WHO erklärt COVID-19-Ausbruch zur Pandemie
Auf der heutigen Tagung des Ständigen Ausschusses des Regionalkomitees für Europa unterrichtete Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, die Teilnehmer über die dramatische Zuspitzung der Lage in Bezug auf COVID-19 in der Europäischen Region der WHO, die inzwischen im Mittelpunkt dieser Pandemie steht.
Mit Stand vom 12. März vormittags gab es in der Europäischen Region mehr als 20 000 bestätigte Fälle, davon bisher knapp 1000 mit tödlichem Ausgang.
Dr. Kluge erklärte, es sei wohl noch mit einem weiteren Anstieg der Fallzahlen zu rechnen. Er appellierte dringend an die Länder, auch weiterhin auf Eindämmung zu setzen und gleichzeitig ihre Bemühungen zur Bekämpfung der Krankheit zu forcieren. Dabei komme es wesentlich auf schnelles Handeln an, bei dem jeder Tag zähle.
Im Vorfeld der Tagung hatte gestern der Generaldirektor der WHO, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, den COVID-19-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie erklärt. Diese Entscheidung fiel aufgrund der rapiden Zunahme der Fallzahlen außerhalb Chinas in den vergangenen beiden Wochen in einer steigenden Zahl von Ländern.
In seiner Ankündigung unterstrich der Generaldirektor: „Damit kein Missverständnis entsteht: Wenn ich von einer Pandemie spreche, bedeutet das nicht, dass die Länder den Kampf aufgeben sollten. Der Gedanke, dass die Länder von der Eindämmung zur Folgeminderung übergehen sollten, ist falsch und gefährlich.“
Erklärung von Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa
Immer mehr Länder berichten inzwischen von Fallhäufungen und von Übertragung im persönlichen Umfeld. Wir erwarten, dass in den kommenden Tagen und Wochen die Zahl der Fälle und der Todesfälle weiter rapide ansteigen wird, und wir müssen unsere Reaktion so intensivieren, dass wir Präventivmaßnahmen ergreifen, wo immer dies möglich ist. Solche Maßnahmen können dazu beitragen, die Pandemie zu verlangsamen und den Gesundheitssystemen Zeit zur Vorbereitung und zur Bewältigung der Folgen zu geben.
Wie wir bereits oft in letzter Zeit festgestellt haben, gibt es unabhängig von der Entwicklung der Krankheit in den einzelnen Ländern eine Reihe von Maßnahmen, die durchgeführt werden können und müssen. Es gibt keinen allgemein gültigen Ansatz für die gesamte Europäische Region. Die Beschreibung der Situation als eine Pandemie macht es erforderlich, dass die Länder ihre Anstrengungen forcieren und ein geeignetes Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Gesundheit, der Verhinderung eines ökonomischen und sozialen Bruchs und der Achtung der Menschenrechte herstellen. Ich bin mir im Klaren darüber, dass deshalb staatliche Behörden oft vor schwierigen Entscheidungen stehen.
Obwohl jedes Land für die Art und zeitliche Staffelung seiner Maßnahmen zur Prävention oder Verlangsamung der Übertragung des Virus selbst verantwortlich ist, ist das Regionalbüro der Ansicht, dass soziale Distanzierung und Quarantänemaßnahmen rechtzeitig und gründlich erfolgen müssen. Zu den Maßnahmen, die die Länder in Erwägung ziehen können, zählen die Schließung von Schulen und Universitäten, die Umstellung auf Heimarbeit, ein weitgehender Verzicht auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu Stoßzeiten und die Verschiebung nicht unbedingt notwendiger Reisen.
COVID-19 trifft ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen am schwersten. Aus Gründen der Solidarität müssen wir alle bereit sein, unseren Beitrag zum Schutz dieser am stärksten gefährdeten Gruppen zu leisten. Für Einzelpersonen ist es weiterhin sehr wichtig, auf strenge Hygiene zu achten und soziale Distanzierung zu praktizieren, insbesondere durch Vermeidung überfüllter Orte.
Wer sich nicht wohl fühlt, sollte zuhause bleiben und sich an seinen Arzt wenden. Solidarität bedeutet, dass wir uns streng an die Vorschriften und Verfahren halten müssen, die von den Gesundheitsbehörden in unseren Ländern festgelegt werden.
Das WHO-Regionalbüro für Europa wird die Länder und unsere Partnerorganisationen in der Europäischen Region weiterhin aktiv dabei unterstützen, die Folgen von COVID-19 für unsere Bürger zu verhindern oder abzumildern. Wir sind vor Ort in Italien präsent und sind dabei, Missionen in zwölf Länder vorzubereiten. Insgesamt sind seit Februar 2020 46 derartige Missionen durchgeführt worden.
Wir müssen uns eingestehen, dass der COVID-19-Ausbruch eine enorme Dynamik entwickelt hat. Bei unseren Entscheidungen haben wir nicht immer die beste Evidenz zur Verfügung, aber wir können es uns nicht leisten, auf bessere Evidenz zu warten. Deshalb appelliere ich an alle Länder, einen transparenten und zeitnahen Erfahrungs- und Praxisaustausch durchzuführen. Von Erkenntnissen über nachweislich wirksame Maßnahmen können wir alle profitieren.
Die Informationen, die wir aus anderen Regionen erhalten, sind ermutigend. Die rechtzeitige Durchführung geeigneter Maßnahmen kann den Verlauf der Pandemie beeinflussen. Angesichts einer so besorgniserregenden Situation, die unsere Gesundheitssysteme und gefährdete Personen so sehr belastet, kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich unser Handeln an dem lange bewährten Vorsorgeprinzip orientieren muss. Wenn wir alle an einem Strang ziehen und erkennen, dass es jetzt an der Zeit ist, der Gesundheit gegenüber allen anderen Belangen Vorrang einzuräumen, können wir diese schwierige Herausforderung bewältigen.
All den mutigen und selbstlosen Angehörigen der Gesundheitsberufe, die an vorderster Linie im Einsatz sind und sich darum bemühen, die Auswirkungen dieser Pandemie zu verhindern, einzudämmen und abzumildern und die schwer Erkrankten zu versorgen, sage ich an dieser Stelle: Danke für Ihren großartigen Beitrag.
Das WHO-Regionalbüro für Europa steht bereit, die Länder auch weiterhin zu unterstützen und zusammen mit seinen Partnerorganisationen die Vorsorge- und Gegenmaßnahmen aufrechtzuerhalten.“
Empfehlungen für die Europäische Region
Die Einstufung des COVID-19-Ausbruchs als Pandemie ändert nichts an der Risikoabschätzung und den Empfehlungen der WHO, nach denen die Länder eine Mischung aus verschiedenen Interventionen auf der Grundlage einer Analyse der örtlichen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen durchführen sollen, bei denen Eindämmung eine zentrale Rolle spielt.
Das WHO-Regionalbüro für Europa empfiehlt in Übereinstimmung mit den global geltenden Empfehlungen allen Ländern, ihre Bereitschaftsplanung zu intensivieren und ihre Warn- und Reaktionssysteme im Hinblick auf die Ermittlung, Bewältigung und Versorgung neuer Fälle von COVID-19 sowie eine entsprechende Risikokommunikation zu stärken.
Die Länder sollten sich auf verschiedene gesundheitliche Szenarien vorbereiten und sich darüber im Klaren sein, dass es keinen allgemeingültigen Ansatz für die Handhabung von COVID-19-Fällen und -Ausbrüchen gibt. Jedes Land sollte seine Gefährdung, die vorhandenen Maßnahmen und deren gesellschaftliche Akzeptanz bewerten und dann zügig die notwendigen Maßnahmen in angemessenem Umfang einleiten, um die Übertragung von COVID-19 zu unterbinden oder zu verlangsamen und gleichzeitig die ökonomischen, öffentlichen und sozialen Auswirkungen zu minimieren.
Für alle Länder lautet das letztendliche Ziel, die Übertragung des Virus zu beenden und seine weitere Ausbreitung zu verhindern, um Menschenleben zu retten.
Empfehlungen an die Bevölkerung
Das WHO-Regionalbüro für Europa fordert jeden Einzelnen dazu auf, durch folgende Maßnahmen Verantwortung für die eigene Gesundheit und den Schutz anderer zu übernehmen:
- häufiges Händewaschen mit Wasser und Seife oder Verwendung von Desinfektionsgel;
- soziale Distanzierung (einen Meter Abstand zu Personen, die husten oder niesen);
- Vermeidung des Berührens von Augen, Nase und Mund;
- Einhaltung von Atemhygiene (Bedecken von Mund und Nase mit der Armbeuge oder einem Taschentuch, dann sofortiges Wegwerfen des benutzten Taschentuchs);
- frühzeitige Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe, wenn Sie Fieber, Husten oder Atemprobleme haben; und
- regelmäßiges Einholen von Informationen und Befolgung der Empfehlungen des Gesundheitspersonals, der nationalen und kommunalen Gesundheitsbehörden oder des Arbeitgebers zum Schutz der eigenen Gesundheit und anderer Personen vor COVID-19.



