterzeichnung der Charta von Tallinn und wird sich mit dem Thema „Inklusion, Investition und Innovation“ und speziell der Nutzung von Innovationen, der Einführung energischer Präventionsmaßnahmen sowie der Frage beschäftigen, ob sich die Menschen ihre Gesundheitsversorgung leisten können.

Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht, doch für viele Menschen kaum erreichbar

„Seit der Unterzeichnung der Charta von Tallinn hatten die Gesundheitssysteme einen schweren Stand. Zehn Jahre später ist die Wirtschaftslage ungewiss, wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer und können die öffentlichen Gesundheitsausgaben mit den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr Schritt halten“, sagt Dr. Zsuzsanna Jakab. „Familien müssen oft ihre Gesundheitsversorgung aus eigener Tasche finanzieren. Viele können sich das nicht leisten. Wir appellieren dringend an die Länder, Maßnahmen zu ergreifen, um diese Zahlungen aus eigener Tasche unter 15% der Gesamtausgaben für Gesundheit zu halten. Bei dieser Veranstaltung wollen wir das Vermächtnis der Charta von Tallinn ehren, indem wir uns gemeinsam um Inklusion, Investition und Innovation zugunsten aller Menschen in der Europäischen Region bemühen.“

Das Jahrzehnt seit Unterzeichnung der Charta von Tallinn im Jahr 2008 begann mit einer Finanz- und Wirtschaftskrise, durch die in vielen Ländern der Europäischen Region der WHO die Fortschritte auf dem Weg zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung bedroht und Investitionen im Gesundheitswesen gefährdet wurden. Zum Zeitpunkt der Tagung von Tallinn im Jahr 2008 war die Zahl der Menschen, deren gesundheitliche Bedürfnisse nicht erfüllt wurden, in der gesamten EU rückläufig. Diese Entwicklung wurde durch die Krise umgekehrt. Zwischen 2008 und 2014 stiegen die unerfüllten Bedürfnisse in vielen Mitgliedstaaten, wobei der größte Anstieg in einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zu verzeichnen war.

Viele Länder der Region mit mittlerem und hohem Einkommen sind noch immer in hohem Maße darauf angewiesen, dass Einzelpersonen und Familien einen Großteil ihrer Gesundheitsausgaben aus eigener Tasche bezahlen. Im Jahr 2014 machten Zahlungen aus eigener Tasche durchschnittlich 26% der Gesamtausgaben für Gesundheit aus, wobei es innerhalb der Europäischen Region beträchtliche Unterschiede gab und der Anteil zwischen 5% und 72% lag. Neue Erkenntnisse der WHO belegen, dass Zahlungen aus eigener Tasche sich am stärksten auf jene auswirken, die am wenigsten in der Lage sind, für ihre Gesundheitsversorgung zu zahlen: die ärmsten Haushalte, Menschen mit chronischen Krankheiten und ältere Menschen. Zudem kommt die Studie zu der Feststellung, dass finanzielle Härten oft mit Zahlungen aus eigener Tasche für Arzneimittel einhergehen, insbesondere bei einkommensschwachen Menschen.

Neue Erkenntnisse identifizieren eindeutige Schritte, mit deren Hilfe die Länder die Gesundheitsversorgung für alle erschwinglich machen können

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass finanzielle Härten – also die Inzidenz von zu Verarmung führenden oder ruinösen Gesundheitsausgaben – mit zunehmendem Anteil der Zahlungen aus eigener Tasche an der Gesamthöhe der Gesundheitsausgaben zunehmen. Um die Zahlungen aus eigener Tasche zu reduzieren, sind Investitionen in die Gesundheitssysteme dringend erforderlich, die jedoch mit einer Verbesserung der Erstattungspraxis einhergehen sollten. Es gibt eine Vielzahl bewährter Praktiken in der Europäischen Region, doch in vielen Ländern könnte noch viel mehr getan werden, um zu verhindern, dass die Menschen zwischen ihrer Gesundheitsversorgung und anderen grundlegenden Bedürfnissen wählen müssen. Die Länder können finanzielle Härten vermeiden, indem sie die Gebühren für Leistungsempfänger sorgfältig überarbeiten und die Zuzahlungen möglichst gering halten, und so einkommensschwache Menschen und regelmäßige Nutzer der Gesundheitsversorgung zusätzlich schützen.

Blick in die Zukunft

Die Tagung bringt 250 politische Entscheidungsträger und Einflussnehmer aus der gesamten Europäischen Region zusammen und wird mit einer Abschlusserklärung enden, in der das Bekenntnis zu den Werten der Charta von Tallinn bekräftigt wird. Es werden Gesundheitsminister aus 15 Mitgliedstaaten erwartet, und die Tagung wird von der Präsidentin von Estland, Kersti Kaljulaid, eröffnet.