Erklärung – WHO/Europa: stagnierende Inanspruchnahme von COVID-19-Impfungen erfordert dringendes Handeln
Erklärung von Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, an die Presse
30. August 2021
In der Europäischen Region der WHO mit ihren 53 Mitgliedstaaten ergibt sich derzeit ein gemischtes epidemiologisches Bild.
Inzwischen verzeichnen wir 64 Mio. bestätigte Fälle und 1,3 Mio. Todesfälle. 33 Mitgliedstaaten melden einen Anstieg der 14-Tages-Inzidenz um mehr als 10%. Diese hohen Übertragungsraten sind zutiefst besorgniserregend – insbesondere angesichts der geringen Inanspruchnahme der Impfungen in vorrangigen Bevölkerungsgruppen in einer Reihe von Ländern.
Mehrere Länder verzeichnen eine zunehmende Belastung der Krankenhäuser und mehr Todesfälle. In der letzten Woche stieg die Zahl der Todesfälle in der Region um 11% – eine glaubwürdige Hochrechnung geht daher davon aus, dass wir in Europa bis zum 1. Dezember eine Zahl von 236 000 neuen Todesfällen verzeichnen werden.
Für diesen Anstieg sind drei Faktoren verantwortlich: Der erste ist die leichter übertragbare Delta-Variante, die mittlerweile in 50 Ländern der Region vorkommt. Der zweite Faktor ist die Lockerung der Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit. Und der dritte ist die saisonbedingte starke Zunahme von Auslandsreisen, die in den meisten Ländern zu einem erheblichen Anstieg der Fallzahlen beitragen. Einen besonders starken Anstieg der Fallzahlen verzeichnen die Balkanländer, die Kaukasusregion und die zentralasiatischen Republiken.
Wir müssen weiterhin entschlossen die verschiedenen Schutzschichten aufrechterhalten, einschließlich Impfungen und Schutzmasken. Impfmaßnahmen sind der Weg zu einer Wiederöffnung der Gesellschaft und einer Stabilisierung der Wirtschaft. Dennoch bleiben die Herausforderungen einer unzureichenden Produktion und Inanspruchnahme von und eines unzureichenden Zugangs zu den Impfstoffen bestehen.
Innerhalb von rund 8 Monaten wurden fast 850 Mio. Impfdosen verabreicht und nahezu die Hälfte der Menschen in der Region vollständig geimpft. Das ist eine beachtliche Leistung.
Doch in den vergangenen sechs Wochen hat die Inanspruchnahme der Impfungen in der Region nachgelassen, beeinflusst durch einen fehlenden Zugang zu Impfstoffen in einigen Ländern und einer fehlenden Annahme der Impfstoffe in anderen. Stand heute wurden lediglich 6% der Menschen in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Volkseinkommen in unserer Region vollständig geimpft.
Auch wenn fast drei von vier Gesundheitsfachkräften in der Region vollständig gegen COVID-19 geimpft wurden, gibt es Länder, die bislang lediglich ein Zehntel ihres Gesundheitspersonals geimpft haben.
Es besteht ein klares Erfordernis, die Produktion zu erhöhen, Impfdosen zu teilen und den Zugang zu Impfstoffen für die Mitgliedstaaten zu verbessern, damit sie ihrer Bevölkerung eine vollständige Impfung anbieten können. Alle Menschen überall sollten das Recht auf eine vollständige Impfung haben.
Impfungen sind ein Recht, aber sie sind auch eine Verantwortung. Die stagnierende Inanspruchnahme der Impfungen in unserer Region ist äußerst beunruhigend. Jetzt, wo die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und die sozialen Maßnahmen in vielen Ländern gelockert werden, ist die Annahme der Impfungen durch die Öffentlichkeit entscheidend, um eine stärkere Übertragung, schwerere Krankheitsverläufe, einen Anstieg der Todesfälle und ein größeres Risiko für das Auftreten neuer besorgniserregender Varianten zu verhindern.
Impfskepsis und die Leugnung der Wissenschaft halten uns davon ab, diese Krise zu stabilisieren. Sie sind zwecklos und dienen niemandem.
Die Beteiligung der Öffentlichkeit ist unerlässlich für den Erfolg der Impfmaßnahmen gegen COVID-19. Ein besseres Verständnis für die Wahrnehmungen der Menschen, einschließlich ihrer Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Impfstoffe, hilft den Ländern dabei, Gemeinschaften und Anbieter von Gesundheitsleistungen umfassend zu informieren, wo und wann immer dies notwendig ist.
Es ist daher unbedingt erforderlich, dass die Gesundheitsbehörden sich sehr genau anschauen, was die Annahme der Impfungen durch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bedingt, und dann maßgeschneiderte Interventionen auf Gemeindeebene einführen, um die Inanspruchnahme der Impfungen zu steigern.
Zusammen mit den Mitgliedstaaten hat WHO/Europa pragmatische Tools und Leitfäden entwickelt, um Engpässe in den Impfprogrammen zu identifizieren und zu überwinden und es den Ländern so zu ermöglichen, sich auf bewährte Praktiken anderer Länder zu stützen. Diese Tools stehen allen Regierungen zur Verfügung.
Eine Erhöhung der Impfstoffproduktion, die gerechte Verteilung der Impfstoffdosen sowie die Förderung der Annahme der Impfungen und Steigerung der Nachfrage sind die drei grundlegenden Elemente, derer es bedarf, um das Versprechen zu halten, dass die Europäische Region mithilfe der Impfmaßnahmen die Pandemie überwinden kann.
Meine abschließenden Anmerkungen sollen den Kindern gelten.
Ihre Schulen müssen geöffnet werden.
Schulschließungen verzögern die akademischen Leistungen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Schulabbrüchen und wirken sich auf die psychische Gesundheit der Kinder aus. Unsere Kinder haben in den letzten zwanzig Monaten schwer gelitten, insbesondere jene, die bereits vor der Pandemie gefährdet waren oder nicht von digitalen Unterrichtsformen profitieren konnten.
Anders als noch vor einem Jahr sind wir jetzt in der Lage, sie zu schützen.
Während Millionen von Kindern in die Schulen zurückkehren, fordern WHO/Europa und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) die Länder eindringlich dazu auf, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit die Schulen wieder öffnen und offen bleiben können.
Zu diesen Maßnahmen zählen etwa die Umsetzung einer Impfstrategie für Lehrer und Schulpersonal sowie für Kinder über 12 Jahren, insbesondere für jene mit vorbestehenden Erkrankungen; die Verbesserung der schulischen Umfelder durch eine saubere Sanitärversorgung, gute Handhygiene, ausreichende Belüftung, sofern möglich kleinere Klassengrößen, physische Distanzwahrung und das Tragen von Schutzmasken, je nach örtlicher Risikobewertung, sowie das regelmäßige Testen von Kindern und Personal; und vor allen Dingen der Schutz des seelischen und sozialen Wohlbefindens der Kinder.
Bei uns ist heute Zhanerke Assetova, eine Fremdsprachenlehrerin aus Kasachstan, die diese Herausforderungen aus erster Hand erlebt. Vor dem Hintergrund des neuen Schuljahrs bin ich sehr gespannt zu erfahren, wie sie mit den Maßnahmen zum Schutz vor COVID-19 in ihrer Schule und ihrem Klassenraum umgehen wird.
Abschließend möchte ich Zhanerke und allen Lehrerinnen und Lehrern auf der ganzen Welt, die vor so vielen Herausforderungen standen und dennoch weiterhin ihre Arbeit in ihren Gemeinschaften und für unsere künftigen Generationen geleistet haben, aus ganzem Herzen danken.
Vielen Dank.



