
Bonn und Kopenhagen, 23. Juni 2011
Unzureichende Wohnbedingungen sind jährlich für über 100 000 Todesfälle in der Europäischen Region der WHO verantwortlich – und zumindest teilweise auch für eine Vielzahl vermeidbarer Krankheiten und Verletzungen, darunter Erkrankungen der Atemwege und des Nervensystems, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Dies ist das wichtigste Fazit eines heute vom WHO-Regionalbüro für Europa veröffentlichten Berichts mit dem Titel „Die umweltbedingte Krankheitslast in Verbindung mit unzureichenden Wohnbedingungen“.
„Zuhause sollte ein sicherer Ort sein. Doch für viele Menschen ist das nicht der Fall, insbesondere für gefährdete Gruppen, die einen Großteil ihrer Zeit zuhause verbringen, wie Kleinkinder, Senioren und Menschen mit Behinderungen“, sagt Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. „Unzureichende Wohnbedingungen bilden eine ernste umweltbedingte Bedrohung für die Gesundheit, die vermeidbar ist. Wir hoffen, dass diese neuen Erkenntnisse Regierungen und kommunale Behörden dazu veranlassen werden, ihre Wohnungspolitik zu überprüfen, um die Gesundheit der Bürger in der Region zu schützen und die sozialen Ungleichheiten in Bezug auf die langfristige Exposition gegenüber Umweltrisiken abzubauen.“
Mit diesem quantitativen Bericht werden erstmals zahlreiche der mit Wohnen verbundenen Risikofaktoren, wie Lärmbelastung, Feuchtigkeit, Raumluftqualität, Kälte und Sicherheit, in einem Dokument abgehandelt, wobei jedes Kapitel eine statistische Analyse enthält, die auf zuverlässigen Daten und gesicherter wissenschaftlicher Evidenz beruht. Das Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen wie Rauchmeldern wird für jährlich 0,9 Todesfälle pro 100 000 Einwohner (EW) verantwortlich gemacht; das entspricht mehr als 7000 vollständig vermeidbaren Todesfällen in der gesamten Region pro Jahr. Menschen sterben an den Folgen von Kälte in der Wohnung: Niedrige Innenraumtemperaturen sind jährlich für 12,8 Todesfälle pro 100 000 EW verantwortlich, und die Exposition gegenüber Radon führt in bestimmten Ländern zu zwei bis drei Todesfällen pro 100 000 EW. Die Belastung durch Passivrauch ist jährlich für 7,3 Todesfälle pro 100 000 EW, die Verwendung fester Brennstoffe im Haushalt ohne geeigneten Abzug für 16,7 Todesfälle pro 100 000 Kinder und 1,1 Todesfälle pro 100 000 Erwachsene pro Jahr verantwortlich.
Unzureichende Wohnverhältnisse stehen auch in deutlichem Zusammenhang mit Gesundheitsproblemen und Krankheiten. In der gesamten Europäischen Region der WHO ist die Verwendung fester Brennstoffe im Haushalt für den Verlust von jährlich 577 behinderungsbereinigten Lebensjahren (DALY) pro 100 000 Kinder unter fünf Jahren verantwortlich, und Bleibelastung im Wohnumfeld führt zum Verlust von 79 DALY pro 100 000 EW. Daten aus insgesamt 45 Ländern deuten darauf hin, dass Schimmel in der Wohnung für den Verlust von jährlich 40 DALY pro 100 000 Kinder verantwortlich ist. Allein in Deutschland gehen jährlich 31 DALY pro 100 000 EW aufgrund der verkehrsbedingten Lärmbelastung verloren. Das Fehlen von Rauchmeldern ist für den Verlust von jährlich 22 DALY pro 100 000 EW in der gesamten Europäischen Region verantwortlich.
In den meisten Gesellschaften in der Europäischen Region verbringen die Menschen ca. 90% ihrer Zeit in Gebäuden. Deshalb kann durch Schaffung eines möglichst sicheren und gesundheitsverträglichen Wohnungsbestands ein erheblicher Nutzen für die öffentliche Gesundheit und die Gesellschaft insgesamt erzielt und ein Beitrag zur Primärprävention von nichtübertragbaren Krankheiten geleistet werden. Doch die Realität sieht anders aus: So wies noch 2009 ein erheblicher Teil des Wohnungsbestands in der Europäischen Union eine Vielzahl von Gesundheitsrisiken auf, darunter übermäßige Lärmbelastung (22%), Feuchtigkeit (16%), beengte Wohnverhältnisse (18%), Probleme mit der Beheizung im Winter (9%) und das Fehlen sanitärer Einrichtungen wie einer Spültoilette (3%) oder eines Bades oder einer Dusche (3%) in Innenräumen.* Für die Länder der Europäischen Region, die nicht zur EU gehören, sind vergleichbare statistische Daten nicht so leicht zu erhalten, doch es gibt Hinweise darauf, dass die Wohnungssituation dort schlimmer ist, insbesondere in den einkommensschwachen Schichten.
In der neuen Publikation werden die Ergebnisse einer internationalen Studie präsentiert, die vom Europäischen Zentrum für Umwelt und Gesundheit in Bonn koordiniert und in Zusammenarbeit mit dem WHO-Hauptbüro sowie einer Vielzahl von Experten und Institutionen in der Europäischen Region und anderswo durchgeführt wurde. In dem Bericht werden die Erkenntnisse über die Exposition gegenüber Gefahren im Wohnumfeld und die damit verbundenen gesundheitlichen Folgen geprüft und Empfehlungen zur Quantifizierung der gesundheitlichen Auswirkungen unzureichender Wohnbedingungen für ausgewählte wohnungsbezogene Risikofaktoren ausgesprochen. Dabei wird die umweltbedingte Krankheitslast aufgrund unzureichender Wohnbedingungen für elf konkrete Risiken im Wohnumfeld abgeschätzt. In Südosteuropa und Zentralasien, wo aussagekräftige Schätzungen durch einen Mangel an Expositionsdaten beeinträchtigt werden, ist eine Verbesserung von Überwachung und Datenerhebung erforderlich.
Die Ergebnisse des Berichts können von politischen Entscheidungsträgern auf kommunaler, nationaler und internationaler Ebene, aber auch von den für die Festlegung von gesundheitsbezogenen Wohnungsnormen und -vorschriften Verantwortlichen herangezogen werden. Weiterhin ist der Bericht von Bedeutung für alle im Wohnungswesen, im Gesundheitsbereich und in damit verbundenen Bereichen Tätigen, namentlich diejenigen, die neue und bestehende Wohnungen planen, bauen, renovieren oder finanzieren oder anderweitig mit ihnen oder ihrer Sanierung beschäftigt sind. Für Wissenschaftler und Forscher enthält der Bericht die Aufforderung zur Erhebung relevanter Daten zu diesen und anderen potenziellen wohnungsbezogenen Gesundheitsrisiken und verbessert das Verständnis der gesundheitlichen Belastungen, die auf unzureichende Wohnbedingungen zurückgeführt werden können.
Der vollständige Bericht mit den Erkenntnissen in Bezug auf die einzelnen Einschätzungen kann auf der Website des WHO-Regionalbüros für Europa abgerufen werden [nur EN], ebenso ein zusammenfassender Bericht mit den zentralen Ergebnissen und grundsätzlichen Konsequenzen [nur EN].
Matthias Braubach
Fachreferent, Lebende Umwelt und Gesundheit
Europäisches Zentrum für Umwelt und Gesundheit, Büro Bonn
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Viv Taylor Gee
Kommunikationsberaterin
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*Quelle: Statistiken der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (SILC) [Online-Datenbank]. Brüssel, Eurostat, 2011
Liuba Negru
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
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