Gemeinsame Pressemitteilung von WHO-Regionalbüro für Europa und ECDC: Jährlicher Rückgang um 4% reicht nicht aus, um Tuberkulose bis 2030 zu beenden – Appell an den politischen Willen Europas, die Investitionen zur Beendigung der Tuberkulose zu erhöhen

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Kopenhagen/Stockholm, 19. März 2018

Aus einem neuen Bericht, der heute vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und dem WHO-Regionalbüro für Europa veröffentlicht wurde, geht hervor, dass die Zahl der neuen Tuberkulosefälle in der Europäischen Region der WHO in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 4,3% pro Jahr gesunken ist. Doch auch wenn dies der schnellste Rückgang von allen WHO-Regionen ist, so reicht dieser Trend doch nicht aus, um die Tuberkuloseepidemie bis 2030 zu beenden, wie in der Endspielstrategie für Tuberkulose und den Zielen für nachhaltige Entwicklung vorgesehen. Der neue Bericht wird zum Welt-Tuberkulose-Tag veröffentlicht, an dem in diesem Jahr die führenden Politiker der Welt dazu aufgefordert werden, mit forcierten Maßnahmen die Tuberkulose ein für alle Mal zu beenden.

„Es reicht nicht aus, uns im Schritttempo auf die Beendigung der Tuberkulose zuzubewegen, weil wir so für zu viele Menschen zu spät ankommen. Vielmehr müssen wir einen Sprung nach vorne machen und jetzt zum Wohle des Einzelnen und der Gesellschaft investieren. Aus dem Aktionsplan Tuberkulose für die Europäische Region der WHO (2016–2020) geht hervor, dass in der Europäischen Region innerhalb von fünf Jahren mit mutigen Maßnahmen mehr als 3 Mio. Menschenleben gerettet und 48 Mrd. US-$ eingespart werden können“, erklärt Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. „Wir müssen das Engagement der Politik auf allen Ebenen neu entfachen, um konkrete und sofort spürbare Ergebnisse zu erhalten, die das Leben all jener, die heute an Tuberkulose leiden, verändern und retten, damit wir unseren Kindern einmal eine Welt frei von Tuberkulose hinterlassen können.“

Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Dr. Vytenis Andriukaitis, erinnert an die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und fügt hinzu: „Die Europäische Kommission ist fest entschlossen, die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, das Ziel der Beendigung der Tuberkulose bis 2030 zu erreichen. Ich appelliere dringend an die führenden Politiker in Europa und darüber hinaus, bei der Bekämpfung der Tuberkulose einen ressortübergreifenden Ansatz zu verfolgen, die nötigen Mittel für die Forschung bereitzustellen, allen Menschen Zugang zu einer präventiven und kurativen Gesundheitsversorgung zu verschaffen und die sozialen Bedingungen zu bekämpfen, die die Ausbreitung der Krankheit begünstigen.“

Dr. Andrea Ammon, Leiterin des ECDC, kommentiert: „Eine anhaltende Wachsamkeit gegenüber Tuberkulose ist sogar in Umfeldern mit einer niedrigen Inzidenz wichtig, da es vor allem angesichts der erhöhten Mobilität der Menschen und der schwer zu behandelnden resistenten Formen dieser durch die Luft übertragenen Krankheit jederzeit zu einem Wiederauftreten kommen kann.“ Sie fügt hinzu: „Neue Technologien zur Unterstützung der Untersuchung grenzüberschreitender Ausbrüche der multiresistenten Tuberkulose, wie etwa die Ganzgenomsequenzierung, sind der Schlüssel zur erfolgreichen Bekämpfung der Übertragung in den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums.“

Niedrige Nachweisraten und unzureichende Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-Tb) sind die wichtigsten Antriebskräfte der Epidemie in der Europäischen Region

Trotz der erreichten Fortschritte stellt die Tuberkulose, insbesondere ihre resistenten Formen, in den Ländern der Europäischen Region der WHO eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Die neuesten Daten aus dem Tuberkulose-Surveillance- und Kontrollbericht verdeutlichen, dass jeder vierte Tuberkulosefall in der Europäischen Region unentdeckt bleibt. Zwar erhöhte sich der Anteil der diagnostizierten Fälle unter den MDR-Tb-Patienten von 33% (2011) auf 73% (2016), doch liegt er damit noch weit hinter der im Aktionsplan für die Europäische Region angestrebten Zielmarke von 85%.

Eine andere Herausforderung ist die Behandlung von medikamentenresistenten Fällen: hier reicht die beobachtete Verbesserung des Behandlungserfolgs von 46% (2013) auf 55% (2016) immer noch nicht aus, um die im Aktionsplan anvisierte Zielmarke von 75% für 2020 zu erreichen.

Die Ausbreitung der extensiv resistenten Tuberkulose (XDR-Tb) stellt eine zusätzliche Bedrohung für die Beendigung der Tuberkulose in der Europäischen Region dar. Im Zuge der schnellen flächendeckenden Einführung von Suszeptibilitätstests und der Verbesserung der Surveillance konnten die Länder 2016 insgesamt 5000 Fälle von XDR-Tb in der Europäischen Region entdecken, doch im Durchschnitt wird nur jeder dritte Patient mit XDR-Tb geheilt.

MDR-Tb in den EU- und EWR-Ländern

In den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums blieb die Rate der gemeldeten Fälle von MDR-Tb seit 2012 unverändert bei 0,3 je 100 000 EW. Doch der Anteil der XDR-Tb-Fälle unter den MDR-Tb-Fällen erhöhte sich in demselben Zeitraum von 13,9% auf 20,6%. Die Behandlungserfolgsrate für MDR-Tb und XDR-Tb ist nach wie vor niedrig.

Um gegen diese Bedrohung anzukämpfen, hat das ECDC 2017 ein neues Pilotprojekt über die Anwendung von Verfahren der Ganzgenomsequenzierung (WGS) auf den Weg gebracht, um den Nachweis und die Untersuchung des Mycobacterium tuberculosis in den EU- und EWR-Ländern zu verbessern. Sein Ziel ist die Festlegung gemeinsamer Normen für die WGS bei der Untersuchung von Bakterienstämmen der MDR-Tb und bei der Rückverfolgung von Ausbrüchen. Es soll auch alle Länder der EU und des EWR, die nicht über die Fähigkeit zur WGS verfügen, zur Anwendung der Technologie befähigen, indem es sie mit Instituten verbindet, die umfassende Erfahrung auf diesem Gebiet haben.

Entschlossenheit zur Beendigung der Tuberkulose bis 2030

2018 steht der zehnte Jahrestag der Unterzeichnung der Erklärung von Berlin: „Alle gegen Tuberkulose“ an, und während sich die Welt auf die erstmalig stattfindende Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Tuberkulose im September diesen Jahres vorbereitet, besteht eine dringende Notwendigkeit für entschlossenere Maßnahmen zur Beschleunigung der Eliminierung der Tuberkulose.

Dies erfordert die Nutzung vorhandener moderner Technologien zur Schnelldiagnose, die Ausweitung der Erforschung neuer Instrumente, die Entwicklung und Umsetzung von Vorschriften zur Verbesserung des Zugangs zu neuen Medikamenten und kürzeren Behandlungsverläufen und eine Zusammenarbeit mit allen maßgeblichen Akteuren, einschließlich der Zivilgesellschaft und der Patientenverbände, im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes.

Eine verstärkte Zusammenarbeit und eine intensivere Zuteilung von Ressourcen sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass jede von Tuberkulose betroffene Person Zugang zu hochwertigen Gesundheitsleistungen in den Bereichen Früherkennung, Behandlung und patientenorientierte Versorgung erhält.