Fortschritte im Bereich der gesundheitlichen Chancengleichheit sind in der gesamten Europäischen Region ins Stocken geraten – neuer Bericht der WHO macht deutlich, dass Defizite innerhalb einer Legislaturperiode abgebaut werden können

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Pressemitteilung

London, 10. September 2019

Der zum ersten Mal veröffentlichte Sachstandsbericht der WHO über gesundheitliche Chancengleichheit macht deutlich, dass gesundheitliche Benachteiligungen in vielen der 53 Länder der Europäischen Region der WHO trotz der Bemühungen der Regierungen um deren Beseitigung unverändert geblieben sind oder sich gar verschärft haben. In dem Bericht werden fünf zentrale Risikofaktoren genannt, die viele Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer davon abhalten, ein gesundes, sicheres und menschenwürdiges Leben zu führen.

„Der Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit bietet Regierungen erstmals die erforderlichen Daten und Instrumente, um gesundheitliche Ungleichgewichte zu beheben und schon innerhalb einer relativ kurzen Zeit – etwa der vierjährigen Amtszeit einer nationalen Regierung – sichtbare Ergebnisse zu erzielen“, sagt Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa.

Das im Bericht beschriebene Spektrum von Handlungskonzepten fördert sowohl eine nachhaltige Entwicklung als auch das wirtschaftliche Wachstum. Der Bericht stellt fest, dass ein Abbau der Ungleichgewichte um 50% den Ländern finanzielle Vorteile in Höhe von 0,3% bis 4,3% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bringen würde.

Wie tief ist die gesundheitliche Kluft in der Europäischen Region?

Die wichtigsten Erkenntnisse zum gegenwärtigen Gesundheitsstatus und den vorherrschenden Trends in der Europäischen Region insgesamt verdeutlichen eine beträchtliche gesundheitliche Kluft.

  • Auch wenn sich die durchschnittliche Lebenserwartung in der Europäischen Region im Jahr 2016 für Frauen auf 82,0 Jahre und für Männer auf 76,2 Jahre erhöht hatte, so herrschen noch immer erhebliche gesundheitliche Ungleichgewichte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. So reduziert sich die Lebenserwartung von Frauen um bis zu 7 Jahre und die von Männern um bis zu 15 Jahre, wenn sie zu den am stärksten benachteiligten Gruppen gehören.
  • Im Vergleich zum obersten Einkommens-Quintil melden nahezu doppelt so viele Frauen und Männer im untersten Einkommens-Quintil Erkrankungen, die ihre Fähigkeit zur Ausübung alltäglicher Aktivitäten einschränken.
  • In 45 der 48 Länder, die Daten zur Verfügung gestellt haben, schätzen Frauen mit der niedrigsten Zahl an Bildungsjahren ihren Gesundheitszustand häufiger als schlecht oder mittelmäßig ein, als dies bei Frauen mit der höchsten Zahl an Bildungsjahren der Fall ist; bei den Männern zeigt sich in 47 der 48 Länder ein ähnliches Muster.
  • Wie lange und wie gut man lebt, ist auch vom Wohnort abhängig: Aus den Trends geht hervor, dass sich in nahezu 75% der untersuchten Länder die Unterschiede bei der Lebenserwartung zwischen den am stärksten begünstigten und den am stärksten benachteiligten Gebieten seit mehr als zehn Jahren nicht verändert haben; in einigen Fällen haben sie sich sogar verschärft.
  • In den am stärksten benachteiligten Gebieten überleben 4% mehr Säuglinge ihr erstes Lebensjahr nicht als in wohlhabenderen Gebieten.
  • Mit zunehmendem Alter vergrößert sich die gesundheitliche Kluft zwischen sozioökonomischen Gruppen: Im Vergleich zu den wohlhabendsten Haushalten schätzen in den einkommensschwächsten Haushalten 6% mehr Mädchen und 5% mehr Jungen ihre Gesundheit als schlecht ein. Diese Kluft steigt im erwerbsfähigen Alter auf 19% mehr Frauen und 17% mehr Männer an und erreicht bei Menschen im Alter von 65 Jahren und darüber den Höchststand: mit 22% mehr Frauen und 21% mehr Männern in den einkommensschwächsten Haushalten, die ihre Gesundheit als schlecht bewerten, als dies bei derselben Altersgruppe in den wohlhabendsten Haushalten der Fall ist.
  • Die Tatsache, dass sich bei Menschen mit geringeren sozialen und wirtschaftlichen Ressourcen die Gesundheitsprobleme im späteren Leben verschärfen, deutet auf ein höheres Risiko in Bezug auf Armut und soziale Ausgrenzung, den Verlust der Fähigkeit zu einem selbstständigen Leben sowie eine schnellere Verschlechterung des Gesundheitszustands hin.

Darüber hinaus identifiziert der Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit neue und neu entstehende Gruppen, die dem Risiko gesundheitlicher Benachteiligung ausgesetzt sind. Hierzu zählen zum Beispiel jugendliche Schulabbrecher. Sie tragen aufgrund unsicherer Arbeitsmärkte und häufigerer Phasen der Arbeitslosigkeit ein höheres Risiko in Bezug auf psychische Gesundheitsprobleme und Armut.

Menschen mit Erkrankungen, die sie im Alltag einschränken, sind unverhältnismäßig stark im untersten Einkommens-Quintil vertreten. Eine das Leben beeinträchtigende Krankheit mindert ihre Fähigkeit zum Verbleib auf dem Arbeitsmarkt und erhöht die Gefahr der Verarmung und sozialen Ausgrenzung. Dieser enorme Verlust an menschlichem Potenzial wirkt sich auf die Nachhaltigkeit der Finanzen der Länder aus: durch Einbußen bei Steuern und Renten sowie erhöhte Sozialausgaben.

Neue Erkenntnisse darüber, welche Faktoren die gesundheitliche Kluft verschärfen

Forscher haben die Daten aufgeschlüsselt, um zu untersuchen, welche Faktoren die gesundheitlichen Ungleichgewichte in der Europäischen Region verschärfen. Sie identifizierten fünf wesentliche Faktoren und ordneten jedem einen Prozentsatz zu, der Auskunft über den jeweiligen Beitrag zur allgemeinen Last der Benachteiligung gibt.

  • Einkommenssicherheit und soziale Absicherung (35%)
    Etwa 35% der gesundheitlichen Ungleichgewichte sind durch finanzielle Schwierigkeiten bedingt. Zu den Betroffenen zählen auch jene, die trotz Vollzeitbeschäftigung regelmäßig Schwierigkeiten haben, die grundlegenden Güter und Dienstleistungen zu erwerben, die sie für ein menschenwürdiges und unabhängiges Leben brauchen. Sie werden als erwerbstätige Arme bezeichnet.
  • Lebensbedingungen (29%)
    Dieser Faktor umfasst Umstände wie die Unbezahlbarkeit oder fehlende Verfügbarkeit menschenwürdigen Wohnraums, den Mangel an Nahrungsmitteln sowie den Mangel an Brennstoff für das Beheizen der Wohnung und die Essenszubereitung. Weitere relevante Elemente sind unsichere Wohngegenden und häusliche Gewalt, beengte, feuchte und unhygienische Wohnverhältnisse sowie ein umweltbelastetes Wohnumfeld. Dieser Faktor ist für 29% der gesundheitlichen Ungleichgewichte verantwortlich.
  • Sozial- und Humankapital (19%)
    Diese Faktoren, die für 19% der gesundheitlichen Ungleichgewichte verantwortlich sind, umfassen ein Gefühl der Isolation, ein geringes Vertrauen in andere und die Angst, niemanden um Hilfe bitten zu können, aber auch das Gefühl, weniger Einfluss auf die Politik ausüben zu können und weniger imstande zu sein, die Dinge zum Besseren zu wenden. Als weitere Elemente sind hier auch Gewalt gegen Frauen, eine mangelnde Teilhabe an Bildung und Defizite in Bezug auf lebenslanges Leben zu nennen.
  • Qualität und Zugänglichkeit der Gesundheitsversorgung (10%)
    Das Unvermögen der Gesundheitssysteme, einen allgemeinen Zugang zu hochwertigen Angeboten zu bieten, ist zusammen mit einem hohen Maß an Zahlungen aus eigener Tasche für Gesundheitsleistungen für 10% der gesundheitlichen Ungleichgewichte verantwortlich. Zahlungen aus eigener Tasche können Menschen dazu zwingen, zwischen unentbehrlichen Gesundheitsleistungen und anderen grundlegenden Bedürfnissen zu wählen.
  • Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen (7%)
    7% der gesundheitlichen Ungleichgewichte sind durch die Unfähigkeit zu einer vollständigen Beteiligung am Erwerbsleben bedingt. Diese hat Auswirkungen auf die Qualität des Alltagslebens sowie auf längerfristige Lebenschancen. Ebenso wichtig ist die Qualität der Beschäftigung, denn auch unsichere oder vorübergehende Arbeitsverhältnisse sowie schlechte Arbeitsbedingungen wirken sich negativ auf die Gesundheit aus.

Der Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit erfasst erstmals die Wirkung von Handlungskonzepten zur Bewältigung dieser Risiken in den letzten 10 bis 15 Jahren. Er kommt zu dem Schluss, dass viele der entscheidenden Faktoren, die zur Verschärfung der gesundheitlichen Ungleichgewichte beitragen, von den Ländern in der Europäischen Region nicht ausreichend in Angriff genommen werden. Denn obwohl die gesundheitlichen Ungleichgewichte zu 29% auf prekäre Lebensbedingungen zurückzuführen sind, haben etwa 53% der Länder in der Region in den letzten 15 Jahren ihre Investitionen in den Wohnungsbau und in gemeindenahe Angebote reduziert.

„Dieser Bericht erläutert, wie wir mehr gesundheitliche Chancengleichheit verwirklichen und positive Veränderungen für alle Menschen in der Europäischen Region herbeiführen können. So können wir die Ziele für nachhaltige Entwicklung verwirklichen, insbesondere Ziel 10 über den Abbau von Ungleichheiten – das einzige Ziel, bei dem wir in unserer Region noch keine Verbesserungen vorweisen können“, sagt Dr. Jakab.